Piep

Piep

In Heimatkunde habe ich aufgepasst, damals in der einzügigen evangelischen Gemeinschaftsschule, viel besser als später im Geographieunterricht. Inzwischen habe ich leider vergessen, was ich da gelernt habe, was wiederum ganz so schlimm nicht ist, weil ich mehrfach die Heimat gewechselt habe. Falls das möglich bzw. zulässig ist und nicht als sittenwidrig vom zuständigen Heimatverein abgemahnt wird. Im Ergebnis bedeutet es aber, dass ich mich nur ein paar Kilometer von der eigenen Haustür entfernt schon an den Grenzen der mir bekannten Welt befinde.

An einem Julisamstag machten wir uns bei schönstem sommerlichem Wetter auf, Bad Laer zu erkunden. Das muss man nicht, aber immer nur Rom und New York ist ja auch etwas ermüdend. Bad Laer, am Rande des Teutoburger Waldes gelegen, ist ziemlich klein und für Leute, die sich dort auskennen und die deshalb nicht jeden Weg doppelt laufen müssen, vermutlich noch ein ganzes Stück kleiner. Wie es sich für einen Kurort gehört, ist Bad Laer auch ziemlich adrett. Viel Fachwerk und reichlich Gastronomie, damit die Kurgäste das, was ihnen der Kurarzt im Sanatorium verbietet, in froher Runde nachholen können. Ein See, der Glockensee heißt und so flach ist, dass sich sofort die Frage stellt, wo denn die Glocke blieb, die der Teufel dort versenkt haben soll. Ich muss gestehen, dass mir nicht einmal klar war, dass der flache, etwas schmuddelig wirkende Tümpel mitten im Kurpark eine Solequelle ist. Kann man sich, muss man sich vielleicht sogar bei Quellen entschuldigen? Wegen der gefürchteten Quälgeister?

Sole, weniger verschreibungspflichtig formuliert, ist ja nichts anderes als eine salzige Brühe und die gibt es in Bad Laer reichlich. Die in dieser Sole enthaltenen Mineralien lagerten sich im Laufe der Zeiten an den Uferpflanzen ab, am Schilf zum Beispiel, so entstand der Schilfkalk, der keinesfalls streufähig, sondern ein richtiger Stein ist. Weil die im Stein noch gut erkennbare Röhrenstruktur an Orgelpfeifen erinnert, nennt man diesen Stein auch Piepstein. Jedenfalls in Bad Laer, das auf einer massiven Lage Piepstein steht, mit dem es sich übrigens gut bauen lässt, wie man unter anderem an St. Marien, der katholischen Pfarrkirche sehen kann.

So ein Stadtspaziergang gewinnt durch etwas musikalische Begleitung ja gleich und wie bestellt hörten wir immer wieder die Kapelle des Bürgerschützenvereins von 1543, die einen Open-Air-Gottesdienst anlässlich des Schützenfestes mitgestaltete. Okay, keine Orgelpfeifen, aber immerhin Kirchenmusik. Weil das Repertoire vielleicht nicht reichte, vielleicht aber einfach nur, weil es so gut ankam, spielten die uniformierten Musiker gleich mehrfach „Lobet den Herren, den mächtigen König der Ehren.“

Joachim Neander hat diese evangelische Allzweckhymne Ende des 17. Jahrhunderts verfasst. Wikipedia weist darauf hin, dass die Familie eigentlich Neumann hieß, dem Nachnamen aber einen gebildeten Touch verpasste. Neander war unter anderem Hilfspastor in Düsseldorf, wo er offenbar einen so nachhaltigen Eindruck hinterließ, dass man ein Tal nach ihm benannte. Ja, das Neandertal, in dem später… aber das weiß ja jeder. Der Neumannstaler, nein, unvorstellbar, klingt eher nach einer Gedenkmünze für einen Mathematiker.

Neander selbst besaß nicht viel mehr als sein Gottvertrauen und wurde gerade einmal dreißig Jahre alt. Nun könnte man sagen, dass sein Lied ihn unsterblich gemacht hat, aber wenn man tot ist, weiß ich nicht so genau, was für eine Unsterblichkeit das ist. Unvergessen sind auch nur seine Worte, denn die Melodie stammt nicht von ihm, sie ist älter, wurde aber im Laufe der Zeit für das „Lobet den Herren“ zurechtgeruckelt. Ahasverus Fritsch, ein Vorname, der glatt wieder modern sein könnte, war wohl für die Melodie verantwortlich. Mit Bad Laer hatten weder Joachim Neander noch Ahasverus Fritsch etwas zu schaffen und das immerhin haben sie mit uns gemein. Und jetzt alle: „Lobet den…“

Na gut, dann eben nicht.

Das Bild zeigt Joachim Neander. Autor unbekanntUnknown author, Public domain, via Wikimedia Commons