Zauberhaft

Bei allen vermutlich berechtigten Sorgen, die die Machtergreifung Donald Trumps auslösen mag, verspüre ich doch auch eine klammheimliche Freude darüber, wie gerade die konservative Presse, also eigentlich fast die gesamte Presse, verstört reagiert, weil die ordentliche Einteilung der Welt in Gut und Böse nicht mehr funktioniert, wie die Volkswirkte noch zu verteidigen versuchen, was bis gestern als wissenschaftlich erwiesen galt und ab morgen nicht mehr gelten soll, wie die Transatlantiker versuchen, sich hinter eine Führungsmacht zu scharen, die noch nicht weiß, gegen wen und wohin sie in den Krieg ziehen wird, aber bei der alle ahnen, dass sie in den Krieg ziehen will.

Zum Verständnis der sozialen Marktwirtschaft, wie sie in der BRD einmal gedacht war, muss man wissen, dass der Gesetzgeber der Wirtschaftspolitik vier Ziele vorschreibt: eine stabile Währung, Vollbeschäftigung, Wirtschaftswachstum und außenwirtschaftliches Gleichgewicht.

Die ersten drei Ziele erklären sich fast von selbst. Inflation, jedenfalls eine höhere Geldentwertungsrate, ist nicht gut, weil dann alle das Vertrauen in das Geld verlieren und außer unserem Vertrauen in seinen Wert hat es eben keinen Wert.

Vollbeschäftigung, denn Arbeitslosigkeit macht schlechte Laune und schlecht gelaunte Wähler stellen sonst was an. Weiterlesen

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Alles wird gut. Oder auch nicht.

Was hättest du denn getan? fragte eine Freundin. Wir diskutierten die Weltlage, das Aufkommen neuer nationalistischer Parteien und die ungerechte Weltordnung. Flüchtlinge und Islam. Plötzlich waren wir vom Allgemeinen zum Konkreten gekommen, zur Judenverfolgung während des Nationalsozialismus. Zur Reichspogromnacht. Und dann ist alles so nah. Die Kneipe, in der sich die SA versammelte, bevor es losging. Die geschändeten Gräber auf dem jüdischen Friedhof. Die Stolpersteine vor den Häusern, in denen einst jüdische Mitbürger lebten.

In der Stadt war das so, auf dem Land war es kaum anders, da, wo doch die sozialen Bindungen scheinbar enger waren, wo man den Nachbarn kannte. War man einfach Antisemit, so wie man katholisch oder evangelisch war? War man gleichgültig? Das kann ich nicht glauben. Traute Weiterlesen

Gedankenfreiheit oder Gedankenlosigkeit?

Wieso sind wir eigentlich immer einer Meinung?

Ich neige ja dazu, quer im Stall zu stehen, wie man das im Münsterland nennt, wenn einer nicht ganz ins System passt. Aber dann lese ich die Zeitung und wir sind einer Meinung, wir haben Recht.

Wobei? Nur ein paar Beispiele!

Wir wissen viel besser als die Amerikaner, wer der neue Präsident werden soll, bzw. die neue Präsidentin und wir verstehen überhaupt nicht, dass offenbar Millionen Amerikaner ganz anderer Auffassung sind. Idioten. Nicht, dass ich falsch verstanden werde. Ich will hier nicht eine Lanze für Herrn Trump brechen. Huch, wo kommt denn diese kriegerische Ausdrucksweise her? Egal.

Wir sind uns auch einig darin, dass Herr Erdogan in der Türkei übertreibt. Ich war noch nie in der Türkei, ich habe allerdings schon oft mit Türken geredet. Allerdings noch nicht nach dem Putschversuch. Ich vermute jedoch stark, dass die Türken oder türkischstämmigen Deutschen, die ich kenne, auch eher zum Kreis der Erdogan-Fans zu zählen sind. Aber wir wissen es ja besser. Das der IS schlecht für die Welt ist, für Ost und West und natürlich auch für die Moslems, das wissen wir auch. Landesweit. Wieso sind wir eigentlich plötzlich alle Experten in arabischer Innen- und Außenpolitik und in Fragen des Islam? Döner essen zählt nicht. Und Badeurlaub in Antalya auch nicht. Weiterlesen

Thomas von der Dunk: Bürgeraufstand erreicht Elite

Im Volkskrant, einer bedeutenden, wenn nicht der bedeutendsten Tageszeitung der Niederlande, die sich selbst dem linksliberalen Spektrum zurechnet und die dennoch oder möglicherweise gerade deshalb eine große Leserschaft erreicht, las ich am 7. Mai 2016 eine Kolumne von Thomas von der Dunk, die ich sehr anregend fand. Auch wenn einige Bezüge auf die Niederlande verweisen, gibt es leider wenig Grund zu der Annahme, dass es in Deutschland anders aussehen könnte. Also schrieb ich den Volkskrant an, erhielt die Mail-Adresse von Herrn von der Dunk, schrieb ihn an und hatte am nächsten Tag seine Zustimmung zur Übersetzung und Veröffentlichung seines Artikels in meinem Blog. Sein Deutsch ist ganz offensichtlich sehr gut, ich hoffe, er verzweifelt nicht an meiner stümperhaften Übersetzung.

Aufstand der Bürger erreicht Elite

Die soziale Oberschicht hat sich abgesondert und damit begann die gesellschaftliche Desintegration.

Driftet die niederländische Gesellschaft auseinander? Rene Cuperus nimmt an, dass eine Gesellschaft mit dem Willen zum Zusammenleben steht und fällt und das wir jetzt mit einem wachsenden Unwillen dazu konfrontiert werden. Moslems versus Populisten, Kosmopoliten versus Nationalisten, Hochgebildete versus schlechter Gebildete et cetera. Auch zeigt sich eine zunehmende physische Trennung, wodurch viele Menschen keinen Sinn mehr für die Nöte anderer haben. Weiterlesen