Erst Ruhe, dann Stille, dann wieder Ruhe

Foto: Elfie Voita

Holzhäuser, wie man sie in Schweden erwartet. Rot, blau, gelb. Hügel, Flachland, Wald, Wiesen, Dörfer, Städte, menschenleere Gegenden, dann wieder ein Radweg neben dem Kanal. Ein Hof am Horizont. „We dicided it’s a piggery“. Die Engländer haben es auch gerochen. Man kann den Betrieb besser riechen als sehen, obwohl: besser?

Manchmal regnet es, manchmal weht der Wind ziemlich frisch. Macht nichts. Auf dem Brückendeck sitzt man unter einer Kunststoffdecke wie auf einem Ausflugsdampfer. Bestimmt gibt es ein seemännisches Fachwort für dieses Partyzelt, so wie Brückendeck ja auch nur sagt, dass dieser Teil des Schiffs eben hinter der Brücke liegt, dem kleinen Zimmerchen, in dem über das Wohl und Wehe des Schiffs entschieden wird. Falls das nicht doch die Küche ist.

Nichts ist los, aber auch überhaupt nichts. Nur Ruhe und eine undramatische Landschaft. Selbst die Schären in den Seen oder in der Ostsee sind einfach nur schön. Wie bitte soll man denn über so etwas schreiben? Weiterlesen

Ootmarsum, Kunst, de Keyzer & Korinthen

Dirk de Keyzer Foto: Elfie Voita

Dirk de Keyzer: La Grande Guide des Voyages Foto: Elfie Voita

Ootmarsum, mit langem o, Betonung auf dem mar und einem u, das ü gesprochen wird: Eine kleine Stadt in den Niederlanden, westlich von Nordhorn und nördlich von Enschede gelegen, die zur Gemeinde Dinkelland gehört. Ootmarsum hat rund 4.500 Einwohner und liegt in der Provinz Overijssel. Der Fluss, der den Namen der Provinz prägt, die Ijssel, entspringt als Issel im Münsterland, wie übrigens auch die Dinkel und die Vechte. Ootmarsum, besonders der ältere Teil, also Oudootmarsum, ist bemerkenswert hübsch. Das ist nichts Besonderes in den Niederlanden, es finden sich viele Dörfer, aber auch kleine und große Städte, deren mittelalterliche Kerne erhalten geblieben sind.

Ootmarsum ist anders. Es ist deshalb anders, weil es die Heimat des niederländischen Malers Ton Schulten ist. Diese Tatsache hatte weitreichende Folgen. Ton Schulten ist auch in Deutschland mit seinen Bildern bekannt geworden. Farbenfroh und dekorativ, als Original oder als Kalender. Ich nehme an, dass sich seine Kunst gut verkauft, denn in Ootmarsum gab es bald eine Galerie mit diesen Bilder, Chez-Moi Ton Schulten Galerie International, dann einen kleinen Garten, der den klangvollen Namen Place de la Fontaine bekam – ein ummauerter Hinterhof – und inzwischen ein ganzes Museum. Weil deshalb noch mehr Touristen nach Ootmarsum kamen, als das schon zuvor der Fall war, siedelten sich weitere Galerien an und inzwischen ist die Galerie die typische Nutzungsform für einen Laden im Ort.

Foto: Elfie Voita

Foto: Elfie Voita

Außerdem prägen viele weitere Kunstwerke den öffentlichen Raum. Wie das mit Kunst ist, man muss nicht alles mögen, was da gezeigt wird, es gibt, wie kaum anders zu erwarten, auch eine Tendenz zum Dekorativen, aber wir haben uns schon lange in die Plastiken von Dirk de Keyzer verguckt. De Keyzer ist ein belgischer Künstler und leider viel zu teuer für uns. Als er noch preiswerter war, war er auch schon zu teuer für uns.

Seine ersten Arbeiten sahen wir in Ton Schultens Galerie, natürlich in Ootmarsum. Einige seiner Werke sind heute im Ort zu sehen.

Foto: Elfie Voita

Dirk de Keyzer: Siepelvrouwtje Foto: Elfie Voita

Falls jemand völlig resistent gegen Kunst sein sollte: In Ootmarsum gibt es auch noch overheerlijke krentewegge, also ein Korinthenbrot. Eins, das sich von unseren Rosinenbroten dadurch unterscheidet, dass der Bäcker es beim Hinzufügen von Rosinen oder Korinthen ernst meint. Mit etwas Butter und einem Kaffee dazu…

Literarisches Amsterdam (2)

Foto: Elfie Voita

Foto: Elfie Voita

Viele Menschen reisen gern, ich reise gern an. Gern auch langsam. Morgens von Warendorf nach Münster, frühmorgens, kurz nach sechs, Hochnebel. Noch ist es kühl draußen. Man sollte öfter mal so früh los, die Natur gibt sich alle Mühe und kaum einer schaut hin.

