Berlin: E. T. A. Hoffmann

Foto: Elfie Voita

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„Gewiß seid Ihr alle voll Unruhe, daß ich so lange – lange nicht geschrieben. Mutter zürnt wohl, und Clara mag glauben, ich lebe hier in Saus und Braus und vergesse mein holdes Engelsbild, so tief mir in Herz und Sinn eingeprägt, ganz und gar. – Dem ist aber nicht so; täglich und stündlich gedenke ich Eurer aller und in süßen Träumen geht meines holden Clärchens freundliche Gestalt vorüber und lächelt mich mit ihren hellen Augen so anmutig an, wie sie wohl pflegte, wenn ich zu Euch hineintrat. – Ach wie vermochte ich denn Euch zu schreiben, in der zerrissenen Stimmung des Geistes, die mir bisher alle Gedanken verstörte! – Etwas Entsetzliches ist in mein Leben getreten! – Dunkle Ahnungen eines gräßlichen mir drohenden Geschicks breiten sich wie schwarze Wolkenschatten über mich aus, undurchdringlich jedem freundlichen Sonnenstrahl.“ aus: E.T.A. HOFFMANN: NACHTSTÜCKE, Herausgegeben von dem Verfasser der Fantasiestücke in Callots Manier, Erster Teil: Der Sandmann

U-Bahnstation Mehringdamm, eine sechsspurige Straße. Berlin, Friedhof III der Gemeinde der Jerusalem- und Neuen Kirche vor dem Halleschen Tor… früher Morgen. Stille. Totenstille. Ein Eichhörnchen spielt Verstecken. Ein Lageplan… eigentlich ein Liegeplan, nicht schwer zu finden: ein kleines Grab. Ernst Theodor Wilhelm Hoffman steht da. Preußen war nachtragend und verweigerte dem Mann, der so viele Talente hatte, den selbstgewählten dritten Vornamen Amadeus, den er aus Bewunderung für Mozart gewählt hatte. Heute ist es immerhin ein Ehrengrab.

E. T. A. Hoffmann? werde ich gefragt. Offenbar kein Begriff mehr. E. T. A. Hoffman gehört ohne Zweifel zu „den wenigen Namen, die uns stets die Großen bleiben werden.“ sagt Arno Schmidt in seinen „Dichtergespräche im Elysium“. Aber Schmidt kennt ja auch keiner mehr.

E. T. A. Hoffmann, der die Nachtseiten der menschlichen Existenz, das Unheimliche, das uns bedroht, ob von außen oder – schlimmer noch – in den Bildern, die unsere Psyche, unsere Einbildungskraft, unsere Angst uns aufzwingen, wie kaum ein anderer aufzurufen wusste, wird von Schmidt in den neunzehnhundertvierziger Jahren, rund 120 Jahre nach Hoffmanns Tod, zu einem Gespräch über Literatur eingeladen und natürlich nimmt Hoffmann teil. Wer, wenn nicht Hoffmann? Ein Autor, der uns heute häufiger in den Werken anderer als in seinen eigenen begegnet, der Operetten anregte und Bühnenstücke, der selbst zur Kunstfigur wurde, warum sollte er nicht mit Arno Schmidt diskutieren? Die Idee hätte ihm vermutlich zugesagt. Das Schmidt Gefallen an ihm fand – zugegeben, ich hatte es vergessen. Aber Schmidt war ein zu allem entschlossener Bewunderer des Barons Friedrich de la Motte Fouqué – und der wiederum war mit Hoffman befreundet, man traf sich, trank und redete über Literatur. Wie gern Schmidt wohl dabei gewesen wäre!

„Mit dem Verstorbenen in eine gewisse Verbindung zu kommen“ las ich in einem Interview mit einem Fußballfan, das sei wohl sein Motiv für seine Friedhofsbesuche. Einen Bildband über die Gräber berühmter Fußballer hatte er vorgestellt und die FAZ fragte ihn zum Thema Grabhopping, Nein, das ist es nicht, ich… doch, schon, irgendwie ja. Ich weiß, da ist nach 200 Jahren nichts mehr in dem Grab, aber näher komme ich nicht mehr heran an meine Helden.

