Osterbrink macht Augen (3)

Rüdiger Wölk This photo was taken by Rüdiger Wölk. Münster. CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)

Dritter und letzter Teil

Teil 1

Teil 2

Osterbrink, dessen bisher erste und einzige Begegnung mit den Alltagsmenschen sehr rauschhaft verlaufen war und der deshalb keine gerichtsverwertbaren Erinnerungen an dieses Ereignis mehr besaß, war beeindruckt. Weniger von Toni Schulte Zumbrook, die er zunächst kaum zur Kenntnis genommen hatte, obwohl…  Groß, stämmig, von gesunder Gesichtsfarbe, fast immer mit einem Lächeln im Gesicht, ja, von einer schier überirdischen Heiterkeit, all das traf neben den gemütlich rundlichen Touristenmagneten auch auf seine Stadtführerin zu.

So viele neue Eindrücke, dazu die Last der Verantwortung, Osterbrink musste sich sammeln. Vor einer kleinen Buchhandlung, in deren Schaufenster eine Skulptur stand, die ihn sehr an den Landrat erinnerte, wie sollte man denn so nachdenken? Vor einem Restaurant, dessen Speisekarte ihn an die Uhrzeit und seinen leeren Magen erinnerte. Nein, auch kein Ort, um einen klaren Gedanken zu fassen. Schließlich vor den Auslagen eines Herrenausstatters, die ihn völlig kalt ließen und da sah er sie, die freundlichen Riesen, die sich in Normalgröße spiegelten. Davor ein kleineres, rundliches Paar, das in Formen und Farben dazuzugehören, Teil der Inszenierung zu sein schien und als jetzt auch noch versuchsweise ein kleines Lächeln auf seinem Gesicht erschien, konnte er nicht anders, als Toni Schulte Zumbrooks Hand zu ergreifen und mit dem Sommer, der Stadt und den Alltagsmenschen zu verschmelzen. Freundliche Betonköpfe, standhaft und zerbrechlich zugleich, gestellt in eine Welt, die sie nicht verstanden. Hatte er das wirklich gedacht? Er würde sich das aufschreiben müssen, später.

Jessica Wagenkötter, die per Zufall Zeugin dieser Szene geworden war, während sie in einem Bistro einen kleinen Salat mit Grünkohlpesto und Mettwurststückchen verzehrte, verschüttete vor Freude glatt ein wenig Grauburgunder. Osterbrinks Date erwies sich offenbar als echtes Update. Aber man soll die Mahlzeit nicht vor dem Nachtisch, den Tag nicht vor dem Abend loben, denn nur wenige Schritte weiter stieß das Paar, sich der verschränkten Hände durchaus bewusst, aber unfähig, als Erste oder Erster wieder loszulassen, auf eine gut gelaunte Männergruppe, die, den Coronaregeln trotzend, offenbar von einer vermutlich feucht-fröhlichen Weiterlesen

Osterbrink macht Augen (2)

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Zweiter und vorletzter Teil

zu Teil 1

Seit einiger Zeit bekam Osterbrink nämlich Mails von Polizeipsychologinnen, Versicherungsvertretern und Immobilienmaklern, die er sich nicht erklären konnte, einmal sogar von einer Kollegin aus Gütersloh, die sich aber nach einem kurzen Austausch per Mail auf den Corona-Lockdown berief und nie wieder schrieb. Er konnte ja nicht ahnen, dass Jessica Wagenkötter für ihn ein Profil auf dem Datingportal der Polizei, der Bullenbörse, erstellt hatte.

Es war ja nicht so, dass Osterbrink darunter litt, keine Frau, keine Freundin und nicht einmal eine Exfrau oder Exfreundin zu haben. Kurzzeitig hatte der Kommissar sogar als begehrtester Single zwischen Axtbach, Mussenbach, Werse und Ems gegolten, weil es hieß, er werde bei „Mario Barth deckt auf“ ganz groß rauskommen. Es war dann auch was rausgekommen und um ein Haar wäre Osterbrink strafversetzt worden. Aber er war ja schon bei der Kreispolizeibehörde in Warendorf. Jedenfalls hatte sich in der Folge sein Status bei Facebook von Single zu „unvermittelbar“ verändert. Seine Unbeweibtheit war ihm bisher eigentlich nicht einmal groß aufgefallen. Aber diese kurze Phase, in der ihn Frauen anriefen, um sich mit ihm zu verabreden und, das hatte er schnell raus, Karten für die Mario-Barth-Fernsehaufzeichnung zu bekommen, hatte ihm verdeutlicht, das ihm möglicherweise etwas fehlte. Immer hieß es nur Osterbrink hier, Osterbrink da und manchmal sogar: Osterbrink! Niemals sagte jemand Bernhard und so hatte er fast seinen Vornamen vergessen.

Jessica Wagenkötter, die letztlich für das folgende Schlamassel verantwortlich war, hatte Osterbrink, als er sich unbeobachtet Weiterlesen

Osterbrink macht Augen

Dietmar Rabich / Wikimedia Commons / „Telgte, Clemenskirche und Gnadenkapelle — 2014 — 8455“ / CC BY-SA 4.0

Im Laufe der Jahre sind einige Geschichten um den etwas kauzigen Kommissar Osterbrink entstanden. Sein neuester Fall spielt wieder einmal in Telgte. Heute gibt es den ersten von drei Teilen.