Rehe auf den Feldern.

In Münster parken, umsteigen in den Flixbus. Pünktliche Abfahrt, unterwegs durch die Hoge Veluwe, ein Heide- und Waldgebiet, neben dem Utrechtse Heuvelrug: Sozusagen ein Höhepunkt der niederländischen Landschaft.

Wieder mal eine Brücke. Weil sich das Lesen nicht abstellen lässt, konsumiere ich den Text auf einem der Brückenpfeiler „Ecoduct…“ Da war doch was… na klar, habe ich in einem Fernsehbeitrag schon mal gesehen. Eine Autobahnbrücke für die Tiere, die ab und an auch mal die Seite wechseln möchten, begrünt, bewaldet.

Pünktliche Ankunft in Amsterdam- Sloterdijk. Sagt mir nichts. Sloterdijk schon. Peter Sloterdijk. Der hatte einen niederländischen Vater, womit das jetzt auch geklärt wäre. Amsterdam-Sloterdijk entspricht weder dem Bild oder dem Vorurteil, das wir von Amsterdam oder niederländischen Städten haben. Stattdessen Hochhäuser und ein Vorortbahnhof, gebaut für Pendler, die hier arbeiten sollten. Weiterlesen

Zeit für Zeitler

Foto: Elfie Voita

Foto: Elfie Voita

Ich hatte doch nicht etwa schon erwähnt, dass wir in Berlin waren? Dass wir auf Friedhöfen waren? Dass wir auf dem Georgenfriedhof waren? Na Gott sei Dank, ich dachte schon, ich werde vergesslich. Mit der Vergesslichkeit der Menschen hat offenbar auch die Familie Zeitler gerechnet, die ein bemerkenswertes Grabmal hinterlassen hat. Es erinnerte mich ein wenig an die modernen Formel-1-Rennwagen. Natürlich nicht, weil es so schnell ist, ganz im Gegenteil, Gräber sind ja generell entschleunigt. Aber die Rennwagen – die übrigens, ich habe das nachgesehen, Boliden genannt werden, sind meist wie auch die Fahrer übersät mit Werbung. Wo auch immer Platz ist – seltsamerweise bisher nicht auf dem Visier des Fahrers – wird ein Aufnäher, Aufkleber oder was auch immer angebracht. So ähnlich ist das mit diesem Grabmal. Da hatte mal jemand etwas mitzuteilen!

Schon das Motto dieses Grabes, denn es ist eher ein Motto, weniger eine Grabinschrift, ist etwas… ungewöhnlich: Selig sind die Todten, sie ruhen von ihrer Arbeit. Mal abgesehen von der Schreibweise, ich hatte mir immer mehr vom Tod versprochen: Belohnung für die guten Taten, gut, auch etwas Fegefeuer und so,  Jungfrauen, Musik, und sei es auch nur ein ständiges „Halleluja! Luhja! Luhja, sog i! ‚zeefix Halleluja! Luhja!“ 

Richtig detailbesessen wird es dann auf der vom Betrachter aus gesehen linken Seite des Mausoleums. Da rechnet uns jemand vor, dass es nicht einfach und nicht billig ist, hier auf diesem Friedhof von der Arbeit zu ruhen. Immerhin bekommen wir auf diese Weise nicht nur einen guten Eindruck von den wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse des gerade entstehenden deutschen Kaiserreichs, sondern wir wissen auch ziemlich zügig, wie jemand getickt haben muss, der uns Nachgeborenen nicht einen besinnlichen Text, sondern ein Bautagebuch hinterlassen hat.

Also, bevor ich meinen Angehörigen so einen Stress mache, verzichte ich lieber gleich ganz auf das Sterben.

Zurück, aber haarscharf

 

Es gibt Themen, die fließen einem leichter aus der Feder. Aber es muss sein. Und damit bin ich auch schon bei meinem Thema: dem Müssen. Der Anlass ist rasch erklärt. Wir waren ein paar Tage in Berlin. Nicht zum ersten Mal, aber zumindest für mich das erste Mal seit… 1990? Für alle, bei denen das ähnlich ist: Es hat sich einiges verändert und ich für meinen Teil weiß noch nicht, wie ich zu all diesen Veränderungen stehe. Vielleicht muss ich noch mal hinfahren, um genauer zu wissen, was ich über Berlin denke, was ich von Berlin halten soll.

