Im Kino mit Paula

Vielleicht sollte man sich meine Meinung zu Kinofilmen einfach schenken. Offenbar, nein, ganz sicher gehöre ich nicht zur relevanten Zielgruppe. Das wird mir jedes Mal schmerzhaft bewusst, wenn ich den Werbeblock vor dem Hauptfilm sehe. Ich bin gern pünktlich, anders gesagt, ich hasse es, unpünktlich zu sein, deshalb sitze ich auch brav auf meinen Platz, wenn das Licht ausgeht und die ersten eindrucksvollen Landschaftsaufnahmen über die Leinwand, nein, nicht flackern oder flimmern, alles voll digital, rattenscharf.

Hey, denke ich, aber da wird aus dem ruhigen Blick auf eine faszinierende Hügellandschaft auch schon eine laute, schnell geschnittene Action-Szene. The Great Wall, wieder einmal geht es um das Schicksal der ganzen Menschheit, darunter tut es kaum noch jemand. Dann La La Land, bonbonfarbene gute Laune. Tut mir leid, aber aufwändige Musicalfilme im Kino sind ein sicherer Indikator für richtig miese Zeiten, Weltkriege oder so. Dann beginnt Paula – Mein Leben soll ein Fest sein. Es geht um Paula Modersohn-Becker. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich noch über Otto Modersohn geschrieben, einen soliden Landschaftsmaler, der genau das sein wollte: ein Landschaftsmaler.

Dieser Mann, der mit seiner Kunst rang und seinen eigenen Weg fand, geriet an eine junge Frau, die vielleicht zunächst handwerklich noch viel zu lernen hatte, aber einen ganz eigenen Ausdruck fand, einen, der so anders war, dass Otto und der Rest der Welt davon zunächst überfordert waren.

Wie Paula darum kämpft, als Malerin anerkannt zu werden, wie Otto sie dabei fördert und sie in ihrer Entwicklung doch auch wieder behindert, weil er nun einmal in Worpswede lebt, in einer einsamen Moorlandschaft, wie Otto um seine Paula kämpft und sie doch nach Paris ziehen lässt, damit sie lernen und wachsen kann, sie dabei auch finanziell unterstützt, obwohl er sie nicht mehr versteht, all das ist auch in diesem Film zu sehen, irgendwie jedenfalls.

Mir wird zu viel gelacht und geweint und zu schwer geatmet. Die Landschaftsaufnahmen sind stimmig, der Rest, nein, den glaube ich schlichtweg nicht. Die Landbevölkerung ist einfach nur malerisch, nur komisch, überhaupt fast alles ist ein bisschen zu sehr als ob. Nie habe ich das Gefühl, dass es so gewesen sein könnte.

Paula als Künstlerin, ihr Versuch, einen eigenen Weg zu finden und zu gehen, bleibt dabei leider auf der Strecke. Schließlich stirbt sie in Worpswede und ihre letzten Worte lauten:  Ach wie schade.

Genau das denke ich auch. Paula hätte einen besseren Film verdient.

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10 Gedanken zu “Im Kino mit Paula

  1. Ich mag generell keine „Biopics“ – diese ganzen historisierenden Filme, nee…
    Ist so eine Mode zur Zeit: alle möglichen Leute werden aus der Kiste gezogen
    und verfilmt – anscheinend fällt den Drehbuchschreibern nichts mehr ein. 😉

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    • Wenn ein Film mir etwas über die Zeit und die Bedingungen, unter denen gelebt und gearbeitet wurde, über die Ideen der Künstler/innen oder Politiker erzählt, dann kann das aufschlussreich sein, dann ergänzt das theoretisches Wissen. Aber wenn die Biographie nur dazu dient, Gefühlskino zu produzieren, dann ist das für mich ebenso überflüssig wie die amerikanischen Versuche, die eigene Geschichte durch das Medium Film umzudeuten.

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      • In unserem Alter hat man ja nun auch schon einige Jahrzehnte Kinogeschichte miterlebt und den Rest retrospektiv verfolgt – so schnell zeigt mir da kein Regisseur mehr etwas wirklich Neues. Im Gegenteil, es scheint schablonenhafter zu werden. Vieles ist in älteren Kinoarbeiten bereits besser erzählt worden – dazu das unselige Thema der Remakes usw. usf. Es muss schon was besonderes passieren, damit es mich noch aus dem Kinosessel haut. Und das geschieht immer seltener. 😉

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    • Ich stimme dir absolut zu! Rahel Varnhagen von Ense, mit der ich mich in diesem Rahmen auch schon mal beschäftigt habe, gehört in diese Liste. Hannah Arendt ist aus meiner Sicht im Spielfilm hervorragend porträtiert worden. Paula Modersohn-Becker gehört eigentlich nicht zu den vergessenen, übersehenen Künstlerinnen, an ihrem Schicksal interessiert uns vielleicht ihr exemplarischer Kampf für die Anerkennung ihrer Kunst, ihrer eher expressionistischen Malerei. Daneben ist es aber auch ihr kurzes Leben und ihr dramatischer Tod mit diesen letzten Worten „Wie schade“, die natürlich immer gut sind für Aufmerksamkeit und eine Packung Papiertaschentücher.

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  2. „Postkartenmalerei“ schreibt Andreas Kilb in der FAZ, und sein Urteil deckt sich weitgehend mit deinem. Mir scheint deine Meinung nicht deshalb verlässlich, sondern weil du dich erst kürzlich in einem Text mit Otto Modersohn und Paula Modersohn-Becker beschäftigt hast. Es ist überdies bequem für mich, wenn ich etwas über einen aktuellen Film erfahre, ohne selbst ins KIno gehen zu müssen. Danke dir.

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