Erster Teil

„Telgte!“ Dr. Averkamp, der leitende Polizeidirektor der Kreispolizeibehörde Warendorf, ließ das Wort im Raum stehen wie ein Ortseingangsschild.

„Nicht meine Zuständigkeit, Herr Polizeidirektor“, murmelte Osterbrink und drehte schon ab. Seine Reflexe stimmten noch: Erst die Nichtzuständigkeitserklärung und wenn die nicht zog, dann… aber so weit kam er nicht mit seinen Gedanken.

„Wieder so eine Kunstangelegenheit. Da sind Sie doch der Experte hier im Hause.“

Osterbrink meinte, ein unterdrücktes Lachen aus dem Vorzimmer gehört zu haben. Weber-Hollendorf, seit dieser Karnevalsgeschichte hatte ihre professionelle Neutralität ordentlich gelitten.

Dr. Averkamp holte zu einer seiner langatmigen Erklärungen aus, zusammengefasst ging es wohl darum, dass im Kreistag ein Abgeordneter der Handfesten Heimatfreunde behauptet hatte, der Bevölkerungsaustausch habe auch im Landkreis längst begonnen. Nach dem Zwischenruf „Aber er geht nicht schnell genug“ sei es zu tumultartige Szenen gekommen. Also beinahe, nur durch die vorzeitige Eröffnung des Buffets sei Schlimmeres verhütet worden.

„Aber“, fuhr Dr. Averkamp fort, „darum geht es überhaupt nicht. In Telgte findet“, der leitende Polizeidirektor unterdrückte ein Gähnen „zum gefühlt 100sten Mal die Ausstellung Alltagsmenschen statt. Dagegen ist ja weiter nichts zu sagen. Allerdings ist es in der Vergangenheit zu mutwilligen Beschädigungen der Skulpturen gekommen. Die Figuren sind versichert, aber sowas schadet natürlich dem Image eines Wallfahrtsortes. Kurz: Wir müssen da ran. Der Polizeistützpunkt in Telgte ist nicht ständig besetzt, die Kolleginnen und Kollegen brauchen Unterstützung und wer, wenn nicht Sie, mein lieber Osterbrink, könnte diese Aufgabe übernehmen?“

Osterbrink bewegte sich nicht. Er versuchte, sich durch reine Willenskraft unsichtbar zu machen, dann ginge alles Weiterlesen

Osterbrink und das Betriebsfest

Dr. Averkamp starrte aus dem Fenster. Es war schon dunkel und selbst aus den oberen Etagen war nichts mehr zu sehen, was der Mühe wert gewesen wäre, nicht einmal für einen weitblickenden Mann wie den leitenden Polizeidirektor der Kreispolizeibehörde in Warendorf. Aber Averkamp wollte einfach nicht in die andere Richtung sehen, dort, wo Kommissar Osterbrink saß und Bericht erstattete.

Dabei hatte alles so gut angefangen. Eine Belobigung hatte Osterbrink in all seinen Dienstjahren noch nicht erhalten und Dr. Averkamp war wirklich milde gestimmt, als er Osterbrink zu sich gebeten hatte. Doch dann hatte Osterbrink erzählt, wie er auf dem August-Wessing-Damm den Deckel seiner Thermoskanne verloren hatte, gerade als er in die Andreasstraße abbiegen wollte und als er sich eben danach bückte, war ihm der Schmerz so durch den Rücken geschossen, dass er Gas- und Bremspedal verwechselt und ein Auto gerammt hatte, das aus einer Querstraße angerast kam und sich anschließend als das Fluchtfahrzeug eines bundesweit gesuchten Gangsterpärchens erwiesen hatte. Hexenschuss, hatte Osterbrink seinen Bericht abgeschlossen.

„Schreiben Sie Ihren Bericht, aber lassen Sie bloß den Quatsch mit der Thermoskanne und dem Hexenschuss weg, sonst können Sie die Belobigung knicken und werden strafversetzt, ist das klar, Osterbrink?“

War es nicht, weil: Was sollte er denn nun berichten? Aber dieses Problem war gleich darauf  vergessen, denn bei dem ganzen Stress hatte Osterbrink das Betriebsfest völlig verdrängt. Weiterlesen

Osterbrink und das Abkratzen in Telgte

Immer wenn es spannend wurde, übernahmen die Kollegen aus Münster. Im Umkehrschluss bedeutete das wohl, dass es wieder mal um Killefitt ging. Kommissar Osterbrink trank den letzten Schluck Kaffee aus dem Pappbecher und stieg in Telgte aus dem Zug der Eurobahn. Nicht mal einen Dienstwagen hatte er bekommen, der Fall schien in seiner Dringlichkeit noch hinter der mutwilligen Verschmutzung der öffentlichen Toiletten am Marktplatz zu rangieren.

Die zwanzigminütige Bahnfahrt hätte natürlich gereicht, um sich mit den Details vertraut zu machen. Immerhin hatte Osterbrink die Mappe mit den Unterlagen in seiner Aktentasche. Ausgerechnet diesmal bekam er aber einen Sitzplatz mit Kopfhöreranschluss. Er hatte sich durch alle Sender geschaltet und war schließlich bei einer Reportage

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