Auf jeden Fall stank mir die Stadt. Freilufturinieren scheint eine Art Sport geworden zu sein, zumindest eine weit verbreitete Beschäftigung, der keineswegs immer nur heimlich oder bei Nacht nachgegangen wird. So monumental, wie einiges von dem, was sich gerade in Mitte tut, was gerade in Mitte getan oder was Mitte gerade angetan wird, so monumental, so aufdringlich ist das, was unter Brücken, in Unterführungen und an anderen Stellen an Geruchsimpressionen vorgehalten wird.

Ich will ja nicht jammern… aber ich tue’s. Umso schlimmer, dass ich mir nun auch noch selbst in den Rücken fallen muss. Auf der Rückfahrt – per Bahn – verspürte ich einen zunehmenden Druck, ein Bedürfnis, dem ich nachgeben wollte und schließlich auf einer Bahnhofstoilette auch nachgeben konnte. Eine dieser modernen Anlagen, die WC-Center heißen und nicht einfach öffentliches Klo. Personal ist nicht zu sehen, diese Center reinigen sich vielleicht auch selbst, jedenfalls kann nach Münzeinwurf ein Drehkreuz bewegt werden und gibt den Zugang zum WC-Center frei.

Allerdings verweigerte es in meinem Fall die Rückkehr in den Bahnhof. Während meine Frau allein mit dem Koffer auf Bahnsteig 2 auf die verspätete Regionalbahn wartete, versuchte ich an dem Drehkreuz zu rütteln. Mehr als ein warnendes Piepen waren meine Bemühungen wohl nicht wert. Eine Frau, die sich noch jenseits des blockierten Ausgangs befand, betrachtete meine Anstrengungen mit Argwohn, weigerte sich aber, mit dem Einwurf eines weiteren Euros das Drehkreuz auf seine Funktionsfähigkeit zu testen bzw. ihm seine Pflichten in Erinnerung zu rufen. Während ich also schon darüber nachdachte, wie ich das Hindernis überwinden könnte, gab das Tor schließlich doch noch nach und ging auf. Ich war frei, verstand aber plötzlich die Wildpinkler viel besser.

Kültür

Das es nicht reicht, auf die Armbanduhr zu gucken, um sich hinreichend mit dem Phänomen Zeit auseinandergesetzt zu haben, war mir eigentlich schon länger klar – dafür hätte es nicht eines populärwissenschaftlichen Bestsellers bedurft.

Jeder, der einmal versucht hat, eine Geschichte zu schreiben, kommt nicht umhin, sich Gedanken zu machen über Erzählzeit und erzählte Zeit, vollendete Gegenwart und was auch immer die Germanisten sonst noch an Fallstricken ausgelegt haben mögen. Naturwissenschaftlich ist Zeit ein noch viel komplexeres Problem – und bis ins Detail verstanden hat es offenbar noch keiner – soweit immerhin habe ich den schon angesprochenen Bestseller gerade noch kapiert.

Offen gestanden lese ich solche Bücher auch nicht in der Erwartung, wirklich viel darüber zu erfahren, wie unsere Welt funktioniert, nein, es geht mir eher um das angenehme Gefühl, das wirklich kluge Menschen sich mit all diesen … Dingen herumschlagen und schon dafür sorgen werden, dass die Naturgesetze auch von niemandem übertreten werden.

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Zum Anbeißen

Foto: Elfie Voita

Foto: Elfie Voita

In der Alexanderkirche in Marbach haben wir diesen wunderschönen Fratzenkopf gesehen. Ob solche Maskarons, wie sie offiziell heißen, was es aber auch nicht besser macht, dazu beitrugen, die Gläubigen in die Kirche zu bringen, oder einfach nur als willkommene Ablenkung von dem ewigen Jauchzen und Frohlocken dienten: Ich kann ihnen jedenfalls nicht widerstehen!

Dennoch waren wir nicht wegen dieses Kinderschrecks in Marbach, sondern es gab dort im Schiller-Nationalmuseum die Ausstellung Arno Schmidt? – Allerdings!
Interessant? Tja, leider verpasst, aber nur um neun Jahre. Im Internet kann vieles aber noch nachvollzogen werden: http://www.arno-schmidt-allerdings.de/ausstellungen/index.html

Es war ein heißer Sommer – und ich meine heiß! Das Schiller-Nationalmuseum liegt auf einem Berg, wie ganz Baden-Württemberg, natürlich nicht alles auf demselben, aber schon unpraktisch. Wir waren so dankbar, als wir oben ankamen – und dann hatte dieses Nationalmuseum nicht einmal eine Klimaanlage. Okay, Schmidts hatten in Bargfeld auch keine – aber DAS SCHILLER-NATIONALMUSEUM ist doch wohl etwas anderes als die karge Behausung des großen Mannes.

