Weihnachtswünsche (1)

 

Teil 1

Theo schaute gebannt auf den Parkplatz vor dem Haus. Bisher war nichts zu sehen. Etwas Geduld, hatte seine Mutter gesagt, würde er schon brauchen, wenn er den Weihnachtsmann  erwischen wollte.

„Kommt der Weihnachtsmann denn in diesem Jahr überhaupt?“, hatte Theo seine Mutter noch vor einigen Tagen gefragt. Er hatte sich richtig Mühe mit seinem Wunschzettel gemacht und Bilder vom Playmobil-SEK-Truck, von Walkie-Talkies und einer Playstation aufgeklebt. Aber es war ja Corona, das war schlimm, so schlimm, dass Oma und Opa  am Heiligen Abend nicht dabei sein durften, wenn die Familie Lichte Spagetti mit Tomatensoße und Fischstäbchen und Eis essen würde, so wie Theo es sich gewünscht hatte. Ohne Oma und Opa war schon doof, aber Weihnachten ohne Weihnachtsmann, das ging überhaupt nicht. „Doch, der Weihnachtsmann wird schon kommen, aber wir dürfen ihn ja nicht reinlassen“,  neckte ihn seine Mutter. „Mit Maske?“ Theo überlegte „Er kann ja auch die Geschenke einfach in den Flur legen.“ Das war ihm eigentlich sogar lieber, denn ganz geheuer war der Weihnachtsmann ihm nicht. „Ja, gute Idee. Ich glaube, so machen wir das!“ stimmte seine Mutter zu.

Lichtes, also Papa und Mama plus Theo, wohnten im zweiten Stock eines vierstöckigen Hauses. Auf jeder Etage befanden sich drei Wohnungen und Theo kannte schon fast alle, die ihm im Treppenhaus begegneten. Zum Beispiel die Büschers aus dem Erdgeschoss, die mit dem Dackel und die Tomaschewskys von gegenüber, die auch Kinder hatten, aber nur Mädchen. Und Frau Sebener aus dem dritten Stock, die war schon ganz schön alt, jedenfalls trug sie immer schwarze Anziehsachen und Mama hatte gesagt, dass sie eine Witwe war.

Theo las keine Zeitungen, denn erst im nächsten Sommer würde er in die Schule kommen, falls seine Arme dann lang genug wären, aber alle anderen im Hause und in der Stadt kannten die schlimme Geschichte, die Frau Sebener in diesem Jahr erlebt hatte. Erich, ihr Mann, war mit seinem kleinen Elektroladen schon vor Corona in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, Corona hatte ihm den Rest gegeben und er hatte Insolvenz anmelden müssen. Die Sebeners hatten aus ihrem schönen Haus in eine kleine Wohnung umziehen müssen, die Erich für sie gefunden und renoviert hatte. Zwei Zimmer, Küche, Bad, also eigentlich drei Zimmer, aber das dritte Zimmer, das mit der Feuerleiter, war Erichs Zimmer, seine Werkstatt, wie er ihr erklärt hatte, in der er an einer großen Erfindung arbeitete, die alles verändern würde und dann würde es ihnen wieder gut gehen, sie würde schon sehen, aber bis dahin dürfe sie nie, aber auch nie dieses Zimmer betreten, das müsse sie ihm versprechen, ach was, schwören, bei ihrem und bei seinem Leben. Es sei einfach zu gefährlich.

Dann hatte Erich ein Boot gemietet und war auf die Nordsee hinausgefahren, das war Weiterlesen

Die Fahrradpanne

Von California Historical Society Digital Collection – https://www.flickr.com/photos/chs_commons/14193303564/, No restrictions, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52957639

Geld ist bei uns zuhause kein Thema. Es ist einfach keins da. Geistig Arme sind selig, hat eine Nachbarin gesagt, aber keine von den netten. Das stimmt auch, denn Schnaps ist eigentlich immer da. Jetzt kommen Sie mir nicht mit bildungsferne Schichten. Wir wohnen nämlich weit weg von allem, aber die Schule, die ist ganz in der Nähe.

Unsere Eltern sind so arm, dass sie sich nicht mal verschiedene Vornamen für uns Kinder leisten konnten, deshalb heißen wir alle Klaus. Auch die Mädchen. Falls welche dabei sind, irgendwann haben unsere Eltern wohl den Überblick verloren. Ist ja auch nicht leicht, weil neben den vielen eigenen auch immer noch eine ganze Bande von Nachbarskindern bei uns durchs Haus tollt. Manche von denen sind einfach nicht wieder weggegangen und das war dann eben so. Wenn nichts da ist, teilt es sich leichter und einen Platz zum Schlafen hat noch jeder gefunden. Gut, das war jetzt gelogen. Wir heißen überhaupt nicht alle Klaus, aber sonst ist alles wahr. Ich schwör!

Ich hab ja schon erzählt, dass wir am Stadtrand wohnen. In einem Haus am Ende von einem langen, holperigen Weg, der entweder staubig oder schlammig ist. Ganz versteckt hinter Büschen und Bäumen mitten in einem Garten, ohne den wir sicher noch öfter hungrig ins Bett gegangen wären. Im Sommer pflücken wir Beeren, im Herbst ziehen wir Rüben aus dem Boden und verbrennen das Kartoffelkraut mit allen möglichen Abfällen hinten im Garten. Da machen wir mit allemann ein riesiges stinkiges Feuer und essen halbgare und halbverbrannte Kartoffeln, die wir an langen Stöcken im Feuer rösten. Wie richtig coole Outlaws. In einem ziemlich wackeligen Stall wohnen zwei dicke Kaninchen. Ihr Leben hängt davon ab, dass wir Kinder zu ihnen halten und manchmal tun wir das wohl nicht genug, dann heulen wir beim Essen, aber bald hausen wieder zwei Kaninchen im Stall.

