Abendlich gestimmt

Eigenes Bild

Zum Einschlafen zu sagen

Ich möchte jemanden einsingen,
bei jemandem sitzen und sein.
Ich möchte dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein.
Ich möchte der Einzige sein im Haus,
der wüßte: die Nacht war kalt.
Und möchte horchen herein und hinaus
in dich, in die Welt, in den Wald.
Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.
Und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund.
Dahinter wird Stille. Ich habe groß
die Augen auf dich gelegt;
und sie halten dich sanft und lassen dich los,
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.

Rainer Maria Rilke: Das Buch der Bilder, 1902

 

Eine meiner Töchter wies mich auf dieses Gedicht hin, als ich ihr gestern Abend von meiner Lektüre erzählte. Stefan Zweig beschreibt in seinem autobiografischen Buch „Die Welt von Gestern“   seine Begegnung mit Rilke. Im 7. Kapitel dieses Buches lässt sich das nachlesen.

Vor der Morgenröte

Wir waren im Kino. Im Schloßtheater in Münster. Das schreibt sich noch mit ‚ß“, im Unterschied zum Schlossplatz, aber der heißt auch noch nicht so lange Schlossplatz. Obwohl das Schloss da schon seit 1787 steht, das Schloßtheater hingegen gibt es erst seit 1953. Es steht auch nicht am Schlossplatz. Das ist, wegen der vertrackten Schreibweisen, wohl auch besser so.

1942, gerade einmal elf Jahre zuvor, hatte sich Stefan Zweig in Brasilien das Leben genommen. 11 Jahre, was sind schon elf Jahre? 2005. Was war da? Das Arbeitslosengeld II wurde eingeführt, Angela Merkel Bundeskanzlerin. 2005 erst? Und Hans Dieter Hüsch starb. Immer ist irgendwas. Und immer ist es gerade am schlimmsten. Jedenfalls erleben wir es so. Wie verhält man sich zu den herrschenden Verhältnissen? Was kann man tun, was muss man tun, müsste man tun? Weiterlesen