Fleischlos (3)

Fleischlos (3)

Ist immer so, man kennt einen, der einen kennt, der dabei gewesen ist. Aber Gruselgeschichten müssen ja nicht auf gerichtsverwertbaren Tatsachen beruhen. Jedenfalls macht Ricardo wieder eine Pause und ein paar von den Kleineren rutschen unruhig hin und her auf der Bank, aber Ben kichert nur.

„Und dann?“ fragt Ina, als ob sie nicht genau wüsste, wie es weitergeht.

„Zum Glück hat man ihn lebend gefunden, allein im Wald noch in der Nacht. Aber er sprach nicht mehr und weigerte sich, auch nur in der Nähe des Turms zu bleiben.“

Ricardo macht schon wieder eine Pause und diesmal sind wirklich alle gespannt, wie es weiterging, damals.

„Ach ja, da gibt es noch etwas für alle, die noch Beweise brauchen. Leute aus dem Dorf sagen nämlich, dass man manchmal oben im Turm, ihr wisst schon in welchem Zimmer, ein trauriges Gesicht am Fenster sehen soll.“

Ob der Junge irgendwann wieder gesprochen hat und was er dann erzählt hat, davon will Ricardo erst am nächsten Abend berichten. Wenn das Wetter mitspielt, sonst eben im nächsten Jahr im Ferienlager an der Nordsee. Cliffhanger.

Proteste und Buhrufe. Leise Buhrufe, spät abends im Wald weckt man ja lieber nichts, was vielleicht schon schlafen könnte und dann schlechte Laune bekommt und brummt oder kreischt. Die Kids räumen noch auf,  packen weg, was über Nacht wegzupacken ist und Timo löscht das Feuer. Ricardo tut so, als ob er Ben noch einen Gute-Nacht-Kuss geben will und schon ist Ben in seinem Zelt.

Vom hohen Baum aus sähe man jetzt nur noch das Leitungsteam, das sich in den Kleinbus verzieht und eine Flasche Rotwein aufmacht und hörte, wenn man so gut hörte, wie die Eule sieht, das Getuschel in den Zelten und wie es dann bei den Kleinen schnell still wird, während bei Ben noch diskutiert wird. Hingen Sprechblasen über dem Zelt, dann könnten wir dort jetzt „Quatsch“ lesen und „Babygeschichte“. Etwas später allerdings, ganz vorsichtig, leise, leise, geht der Reißverschluss wieder auf und jemand lugt raus, guckt, ob da jemand guckt und ist dann ganz schnell draußen und auf der Seite des Zeltes verschwunden, die man von den Autos aus nicht sehen kann. Noch ein bisschen, dann sind vier der sechs, die in dem Zelt wohnen, unterwegs zum Turm. 

Ben weiß die Richtung. Ist auch kein Kunststück, weil es einen Wanderweg gibt und wenn man sein Handy dabei hat und die Taschenlampe anmacht und das geht ja nun wirklich bei jedem Handy, dann kann man die Wegweiser auch lesen. Es ist dann auch nicht ganz so dunkel im Wald. Nicht, dass die vier, Ben, Leon, Finn und Luis, das Wort Angst auch nur kennen würden, aber manchmal ragen da Wurzeln in den Weg und dann könnte man fallen und da sind auch so komische Bäume, die aussehen, als stünde da einer, dem man bei Nacht nicht begegnen möchte.

Es ist auch nicht so weit, sie haben es ziemlich bald geschafft.

Der Turm steht da auf seiner eigenen kleinen Lichtung und leuchtet. Also das sieht nur aus, als ob er leuchten würde, das merken die Vier auch gleich. Liegt natürlich nur an den Steinen und dem Mondlicht. Hätte man Angst, könnte man denken, dass die Mondsichel wie die Klinge von so einem Karambitmesser aussieht. So einem, das man von Counter Strike kennt, wenn man sich traut, das zu spielen, auch wenn man das noch nicht darf. Den Friedhof hat sich Ricardo nur ausgedacht. Oder vielleicht doch nicht. Ein paar Grabsteine stehen da, aber da liegen bestimmt nicht mal mehr Knochen drin, aber wenn, dann solche mit zertrümmerten Schädeln oder ohne Kopf und jetzt ist es doch ein bisschen unheimlich hier im Wald.

Fortsetzung folgt

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