OMMT

Von Unbekannt - Scan, PD-alt-100, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=8936083

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So ein Text hat ja etwas von einer Baustelle. Einer Baustelle, auf der nur einer arbeitet. Gut, das kennt man aus der Realität, da schaufelt auch einer unten in der Grube, während drei oben in einen Plan gucken, sich eine Zigarette drehen und ihre Mails checken. So falsch ist das Bild nicht, denn auch wenn ich hier schreibe, kommt doch immer etwas dazu, ein Textzitat, auf das ich stoße, eine Information, die unbedingt eingeholt werden will und dann einen Dominoeffekt auslöst.

Dann komme ich daher und will irgendwo hin. Manchmal jedenfalls, manchmal auch nicht, aber wenn ich ein Ziel habe, dann scheint mir das oft sehr konkret, ich habe es ganz genau vor Augen – bis ich anfange, mich auf den Weg dorthin zu machen. Schon breitet sich Nebel aus, das gerade noch so sicher geglaubte, wird schemenhaft, unbestimmt und mit einer kaum noch glimmenden Idee taste ich mich vorwärts, treffe auf Gestalten, mit denen ich nicht gerechnet habe, die aber nun mal da sind und deshalb plötzlich die Richtung mitbestimmen, komme auch mal ganz vom Wege ab und finde erst nach seltsamen Umwegen zurück.

Und da bin ich! Markt 9, Tecklenburg. Direkt neben dem Haus des Gastes. Warm und trocken. Nicht gar so viel Licht vor der Tür, dafür hohe, helle Räume. Das OMMT. Es kürzt sich wirklich so ab, das Otto Modersohn Museum Tecklenburg. Vier Euro Eintritt pro Person. Aber, wie gesagt, es regnet, es ist kühl geworden. Otto Modersohn, das war doch der Mann von Paula. Paula Modersohn-Becker. Modersohn gehört nach Tecklenburg und auch wieder nicht. In Soest geboren, in Münster aufgewachsen, also ein Künstler mit westfälischen Wurzeln. Sein Bruder war Richter in Tecklenburg und hat gleich nebenan gewohnt, in dem Haus, das jetzt das Haus des Gastes ist. Nein, Otto hat nicht im OMMT gewohnt, er hat überhaupt nicht in Tecklenburg gewohnt, er war hier nur zu Besuch. Öfter. Er hat hier gezeichnet und gemalt.

Wenn das kein Anlass ist, hier ein Museum aufzuziehen! Es ist ein kleines Museum. Im Erdgeschoss die Kasse und der Museumsshop, links zwei, drei Räume mit Landschaftsgemälden Otto Modersohns, die hier entstanden sind, die Tecklenburg und die Umgebung zeigen. Rechts ein, zwei Räume mit Zeichnungen und Skizzenbüchern. Im ersten Stock dann ein paar Informationen über Otto in Tecklenburg und ein abgedunkelter kleiner Raum, in dem ‚So weit und groß‘ gezeigt wird. Von der Dame an der Kasse dringend empfohlen. Der Film läuft in einer Endlosschleife, wir setzen uns und steigen irgendwo ein. Nach einiger Zeit ist klar, dass das dauern wird. Für vier Euro geht man hier ins Kino.

Hinterher ist man ja immer schlauer: 1:19 Std. steht auf der DVD im Shop, es sind dann aber nur 79 Minuten.

Modersohn wollte Landschaftsmaler sein. In Worpswede und Fischerhude hat er seinen Weg gefunden. Dreimal war er verheiratet, zwei seiner Frauen waren oder wurden ebenfalls Malerinnen. Paula hat Schritte getan, Wege gewagt, die Otto nicht gehen konnte oder wollte, ihre Bilder kennen wir, ihr Schicksal ergreift uns heute noch, ist gerade Anlass für einen Kinofilm. Aber Otto Modersohn war kein kleiner, unbedeutender Maler, einer, für den ein Kleinstadtmuseum gerade richtig wäre.

„Nicht der ist ein großer Maler, der die Natur getreulich wiedergibt, sondern der, der die Natur mit seiner Phantasie erfüllt und diese neu entstehen lässt, wie seine Phantasie sie erschaut.“

Otto Modersohn, Tagebuch, 17. August 1924

Vieles ist noch zu sehen von dem, was ihm einst als Motiv diente, aber vieles sieht man anders, wenn man Otto Modersohns Bilder gesehen hat.

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11 Gedanken zu “OMMT

  1. Was für ein schönes Zitat aus dem Tagebuch von Otto Modersohn! Vor allem auch, wenn man bedenkt, welche Materialien als Farben damals zur Verfügnung standen, im Vergleich zu den modernen Farben in den Läden für des heutigen Kunstbetriebs.

