Hiddensee (1)

Hiddensee (1)

Hauptmanns Feder am Himmel über Hiddensee

Gerhart Hauptmann machte Urlaub auf Hiddensee. Ringelnatz auch. Autoren, Bildhauer, Maler, Regisseure, alle kamen und hatten Spaß. Nehme ich zumindest an. Ehrlich gesagt hatte ich, wie ich nur ungern zugebe, nie daran gedacht, dass nicht nur sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, vielleicht auch Beamte und Gewerbetreibende, Urlaub machen, ach was, das ist, was ich dachte: Wie kann es sein, dass Ringelnatz Urlaub brauchte, Hauptmann Berlin verließ, um baden zu gehen? Wovon brauchten die Urlaub? Vom Genie? Geht das? Meine Verwirrung darüber war so groß, dass ich außer Acht ließ, dass ich Urlaub brauchte, na ja, brauchte, machte, ich als Rentner. Wovon? Von meinem beschaulichen, recht selbstbestimmten Dasein außerhalb der großen Tretmühle?

Da haben wir ja auch schon die Erklärung: Urlaub macht vielleicht, wer ihn braucht, aber jeder braucht Urlaub, weil der Urlaub das andere ist, die Abweichung von der Regel, der Moment des Innehaltens oder auch des Aufdrehens, der Besinnung oder auch der Besinnungslosigkeit. Jedenfalls sollte das Recht auf Urlaub im Grundgesetz stehen. Mindestens. 1903 haben übrigens Brauereiarbeiter das Recht auf Urlaub erstmals durchgesetzt. Drei Tage im Jahr. Natürlich bei einer Sechstagewoche. Drei Tage!

Hauptmann hatte Hiddensee zu jener Zeit längst als Urlaubsziel festgemacht. Für drei bis vier Monate im Jahr. Natürlich hat er auch auf Hiddensee gearbeitet. Was manche Künstler eben so Arbeit nennen. Denken und Formulieren. Produktivspaziergänge hat er seine Strandspaziergänge genannt, weil ihm am Strand der Ostsee klar wurde, was die Träume der vergangene Nächte an Rohmaterial zurückgelassen hatten. Im Schlaf kamen die Bilder, die Ideen, am Strand der rote Faden und im Kreuzgang in Haus Seedorn die Wörter und Sätze, wenn er seiner Helferin Fräulein Jungmann, seinem Jungmännchen, im Gehen und Stehen diktierte, was in abendlicher Runde zum Klingen gebracht wurde. Gerhart Hauptmann also machte Urlaub auf Hiddensee – und wir auch. Also nicht zusammen, nicht einmal gleichzeitig.

Obwohl, wenn man so will, also eigentlich… ja, doch. Gerhart Hauptmann ist auf Hiddensee begraben worden, das war nicht sein Plan, falls es denn zu seinem Plan gehörte, irgendwann zu sterben und begraben werden zu müssen. Seine schlesische Heimat gehörte 1946, als er starb, nicht mehr länger zu Deutschland und die Polen, die neuen Herren im Lande, wollten ihn nicht. Hiddensee wollte ihn, den Literaturnobelpreisträger, der Hiddensee wohl erst zum Ferienparadies der Künstler und Intellektuellen gemacht hatte. Also kann jetzt, wer will, Hauptmann auf Hiddensee besuchen und bei der Gelegenheit auch gleich Haus Seedorn besichtigen, Hauptmanns Domizil, das jetzt als Gerhart-Hauptmann-Haus ein Museum geworden ist und auch ohne Führung eine Menge über den Mann und seine Zeit erzählt.

Wir waren also bei Gert, ich hoffe, das klingt nicht despektierlich, immerhin sind wir inzwischen häufige Besucher seiner Grabstätte und des Hauses bzw. der Buchhandlung, die zum Museum gehört. Elfie, meine Frau, hat während ihrer Schulzeit den Bahnwärter Thiel gelesen, also nicht während ihrer gesamten Schulzeit, so dick ist das Reclamheftchen auch nicht. Gelesen ist auch zu schwach, durchgearbeitet, Zug um Zug.

Ich mit meiner kaufmännischen Bildung, Ausbildung wohl besser, hatte nichts von ihm gelesen oder jedenfalls nichts, was ich bei einem Verhör gestehen könnte. Also musste ich das nachholen, mit einem der dünneren Bücher aus der Museumsbuchhandlung, weil ich fand, ich könnte nicht in seinem Haus herumstreifen und an seinem Grab stehen, ohne seine Stimme im Ohr zu haben. Ach ja, die habe ich mir bei YouTube angehört. Aber seine Sätze, seine ausschweifende, etwas altväterliche Art der Formulierung, seine Adjektive, seine Sprache wollte ich lesen, weil ich ihm, wie ich das an anderer Stelle schon sagte, nicht einmal an seinem Grab oder in seinem Haus näher kommen kann, als in seinen Texten.

2 Gedanken zu “Hiddensee (1)

  1. Hauptmann ist aber in Schlesien gestorben, in seinem Haus, das, wenn ich das so sagen darf, ich unbedingt meinem Geschmack entspricht. Ich war mal dort … aber das tut nichts zur Sache. Da er in der Sowjetunion wegen seines sozialkritischen Frühwerks hoch angesehen war, halfen sowjetische Funktionäre ihm, so dass er gegen den Willen der polnischen Behörden nicht ausgewiesen wurde. Er hat testamentarisch bestimmt, dass er in Schlesien beerdigt werden wollte. Das ist dann aber nach einigem Hinundher nicht geschehen … so kam der Sarg nach Hiddensee …

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