Doch das sind die Württemberger, sagen wir es doch gleich deutlicher: die Schwaben. Fleißig aber knauserig. In Schillers Geburtshaus standen nicht mal Möbel. Schlimmer noch, man wusste nicht mal, ob es sein Geburtshaus war, noch schlimmer: Man war sich eigentlich sicher, dass das Geburtshaus ein paar Häuser weiter entfernt lag. Okay, aber nun hatte man ja schon all die Schilder und Flyer und wen scherte schon die historische Genauigkeit? 2017 ist Lutherjahr, da fahren wir nach Eisleben und gucken uns Luthers Sterbehaus an, da ist Luther nicht gestorben, definitiv nicht. Schmidt hätte seine Freude daran gehabt. Womit wir wieder beim Thema Kinderschreck wären. Oder Leserschreck?

Jede Menge Sterne

Ich habe schon erwähnt, dass wir in Urlaub waren. Manche mögen es komfortabel, wenn sie in die Fremde aufbrechen, aber dann will ich anschließend nicht wieder nach Hause. Andere mögen es spartanisch, aber dann kann ich ja gleich zuhause bleiben.

Manche wollen sehr weit weg, das dauert mir aber zu lange und dann ist da auch alles so fremd. Andere wollen lieber in der Nähe bleiben, aber wozu dann überhaupt wegfahren?

Habe ich schon erwähnt, dass ich es nicht so mit Bergen habe? Also in Leer, einer wunderschönen Stadt in Ostfriesland, ist der Plytenberg die höchste Erhebung: stolze neun Meter! Ich habe dort gelebt, nein, nicht auf dem Plytenberg, sondern in Leer – und der macht wirklich was her, weil alles andere flach ist. Flachland halt. Neun Meter sind okay.

Hitze vertrage ich nicht.

Ich kriege schon einen Sonnenbrand, während ich die Flasche mit dem Lichtschutzfaktor 100 nicht aufbekomme. Dieser Lichtschutzfaktor reicht für meine Frau bei einmaligen Einreiben für den ganzen Sommer, für mich für eine Viertelstunde, aber nur, wenn ich das Haus nicht verlasse. Okay, das war übertrieben. Es reicht für eine halbe Stunde. Kälte? Wintersport? Nicht mal im Fernsehen. Es reicht mir, wenn man mir von Schnee erzählt. Ich muss nicht jede Erfahrung machen. Schließlich habe ich Phantasie, wenn nicht inhaltlich, dann doch wenigstens bei der Rechtschreibung.

Am Strand bin ich schon gern, nur der Sand… überall Sand, zwischen den Zehen und zwischen den Zeilen. Also Lesen geht nicht gut, vor allem auch wegen der von der Sonnenmilch klebrigen und dann auch noch sandigen Finger: Ich hasse es, wenn meine Bücher schmuddelig werden, Eselsohren kriegen, Risse im Umschlag.

Wir sind trotzdem verreist. Mit dem Auto, dann mit dem Fahrrad und – wie auch schon mal geschildert – mit ganz wenig Gepäck. Ich hatte schon erwogen, mir in jeder Stadt ein Buch zu kaufen. Nein, das war nicht ganz richtig formuliert. Ein- und dasselbe Buch in jeder Stadt, dann muss ich es nicht in der Satteltasche als Ballast rumschleppen und versaue es nicht, kann aber jeden Abend drin lesen. Ich hab mich dann nicht getraut, ich fahr ja nicht allein.

Zelten haben wir aufgegeben, es würde zu weit führen, das jetzt zu erklären, aber es gibt Hotels, die muss man gesehen, die muss man erlebt haben. Das eigentliche Gästehaus war dreigeschossig und unser Zimmer lag im zweiten Stock. Es gab nur rund zwanzig Zimmer… aber wir fanden unser Zimmer nicht. Treppe rauf, Treppe runter. Kleiner Gang, dann eine Tür, ein Balkon, eine Tür, eine Treppe, hoch, runter, ein Gang, waren wir hier schon mal? Nein, andere Zimmernummern. Weiter. Steile Holztreppen, die parallel zueinander verlaufen, Spiegel am Ende des Ganges. M.C. Escher hätte seine Freude gehabt. Wir haben dann im Hof …

Nein, schließlich fanden wir das Zimmer, eingerichtet mit so einer leicht angenagten Eleganz. Das Telefon aus Porzellan. Die Klimaanlage aus… nein, einfach aus. Hinter dem plüschigen Bett ein Band, das von der Decke hing, ich kannte das von meiner Großmutter. Sie zog daran, dann erlosch die Schlafzimmerlampe. Sehr schlau, sie brauchte nicht im Dunklen ins Bett zu gehen und nicht aufstehen, um das Licht auszumachen. Nur war in unserem Hotelzimmer keine Deckenleuchte. Ich habe das Band natürlich ausprobiert.

Aufs Bett gelegt,am Band gezogen. Prompt ging die Sonne unter.