Der Friedhof von Prag, Eco und die Protokolle der Weisen von Zion

Foto: Elfie Voita

Die Protokolle der Weisen von Zion. Nie davon gehört? Das wäre ja mal ein gutes Zeichen.

Vermutlich gab es zu jeder Zeit Versuche, irgendwem die Schuld für den ganzen Schlamassel aufzudrücken. Der Homo Sapiens Sapiens, der erstmals einen Bezugsschein für eine Höhle ausfüllen musste, gab die Schuld dafür sicher dem Neandertaler, dem blöden Höhlenmenschen. Später wurden die, zu deren Religion oder Tradition der Sündenbock gehörte und die sich das Wort Schlamassel ausgedacht haben, zum Premiumfeind, zum Universalübel. Übrigens habe ich bis gerade nie darüber nachgedacht, dass in Schlamassel ja auch der Massel steckt, Schlamassel also einfach kein Massel ist. Manchmal hat man kein Glück und dann kommt auch noch Pech hinzu, wie es mal ein Bundesligaprofi formuliert hat.

Weil die Welt aber immer komplizierter wurde und immer mehr Menschen nicht verstanden, warum gerade sie nicht reich und berühmt wurden, dafür aber den Kopf für alles hinzuhalten hatten und anschließend auch noch einen Tritt in den Allerwertesten bekamen, bedurfte es einer Erklärung. Nein, nicht die von Herrn Marx. Die war auch kompliziert und hätte unangenehme Folgen für das Zusammenleben in der Gesellschaft gehabt. Weiterlesen

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Prag (3)

Foto: Elfie Voita

Foto: Elfie Voita

12.000 Grabsteine, so erzählte man uns, gäbe es auf dem alten jüdischen Friedhof in Prag, 100.000 Menschen seien dort aber begraben, mindestens. Nein, es ist nicht unheimlich dort, nicht, wenn man Friedhöfe nicht grundsätzlich für unheimliche Orte hält.

Egon Erwin Kisch, der rasende Reporter, auch einer der fast vergessenen Großen, einer, der in Prag, aber auch in Berlin, Paris und ja, eigentlich in der ganzen Welt zuhause war, der, der einen Blick hinter die lange verschlossene Tür des Dachbodens der Altneusynagoge in Prag warf und feststellte, dass, falls der Golem dort „begraben“ sei, er inzwischen untrennbar mit der Synagoge verbunden, Teil des Gebäudes geworden sei, dieser Egon gab sich den zweiten Vornamen Erwin selbst. Warum es gerade Erwin sein musste, weiß ich nicht, ich habe aber auch keine Einwände gegen Erwin, schließlich habe ich einen Onkel, der ebenfalls Erwin heißt.

Egon Erwin Kisch war Jude, vielleicht lange Zeit so Jude, wie er Tscheche war, oder Österreicher. Der Nationalsozialismus „machte“ ihn zum Juden, ihn, der eigentlich Kommunist war, Weltbürger, Literat, investigativer Journalist und eben „rasender Reporter“.

Egon Erwin Kisch erzählt jedenfalls in einem seiner Texte vom alten jüdischen Friedhof in Prag, dem, auf dem auch der Rabbi Löw begraben ist und von den Steinen, die von Besuchern auf die Grabsteine gelegt werden. Natürlich habe ich mich auch schon gefragt, warum auf jüdische Gräber Steine kommen, aber so heftig war meine Neugier auch wieder nicht, dass ich mich schlau gemacht hätte. Ist man aber in Prag und geht man über diesen Friedhof, Weiterlesen

Prag (2)

Da schraube ich gerade an meinem Text herum, recherchiere und vertiefe mich mit zunehmender Begeisterung in mein Thema, in Windungen und Seitenwege. Wie schade, in alten Bibliotheken oder Museumarchiven kann man noch auf Werke stoßen, die als verschollen galten, die niemand mehr kennt oder die einfach verkannt wurden. Im Netz… jeder kann finden, was ich finde, lesen was ich lese, schlimmer noch, es hat ja jemand erst vor Tagen, Wochen oder Monaten ins Netz gestellt, sicher aber nicht vor 500 Jahren. Egal. Es ist wie ein Wasserfall, ich stelle mich drunter und es hört einfach nicht auf, da kommen Texte, Bilder, andere Quellen und mehr und mehr.

