Fleischlos

Fleischlos

Teil 1

Eine Wiese auf einer Lichtung. Ein paar große Laubbäume, Eichen und Buchen, die, wie alle alten Bäume, viel zu erzählen hätten, wenn sie denn könnten. Allerdings ginge es ihnen dann vermutlich wie den alten Menschen, die auch viel zu erzählen hätten, hörte man ihnen denn zu. Im Schutz der Bäume sind sechs grüne Gruppenzelte und ein Küchenzelt zu sehen. In einem Pavillon stehen lange Tische. Am Rande der Lichtung parken mehrere Autos. Es klappert, jemand wäscht Geschirr ab, eine Elster schimpft und die Mücken machen sich bereit für ihren allabendlichen Einsatz. Im Dickicht ist es schon sehr schummerig und nicht mehr lange, dann wird die Sonne untergehen.

Von einem der höheren Bäume aus ist das Dorf zu sehen, gerade weit genug entfernt, um ungestört zu sein, gerade nah genug, um schnell mal ein neues Paket Heftpflaster oder Kartoffeln für die Lagerküche zu besorgen. Zur anderen Seite sieht man einen Turm. Ben hat das gesehen, obwohl das Leitungsteam der Ferienfreizeit der Martinsgemeinde, wir lassen an dieser Stelle offen, ob es der Martin war, der seinen Mantel teilte oder jener, der gleich die ganze Christenheit teilte, also das Leitungsteam der Martinsgemeinde hatte ausdrücklich und in recht scharfem Ton untersagt, die Bäume zu besteigen, weil das von der Gemeindeunfallversicherung nicht abgedeckt sei.

Fragen zum Turm könnten deshalb eigentlich nicht gestellt werden, denn, hat man ihn nicht gesehen, kann man doch auch keine Fragen dazu stellen, oder? Aber wer sich auf den Baum traut, traut sich auch zu fragen.

Am Lagerfeuer, wenn Timo, der sich durch alle Ferienlager der Gemeinde hochgedient hat und jetzt als Betreuer dabei ist, endlich seine Gitarre zur Seite legt und alle noch einen Moment in das prasselnde Feuer starren, bevor es in die Zelte und ins Bett geht, fragt Ben und es wird noch stiller auf der Lichtung. Der Waldkauz auf dem vom Blitz gespaltenen Stumpf einer alten Rotbuche dreht seinen Kopf, als wolle er nicht hören, was nun kommen muss. Vielleicht will er das ja auch wirklich nicht, weil er die Geschichten jedes Jahr aufs Neue gehört hat. Ricardo, der mit der Basecap, auf der Chef steht, blickt in die Gesichter der Mädchen und Jungen, die ihm anvertraut sind. „Es gibt da eine Geschichte, aber ich glaube, die ist noch nichts für euch.“

Klar, die übliche Gruselgeschichte, die man den Kurzen erzählt, mit dem üblichen Brimborium, den Warnungen, der vorgetäuschten Sorge, funktioniert immer, wenn die Fledermäuse tieffliegen, Zweige brechen und wenn es dann gleich ins Zelt geht und keiner das Licht im Flur anlässt.

„Das ist nämlich nicht irgendein Turm! Der ist mit einem Fluch belegt und tagsüber würdet ihr nichts davonmerken, da kann man auf der Treppe picknicken und ein Selfie für Insta machen. Aber sobald die Sonne untergeht“, Ricardo legt eine Pause ein und Ina, die Soziale Arbeit studiert, macht kleine Augen, als wäre sie sehr besorgt, wie das wohl weitergehen wird, „da, zack, richten sich die Gräber um den Turm, da ist nämlich ein alter, aufgegebener Friedhof, wie von einem Magneten angezogen auf den Turm aus. Wie eine Windrose mit dem Turm in der Mitte sieht das dann aus.“

Alte, aufgegebene Friedhöfe mit umgekippten und geborstenen Grabsteinen passen hervorragend in Gruselgeschichten. Muss man nämlich erst über den Friedhof – und das auch noch bei Nacht – um zu dem Turm zu gelangen, bei dem man ja eigentlich um keinen Preis sein möchte, nur, wenn einer davon erzählt, dann ist das noch mal viel mehr Horror. „Wenn jetzt aber einer den Turm betritt und da sogar noch hochsteigt, der ist verloren.“

Fortsetzung folgt

Bild: Max Josef Wagenbauer, Public domain, via Wikimedia Commons

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5 Gedanken zu “Fleischlos

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