Eine Augenweide

Ich gehöre zu den Menschen mit einem grünen Daumen.

Immer wieder mal und es ist mir keineswegs recht, denn dieser grüne Daumen ist ein sichtbarer Beweis meiner handwerklichen Ungeschicklichkeit. Ebenso wie mein schwarzer Handballen, mein gelber Mittelfinger oder mein roter Zeigefinger. Magenta, nicht rot. Steht auf der Packung. Deshalb soll ich Einmalhandschuhe tragen, wenn ich die Tintenpatronen meines Druckers auswechseln muss. Nützt nichts, ich bekleckere mich  dann eben, wenn ich die Handschuhe ausziehe.

Mein Drucker und seine Tinten haben in diesem Text allerdings nichts verloren, denn 1. wird er nicht gedruckt, sondern lediglich hochgeladen und 2. geht es nicht um Grün als Farbe sondern Grün als Naturprodukt. Produkt? Wie das Denken in betriebswirtschaftlichen Kategorien sich doch auch einschleicht, wenn BWL überhaupt nicht Thema ist. Ein Baum ist kein Naturprodukt, er ist eine Pflanze. Oder ist das eigentlich bedeutungslos? Ist es egal, wie wir die Dinge benennen, weil doch auch Baum und Pflanze menschliche Begriffe sind und damit ebenso willkürlich wie Naturprodukt.

Eine weitere Frage, die an dieser Stelle nicht beantwortet werden soll, es geht schließlich um das Grün des Baumes am Ende des Gartens, ich schaue von meinem Schreibtisch aus direkt zu ihm hinüber. Vor wenigen Monaten, vielleicht im Februar, hat der Nachbar die Bäume gekappt und bei der Weide, um die es hier gehen soll, sehe ich das auch ein. Der Baum würde, so hat man mir erklärt, auseinanderbrechen, wenn man ihn einfach wachsen ließe. Es wäre zwar schön blöd von der Natur, einen Baum so an den Start zu schicken, dass er ohne menschliche Hilfe nicht existieren kann, aber wer bin ich, über die Notwendigkeit des Baumschnitts zu diskutieren?

Der Baum war am Ende der Säge- und Schneidearbeiten kahl. Kahl wie eine Glatze, so kahl, dass es undenkbar schien, dass er sich erholen und aufs Neue austreiben könnte. Dann, vor ein paar Tagen, gut, möglicherweise auch schon vor ein paar Wochen, wir lassen den Baum ja nicht von einer Kamera beobachten, waren da einzelne Triebe zu sehen, dünn wie Spargel, eher haarig als baumig. Und heute schaue ich raus und da erinnert er mich an meine Frisur in den siebziger Jahren. Er hat keine langen, starken Äste mit vielen grünen Zweigen und zwei Millionen Blättern, sondern ein dichter grüner Schopf bedeckt den einst kahlen Stumpf und eine lange Mähne fällt ihm über die Schultern bis fast auf den Boden. Eine Augen-Weide!

Foto: Manfred Voita

Und nein: Ich hatte keine grünen Haare, keine Blätter und auch keine Locken. Man wird doch noch mal ein Beispiel wählen dürfen. Und ich hätte natürlich mit dem Fotografieren warten können, bis mal wieder die Sonne scheint.

Wollte ich aber nicht.

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9 Gedanken zu “Eine Augenweide

  1. Lieber Herr Voita!
    Ich finde, Sie haben es genau richtig gemacht, indem Sie nicht auf die Sonne gewartet haben. Ein fescher Haarschnitt ist schließlich bei jedem Wetter eine Augenweide. Wenngleich mich Herrn Ösis Vorschlag nun auch interessiert, wie wohl die Weide im Dezember in Erscheinung tritt. Ob sich das Trauerspiel noch abwenden lässt? 🙂
    Herzliche Grüße ins Grüne
    Mallybeau

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  2. Die Weide im Garten Ihres Nachbarn ist ein Kopfweide. Sie wird sich bis zum nächsten Jahr gut und vielseitig entwickeln, vorausgesetzt der Nachbar lässt den Baum im Winter nicht wieder schneiteln.

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  3. Trauerweide, Augenweide, glatzköpfige Weide…eine schöne allemal.
    Wie gut, dass ihr Nachbar das Auseinanderbrechen verhindert hat. Ich frage mich allerdings auch, wie Bäume in der Wildnis dann überleben. Dieser scheint die Rosskur jedenfalls gut überstanden zu haben.
    Und ich kaufe mir jetzt einmal Handschuhe. Mein Drucker braucht neue Patronen und auf die Idee mit den Handschuhen kam ich bisher noch nicht.

    Gefällt 2 Personen

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