Eisblumen

old_s [CC0], via Wikimedia Commons

Nein, hatte der Fensterbauer gesagt, das Fenster sei in Ordnung. Genauso dicht, wie die anderen im Haus. Neubau, sogar mit Door-Blower-Test. 100 Prozent. Trotzdem waren am nächsten Morgen wieder Eisblumen auf dem Fenster, nur auf dem in Finns Zimmer. Dem Zimmer mit den Dachschrägen und den beiden kleinen Fenstern, von denen er den See sehen konnte. Den See, der jetzt wieder zugefroren war, eine kalte, glatte Eisfläche. Finns Eltern hatten sich gefragt, ob er irgendwas gemacht hatte, irgendeinen Fehler, irgendeine Sache, die man mit solchen Fenstern nicht machen durfte. Der Fensterbauer hatte nur gelacht. Die gingen ja nicht mal auf, einmal wegen der Sicherheit, aber schon erst recht nicht, weil das Haus automatisch belüftet wurde. Passivhaus.

Trotzdem: Etwas war ja nicht richtig, also zog Finn ins Gästezimmer. Nicht in Annas Zimmer, das stand leer, mit fertig bezogenem Bett und ihren Kuscheltieren auf dem Regal. Das Gästezimmer fand er aufregend, ein bisschen unheimlich vielleicht, weil er die Schatten nicht kannte. Stand da nicht vielleicht doch einer in der Ecke? Und es knackte anders, ganz fremd. Doch während er die Schwärze genau beobachtete, musste er wohl eingeschlafen sein.

Am anderen Morgen waren die Eisblumen wieder da, nicht in Finns Zimmer, nicht in Annas Zimmer, sondern am großen Gästezimmerfenster. Seine Eltern sagten nichts. Es musste ja nichts bedeuten, es konnte ja nichts bedeuten. Eine Unregelmäßigkeit, die es zu beseitigen galt.

Ist vielleicht besser, wenn Finn für eine Weile hier unten bleibt, hatte sein Vater gesagt und seine Mutter Weiterlesen

Aussteiger

Hanna Mandrello hat wieder eine kleine Schreibaufgabe gestellt, zu der ich einen Text anzubieten habe. Es ging um eine Miniatur mit nicht mehr als 1.000 Wörtern und dem Titel „In stürmischen Gewässern“.

http://mandrello.com/2015/08/03/schreibaufgabe-der-woche-3-textminiatur/comment-page-1/#comment-1044

Flammen loderten über eiskaltem Wasser, der heulende Orkan schleuderte wütend Brecher auf Brecher gegen das waidwunde Passagierschiff. Verzweifelte Schreie gellten durch die Nacht. Ein Bersten und Brechen, Gurgeln, Ächzen und fast menschlich anmutendes Stöhnen, dann bäumte sich das Schiff auf, schien in einem letzten, vergeblichen Kraftakt nach dem sternenlosen Himmel zu greifen, verharrte für eine kleine Ewigkeit in dieser widernatürlichen Position und sank dann, fuhr wie ein Fahrstuhl hinab in die Tiefe. Ein Sog, ein Mahlstrom riss hinab, was gerade noch scheinbar gerettet schien und zurück blieben Trümmer, nutzlos gewordene Koffer, das gebrochene Versprechen eines Rettungsrings. Und die Leere des Atlantiks.

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