Abendlich gestimmt

Eigenes Bild

Zum Einschlafen zu sagen

Ich möchte jemanden einsingen,
bei jemandem sitzen und sein.
Ich möchte dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein.
Ich möchte der Einzige sein im Haus,
der wüßte: die Nacht war kalt.
Und möchte horchen herein und hinaus
in dich, in die Welt, in den Wald.
Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.
Und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund.
Dahinter wird Stille. Ich habe groß
die Augen auf dich gelegt;
und sie halten dich sanft und lassen dich los,
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.

Rainer Maria Rilke: Das Buch der Bilder, 1902

 

Eine meiner Töchter wies mich auf dieses Gedicht hin, als ich ihr gestern Abend von meiner Lektüre erzählte. Stefan Zweig beschreibt in seinem autobiografischen Buch „Die Welt von Gestern“   seine Begegnung mit Rilke. Im 7. Kapitel dieses Buches lässt sich das nachlesen.