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  2. Mir gefällt, was du eingangs über den Vorgang des Schreibens sagst. Ich musste erst einmal darüber schlafen. Heute morgen wusste ich dann, welche Frage die Baustellenmetapher aufwirft. Wer sind die mit dem Plan des Textes? Jeder, der schreibt, hat schon erlebt, dass ein Text sich quasi selbst geschrieben hat, als folge er einem geheimen Plan – wie im autogenen Training du nicht atmest, sondern es atmet dich. Der Autor „schaufelt (…) unten in der Grube“, die mit dem Plan stehen über seinem Kopf als kosmische Architekten, was ja bedeutet, dass der Autor primär ausführt, was über ihm geplant wurde. Gelegentlich weicht er ab, weil er auf etwas gestoßen ist, da trifft seine Schaufel auf einen Findling, der erst geborgen werden muss, bevor es weiter nach Plan geht.
    Verloren ist die Zeit als Baumeister und Architekt noch in einer Person vereinigt waren.

    Wie geht das zusammen mit der Malerei, wozu Modersohn sagt:
    „Nicht der ist ein großer Maler, der die Natur getreulich wiedergibt, sondern der, der die Natur mit seiner Phantasie erfüllt und diese neu entstehen lässt, wie seine Phantasie sie erschaut.“ Was erschaut da die Phantasie, ein Bild von einem kosmischen Plan?

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    • Roland Barthes hat ja schon den Tod des Autors diagnostiziert, aber es ist ja ganz sicher so, dass wir, wenn wir schreiben, nicht nur aus uns selbst schöpfen. Nicht nur ist dabei eine maßlose Untertreibung. Wir hängen an den Ideen anderer wie an einem Tropf. Was weiß ich denn aus eigener Anschauung, eigener Erfahrung? Wie unterscheide ich denn zwischen meiner Idee und einer Erinnerung? Wie oft denke ich, eine überraschende Formulierung, einen originellen Einfall gefunden zu haben – und muss nach kurzer Recherche feststellen, dass ich da nicht der erste war. Am Rande meiner, unserer Baugrube steht vielleicht das kollektive Gedächtnis der Menschheit, das keinem anderen, als dem Plan der Natur folgt, die uns Möglichkeiten und Beschränkungen schafft. Das Material, das große Puzzle, oder, wenn es dir lieber ist, der Setzkasten ist da, aber es ist die eigene Brille, durch die wir einen Blick darauf werfen. Und wenn wir bei dem Bild der Baugrube bleiben wollen: Der eine gräbt tief, der andere breit, einer stößt auf eine Quelle, ein anderer auf Gold. Und ich höre immer vorher auf, weil mir die Arme weh tun.
      Der kosmische Plan besteht, jedenfalls soweit ich in der Eile einen Blick darauf werfen konnte, nur aus aus drei Wörtern: Trial and error!

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      • „Der Tod des Autors“ räumt mit der rezeptionstheoretischen Idee auf, die in der Schule zur Frage führt: „Was will uns der Autor mit seinem Text sagen?“ Manchmal sagt ein Text etwas ganz anderes als der Autor wollte. Die Polyfunktionalität ist ja ein Merkmal der Kunst. In diesem Sinne ist der Leser als Sinngeber für den Text ebenso wichtig wie der Autor.
        Dass du die Metapher erweitert hast um das kollektive Gedächtnis, gefällt mir gut. Es steckt ja schon in unseren Wörtern soviel Wissen und Lebenserfahrung, dass man nur hineinhorchen muss in eine Sprache, um zu sehen, was sich damit machen lässt. Der kosmische Plan nach deiner Lesart bietet hinreichend Anregung.

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      • Gerade bei den Texten, die hier im Netz erscheinen, zeigt sich auch an den Kommentaren, welche Interpretation für die Leser wichtig werden, welchen Zugangspunkt sie für einen Text wählen. Das ist eine gute Übung in Demut.

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      • „Dass wir, wenn wir schreiben, nicht nur aus uns selbst schöpfen“, das ist wohl gewiß. Große Realität und kleine persönliche Realität spielt sicherlich eine Rolle beim Texten, die gelesene Fiktionalität sicherlich auch, Wissen, Lachen, Trullala auch. Und wohl ganz blank auch die Lust an der Sprache, an Formulierungen, die im Alltagsleben nicht anzubringen sind, an Wort-Ketten, die wir uns sonst nicht legen können, an der Schönheit in Print und Online, die vor der Tür oft genug prompt aufhört.

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  3. Pingback: Im Kino mit Paula | Manfred Voita

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