Ach so, ich habe noch nicht gesagt, was mich da gerade umtreibt? Umtreiben ist übrigens genau das richtige Wort. In Prag der frühen Neuzeit, obwohl es für Prag möglicherweise auch noch das späte Mittelalter war, trieb sich, so die Legende, der Golem herum. Ein aus Lehm geschaffenes Wesen, dem Atem eingehaucht wurde und das, einen Zettel mit dem Schem, dem Namen Gottes, unter der Zunge, auszog, zu tun, was man ihm befahl. Wir kennen übrigens sogar das genaue Datum, an dem der Golem an den Start ging, es war der 17. März 1580. So ein Datum mach die Sache Weiterlesen

Prag (1)

 

Foto: Elfie Voita

Foto: Elfie Voita

Prag. Eine Reise, die einen schwer zu fassenden emotionalen Wert für mich besitzt. Mein Vater war Sudetendeutscher, einige seiner – und damit auch meiner – Angehörigen leben wohl noch in Tschechien. Ich bin also quasi ein Heimatvertriebener der zweiten Generation, könnte also mit Tracht und Tschingderassabumm beim Sudetendeutschentag in Nürnberg auflaufen.

Ich habe gerade mal gegoogelt, um meine Vorurteile ein wenig aufzupolieren, aber zu meinem Schrecken musste ich feststellen, dass die Damen und Herren Vertriebenen der zweiten und dritten Generation gar nicht so revanchistisch daherkommen, wie ich es erwartet hatte. Da spricht sogar ein Vertreter der tschechischen Regierung, da wird über Vertreibung und Flucht geredet – aber auch mit Syrern. Da wird der Nationalsozialismus nicht ausgeblendet.

Egal, ich will und muss da nicht hin. Nach Nürnberg meine ich, zu den Berufsvertriebenen, nach Tschechien schon.

Es ist ein fremdes Land. Oder doch nicht, nicht so ganz. Schon im Bus, gleich nach der Grenze, irgendwo hinter Leipzig, beginnt diese Region, ich habe mich nie genauer mit ihrer Ausdehnung beschäftigt, die einmal das Sudetenland war. Ein Teil Böhmens. Ein Gebiet, das einst zur K. u. K. Monarchie gehörte.

Ich schaue aus dem Fenster, möchte nichts verpassen und weiß doch nicht, was ich verpassen könnte. Mein Vater war hier zuhause. Irgendwo hier oder doch nicht hier, aber nicht weit weg von hier. Die deutschen Ortsnamen sind verschwunden, die tschechischen kannte er nicht, ich kenne weder die einen noch die anderen. Trotzdem muss ich nochmal her, besser vorbereitet, es ist so eine Sache mit den Wurzeln. Landschaftlich reizvoll, wirtschaftlich offenbar abgehängt, so zeigt sich die Region.

Später spricht eine unserer tschechischen Fremdenführerinnen darüber, dass inzwischen auch in Tschechien ein Bewusstsein für die gemeinsame tschechisch-deutsch-jüdische Geschichte entsteht. Kein Wunder, Prag ist geprägt von dieser gemeinsamen Geschichte, sie ist steingeworden, überall sichtbar und doch verloren in dem Sinn, dass die einstige Zweisprachigkeit abhanden gekommen ist.

Gerade in Prag wird mir klar, wie sehr ein ähnlicher Verlust auch unsere deutsche Gesellschaft prägt, nämlich der Verlust der jüdischen Kultur, die bis in die Jahre der NS-Diktatur ein selbstverständlicher Teil des Alltags war. Als ich die Uhr an der Altneu-Synagoge in Prag sah, eine Uhr mit hebräischen Ziffern, und erfuhr, dass jüdische Uhren „gegen den Uhrzeigersinn“ laufen. Das wusste ich nicht. Nun ist es keineswegs selten, dass ich etwas nicht weiß, aber etwas so alltägliches wie eine Turmuhr? Etwas, das vermutlich einst zu jeder deutschen Stadt gehörte! So, wie die Geschäfte, die Kleidung, die Friedhöfe. Weg. Verschwunden aus unseren Städten. Vergessen.

Teil 2