Ja, ich weiß, Künstlern begegnet man in ihrem Werk und das stimmt auch. E. T. A. Hoffmann lesen oder seine Texte hören, da nimmt er mich mit in seinen Kopf. Aber die Person, der Mensch Hoffmann, der liegt eben in Berlin begraben. Vielleicht ist es so, dass ich mich an manchen Gräbern vergewissern muss, dass es diesen Menschen tatsächlich gegeben hat und dass es handfeste Spuren seiner Existenz gibt, die bis in die Gegenwart reichen.

Ach, bevor ich es vergesse: Der Text auf dem Grabstein lautet:

E. T. W. Hoffmann

geb. Königsberg in Preussen

den 21. Januar 1776

gest. Berlin den 25. Juni 1822

Kammer Gerichts Rath

Ausgezeichnet

Im Amte

Als Dichter

Als Tonkünstler

Als Maler

Gewidmet von seinen Freunden

(und die haben den Grabstein auch bezahlt, weil Hoffmann an seinem Lebensende nichts als Schulden hinterließ)

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11 Gedanken zu “Berlin: E. T. A. Hoffmann

  1. Deine literarische Spurensuche auf Friedhöfen passt gut in die Jahreszeit und ist sowohl anregend als auch informativ. Natürlich stimmt deine Verallgemeinerung grundsätzlich, aber wie Sylvia möchte ich darauf hinweisen, dass mir die Autoren noch ein Begriff sind. Ich besitze noch die „Lebens-Ansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern“ von E.T.A.Hoffmann, und von Arno Schmidt habe ich immerhin noch „Die Gelehrtenrepublik“ und Edgar Allan Poe, die Gesamtausgabe in zehn Bänden, übersetzt von Arno Schmidt und Hans Wollschläger.

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    • Klingt wie ein Blick in meinen Bücherschrank. Schmidt liegt mir schon sehr am Herzen oder wo auch immer einem Schmidt liegen mag. Hoffmann klingt für heutige Zeiten leider umständlich, da muss man schon bereit sein, sich in seinen Ton einzulesen. Letzteres gilt für Schmidt auch – wobei der für die Leser der Gegenwart vielleicht eher zu avandgardistisch klingen könnte.

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      • Texte von E.T.A.Hoffmann finde ich noch leichter zu lesen als die seines Zeitgenossen Jean Paul. Dessen ausufernder Stil ist gewöhnungsbedürftig. Von Schmidt hätte ich gerne „Zettels Traum“, ist aber selbst antiquarisch nicht unter 230 Euro zu kaufen. Übrigens finde ich schade, dass in deinem Theme die Fotos immer so klein erscheinen. Das Foto deiner Frau von Hoffmanns Grabstein hatte ich fast übersehen.

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      • Guter Hinweis! Danke. Bei manchen Bildern ist es vielleicht nicht so wichtig, aber gerade hier, wenn es auch um Text geht, will ich eigentlich auch die Lesbarkeit.
        Zettels Traum besitze ich in einer Sonderauflage, die irgendwann in den 90er Jahren produziert wurde. Allerdings sind die Anmerkungen da oft sehr klein geraten, was die Lesbarkeit ziemlich erschwert. Aber Schmidt hat Zettel nicht unbedingt für ein Werk gehalten, das man von Anfang bis Ende lesen müsse.

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  2. Vielen Dank auch von mir – sowohl für den erinnernden Inhalt als den herrlichen Stil (Lageplan-Liegeplan 🙂 ). Vergessen wird man weder ETA noch Arno – allerdings gehören sie eben zu den Klassikern, die nur Freundinnen und Freunde von Klassikern lesen. Wer kennt Kleists Aufsatz übers Marionettentheater, wer Goethes Text über den Granit? Halt wenige. Aber vergessen? Never ever. Da vergisst man (natürlich zurecht) schneller Dan Brown 🙂

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    • Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich überhaupt nichts über Schmidts musikalische Vorlieben weiß. Dass er die Popmusik und die Jugendkultur der sechziger Jahre abgelehnt hat, das schon. Aber ob er Mozart oder Jazz mochte… spontan weiß ich da nichts.

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