Fleischlos (2)

Fleischlos (2)

Teil 2

Ricardo machte es sich auf dem Baumstamm, der ihm als Bank dient, bequem, so gut das eben auf einem Baumstamm geht und erzählt.

„Der Turm, von dem ich erzählen will, der soll da schon seit ewigen Zeiten stehen. Er ist der Rest einer alten Burg, ein Bergfried, so heißt das wohl. Die Burg wurde bei einer Fehde zwischen verfeindeten  Rittern eingenommen, der Turm nie. In diesem Turm überlebte eine Frau, die Freifrau von Altenstein aus uraltem Adel, die mitansehen musste, wie alles, was ihr lieb und teuer war, ermordet oder verschleppt wurde und wie die Burg, auf der sie zuhause war, niedergebrannt wurde. Sie blieb am Fenster stehen wie angewachsen und konnte den Blick nicht abwenden. Der Rauch und die Hitze, die von überall aufstiegen, auch von den Feuern, die am Fuße des Turms entzündet worden waren, um die letzten, die im Turm Zuflucht gesucht hatten, zur Aufgabe zu zwingen, umgaben sie, aber sie harrte aus ohne Aussicht auf Hilfe.

Die glühend heißen Flammen hatten die schweren, gusseisernen Beschläge der Tür zum Glühen gebracht und schließlich die Beschläge und das  Eisen des Rahmens miteinander verschmelzen lassen.“

Sofie muss mal und solange ist Pause. Nur am Feuer ist es nicht dunkel, Funken fliegen und es ist schön und warm. Emma und Felix, das Pärchen der Truppe, sitzen fast eng nebeneinander. Ina lächelt und meint, dass der Turm bestimm nicht mit so einem kleinen Vorhängeschloss gesichert wird wie mit dem, das Emma und Felix heute an der Brücke über den Waldbach festgemacht haben und die beiden werden ein bisschen rot, weil sie nicht gemerkt haben, dass Ina das gesehen hat. Dann ist auf Sofie auch schon zurück und Ricardo erzählt weiter.

„Durch das Feuer war es also unmöglich geworden, den Turm zu verlassen oder zu betreten, bis Jahrhunderte später Räuber und Plünderer mit modernem Werkzeug den Zugang wieder öffneten, den Turm aber total leer fanden. Nur im obersten Raum, dem, der den Blick freigab auf die nach all der Zeit schon malerischen Ruinen der Burg, einem Raum, der Ruß geschwärzt war, fanden sie die Umrisse eines Menschen an der Wand. Sie ahnten nicht, dass es der Schattenriss der Freifrau von Altenstein war, der entstanden war, als sie dort am Fenster die Katastrophe mit ansah, die ihre Familie erleiden musste.

Doch während die Eindringlinge nach Gold suchten, nach Schätzen oder wenigstens etwas von historischem Wert, das ihnen bei einem Sammler ein paar Münzen hätte einbringen können, löste sich der Schatten von der Wand, der Raum verdunkelte sich und wer nicht augenblicklich den Turm verlassen hatte, verließ ihn nie mehr, denn die Freifrau von Altenstein oder das, was aus ihr geworden oder von ihr geblieben war, verteidigte, so wie sie das auch seitdem tut, den Turm gegen jeden und alles. Erst kamen noch Neugierige und Wagemutige, aber im Laufe der Zeit wurde der Turm vergessen und auch die Geschichte kennen nur noch wenige.“

„Aber du kennst sie und man hat auch nie einen Möbelwagen gesehen hat, für den Umzug der Freifrau von Altenstein. Und wenn sie nicht gestorben ist, dann wohnt sie da noch heute“, mischte sich Ben ein, bevor Ricardo seine Erzählung zu Ende bringen konnte.

„Die Geschichte steht im Handbuch für Ferienfreizeiten mit lästigen Kindern und unmöglichen Jugendlichen“, schaltete sich nun auch Ina ein und Ricardo lachte.

„Ich habe sie gelesen, in einem alten Buch in der Uni. Irgendwas mit Heimat und Sagen, ich weiß den Titel nicht mehr, deshalb habe ich es wohl auch nicht wiedergefunden, nachdem…“

Ricardo wurde still und alle wurden still. „Bei einer Freizeit ist nämlich einer heimlich abgehauen und zum Turm und irgendwie ist er da auch reingekommen. Keiner weiß, wie er das gemacht hat. Der Turm ist gut gesichert.“

Fortsetzung folgt

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