Papa ist eigentlich immer arbeitslos aber lustig und Mama lacht und weint über ihn. Dann ist da noch die Oma. Also wir sagen bloß Oma zu ihr, weil sie ist nur die Schwester von der Oma. So genau nehme ich das mit der Wahrheit, das wollte ich nur noch mal sagen! Oma bekommt nur eine kleine Rente und im Unterschied zu uns Kindern bleibt die Rente auch klein. Eigentlich ist das ja auch ganz okay so, Oma wird schließlich auch immer kleiner. Trotzdem reicht ihre Rente mal gerade für das Allernötigste. Sagen unsere Eltern.

Sneaker zum Beispiel, oder ein Netflix-Abo oder ein Tablet, mir fehlt eigentlich immer eine ganze Menge vom Allernötigsten. Ganz besonders fehlte mir ein neues Fahrrad, eins mit schmalen Reifen und einem Rennlenker und zweifarbigen Plastikbändern um diese Kabel, weiß nicht wie die heißen, die von den Handbremsen.

Und dann kam Weihnachten. Ja, ich weiß. Das kommt jedes Jahr und wird wohl auch weiterhin jedes Jahr kommen. Aber so wie das Wetter nicht jeden Tag gleich ist, ist auch Weihnachten nicht jedes Jahr gleich. Geil an Weihnachten ist schon mal, dass wir Ferien haben. Weil es in dem Jahr, also in dem, von dem ich gerade erzähle, so viel geregnet hatte, war der Weg zu unserem Haus mindestens einen Meter tief und man blieb mit den Stiefeln stecken. Wenn man sie wieder rausbekommen hatte, war man bis zu den Knien voller Schlamm und so sah dann auch das Haus aus. Mama schaffte das mit dem Putzen nicht allein und Papa weiß nicht, wie man sowas macht. Also waren wir Älteren dran, wenn wir nicht gerade einen Arm in Gips oder ein Loch im Kopf hatten. Es half überhaupt nicht, wenn ein paar von uns zugaben, dass sie nur zugelaufen waren. Willst du Weihnachtsgeschenke, Klaus, hieß es dann und wer will denn keine? Schon hatte man einen Lappen in der Hand oder eine Bürste und dann wurde mächtig Staub aufgewirbelt. Ein paar Stunden später hatte sich der Staub wieder gelegt und alle waren zufrieden.

Andere Kinder bekamen alle möglichen Geschenke, Spielkonsolen und Barbiezeugs, Handys und Weiterlesen

Nachts vor der Tür

Nanu, dachte ich mir, ein Spinnennetz. „Nanu“ ist bestimmt kein besonders außergewöhnlicher Gedanke, aber wenn ich allein bin, dann denke ich manchmal solche Sachen. Gut beleuchtet, also könnte ich bestimmt ein Foto machen. Gesagt, getan. Kaum aber betrachtete ich das Bild am PC, bemerkte ich einen roten Punkt, den ich mir selbstverständlich genauer ansehen wollte. An der Grenze der Auflösung, kurz bevor nur noch Pixel zu sehen waren, erkannte ich, was da im Netz zappelte.

Ich eilte natürlich sofort zur Tür, doch da war nichts mehr, kein Netz, kein roter Punkt. Ich hoffe doch sehr, das alles gut gegangen ist. Wenn nicht, dann muss eben auch bei uns das Christkind die Bescherung übernehmen.

 

Praktische Theorie

 

 

Advent. Lassen wir die Hektik des Alltags, das Gedränge des Weihnachtsgeschäfts und die Weihnachtsmärkte mit den glühweinberauschten Minderjährigen doch einfach einmal draußen vor der Tür. Advent: Sonnige Vormittage und dunkle Nachmittage, klare Kälte und warme Jacken, festlich geschmückte Häuser und Lichter in der Nacht. Glocken läuten und Schnee liegt in der Luft. Da ist es gut, daheim zu sein, bei seinen Lieben. Im Kamin knistert ein wärmendes Feuer, vom Adventskranz strahlen die Kerzen und nur Ebenezer Scrooge könnte sich der Magie solcher Tage entziehen.

„Du bist jetzt acht Jahre alt, Tobi. Das Thema Weihnachtsmann…“

„Weißt du was, Papa. Ich glaube, mit dem Weihnachtsmann ist es wie mit dem Sex. Wir reden in der Klasse ständig drüber, aber dann passiert wieder ganz lange überhaupt nichts.“

„Aber Tobi…“

„Schon gut, Papa, mach dir keine Sorgen. War nur ein Scherz. Wir reden natürlich überhaupt nicht über den Weihnachtsmann. Eigentlich glaubt bei uns niemand mehr an den Weihnachtsmann.“ Weiterlesen

Süß

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Anfang Dezember. Ein Hochdruckgebiet über Skandinavien beschert uns eine klare, kalte Nacht. Falls man 18 Uhr als Nacht bezeichnen kann. Die Straßenbeleuchtung in der Siedlung reicht gerade aus, damit man nicht gegen die Laternenmasten läuft.  Immerhin kommt die mehr oder weniger aufwändige Weihnachtsbeleuchtung der Nachbarn so besser zur Geltung.

Lange Schlange an der Kasse im Supermarkt. Endlich fast geschafft. Ganz vorn ein Kind, vermutlich im schulpflichtigen Alter. Für uns Rentner sehen die ja alle gleich aus. Ohne Einkaufswagen oder Korb, nur einen Schokoladenweihnachtsmann im Arm. Wenn dem mal nicht zu warm wird, wenn der mal nicht zum Schokoldadenschweißnassmann wird.

Zweineunundneunzig, sagt die Kassiererin. Und guten Abend. Weiterlesen