Fremde Worte

Von Carole Raddato from FRANKFURT, Germany – Apollo with lyre, fresco fragment from the vicinity of Augustus house, Palatine Museum, Rome, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30371189

Morgen, 18 Uhr, hatte Benny gesagt, der in solchen Momenten trotz ihrer langen Freundschaft wieder zu Dr. Bernhard Mettkemper wurde, Lektor und Programmchef des Angst & Schrecken-Verlags, bei dem Jan seine bisherigen Bücher veröffentlicht hatte.

Eigentlich war der neue Roman, in dem es um einen Serienkiller ging, der mit dem Herzblut seiner Opfer seine Bestseller schrieb, auf Pergament, das er aus der Haut seiner Opfer herstellte, auch fertig, also fast, nur die Auflösung, die war einfach nicht schlüssig. Die jungfräuliche Tochter des letzten Opfers drang auf der Suche nach ihrer verschwundenen Mutter in das Haus des Mörders ein, fand das blutbeschriebene Pergament in einem von Dämonen gehüteten Tresor und als sie es in die Hand nahm, verflüssigte sich das Blut und ein Bild ihrer Mutter erschien. Dreihundert Seiten lang hatte Jan daran geglaubt, jetzt nicht mehr. Die Art, wie sie die supergesicherte Tür der Villa des geisteskranken Mörders öffnete, hanebüchen. Ein anderer Schluss musste her, einer, der die versteckten Hinweise aufgriff, die Jan sorgfältig konstruiert hatte, einer, der überraschend und zugleich plausibel war.

Ausgerechnet in dieser Situation schlug seine Allergie gegen Kunstblut wieder zu, also gegen Blut, das für künstlerische Zwecke, präziser literarische Zwecke vergossen wurde. Jan brauchte nur auf sein Typoskript zu schauen, schon bekam er Pickel. Also schaute er weg. Ob es Pillen gab gegen literarische Verstopfung? Fünfzehn Minuten später war er schlauer, nein, eigentlich nicht, er hatte keinen Moment lang daran geglaubt, dass es solche Pillen geben könnte. Und wenn, wäre die Lieferzeit vermutlich auch zu lang gewesen.

Die beste Droge, das hatte ihm mal ein Freund gesagt, sei ein klarer Kopf. Nur, wo bekam er jetzt auf die Schnelle einen klaren Kopf her? Also anders: Wenn man sich einer Sache nicht nähern konnte, dann half es doch manchmal, sich von ihr zu entfernen. Okay, meistens nicht, aber wenn man etwas vergessen hatte, dann musste man doch auch nur an etwas anderes denken, damit es einem wieder einfiel. Ob das auch half, wenn man nichts vergessen hatte?

Und schon war er mitten im schönsten Prokrastinieren. Prokrastination war ein lateinisches Wort. Offensichtlich kannten schon die alten Römer Schreibblockaden. Aber die hatten es gut, die riefen einfach den zuständigen Gott an. Hatten die schon Festnetz? Und welchen der zahlreichen Götter bat man um Hilfe? Ah, Apollo, der schien auch eine gewissen Fachkompetenz zu besitzen, schließlich war er auch schon im griechischen Götterhimmel in gleicher Funktion tätig, gut, dort allerdings als Apollon. Gott auch der Heilkunst und der Bogenschützen. Klar, die Bundeswehr hatte ja auch ihre eigenen Sanitäter.

Vom Olymp zur Olympia, der Schreibmaschine, mit der Peter Rühmkorf und viele andere geschrieben hatten. Wenn sie schrieben und nicht an einer Blockade litten.

Apollo anrufen? Und dann käme womöglich ein „Houston, wir haben eine Problem“ zurück. Apollo brauchte sicher keine Rakete, um sich im Götterhimmel bewegen zu können, dem reichte vermutlich ein Pferd, dieser Pegasus,  damit er dem vom Strom der Gedanken und Ideen abgeschnittenen Autor rasch eine Muse vorbeibringen konnte. Küsste man die Muse oder wurde man von der Muse geküsst? Und musste man die Muse dann heiraten, weil sonst ihr großer Bruder vorbeikam? Hatten Musen Brüder?

Jan begann sich einzulesen. Er hatte die Komplexität der griechischen Götterwelt unterschätzt. Es dauerte. Und nicht alles war spannend, aber wenn er schon mal dabei war. Also hielt er durch, nickte kurz ein, wachte auf, notierte sich etwas, las und schlief schließlich ein.

Als Jan erwachte, war sein Text fertig. Glaubte er jedenfalls. Leider war er auf Griechisch verfasst.

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11 Gedanken zu “Fremde Worte

  1. Carl Otto Windecker sollte einmal unter erheblichem Zeitdruck ein Buch „Besser schreiben mit der Olympia“ fertigstellen. Hat er auch. Herausgekommen ist aber wegen eines Korrekturfehlers im Klasing Verlag das Handbuch „Besser fahren mit dem Olympia“. – Tja, die Wege in der Götterwelt sind unergründlich!

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