Vor der Morgenröte

Wir waren im Kino. Im Schloßtheater in Münster. Das schreibt sich noch mit ‚ß“, im Unterschied zum Schlossplatz, aber der heißt auch noch nicht so lange Schlossplatz. Obwohl das Schloss da schon seit 1787 steht, das Schloßtheater hingegen gibt es erst seit 1953. Es steht auch nicht am Schlossplatz. Das ist, wegen der vertrackten Schreibweisen, wohl auch besser so.

1942, gerade einmal elf Jahre zuvor, hatte sich Stefan Zweig in Brasilien das Leben genommen. 11 Jahre, was sind schon elf Jahre? 2005. Was war da? Das Arbeitslosengeld II wurde eingeführt, Angela Merkel Bundeskanzlerin. 2005 erst? Und Hans Dieter Hüsch starb. Immer ist irgendwas. Und immer ist es gerade am schlimmsten. Jedenfalls erleben wir es so. Wie verhält man sich zu den herrschenden Verhältnissen? Was kann man tun, was muss man tun, müsste man tun? Weiterlesen

Warnung vor dem Grünzeug

Eigenes Foto

Foto: Elfie Voita

Zweifelhafte Lotwurz? Kein Wunder, dass sich hinter diesem Schild eine Lücke auftut. Welche anständige Pflanze – möglicherweise eine Fetthenne? – hielte es in so zweifelhafter Umgebung aus!

Der Botanische Garten Bielefeld liegt übrigens sehr schön am Kahlenberg, der, Weiterlesen

Angefressen

Foto: Elfie Voita

Foto: Elfie Voita

Fast alle bekommen gern mal Besuch – und so erwarteten zu Ostern 1534 die Wiedertäufer, eine reformatorische Bewegung, die in Münster einen Gottesstaat geschaffen hatte, die Parusie, die Wiederkunft Christi. Daraus wurde – wie zu diversen anderen angekündigten Terminen – nichts. 1535 kam stattdessen der Fürstbischof mit seinem Heer und richtete ein Blutbad in der Stadt an, so dass die verbliebenen Münsteranerinnen und Münsteraner vermutlich durchaus eine Vorstellung vom jüngsten Gericht bekamen.

Die Wiedertäufer hatten ihre Wurzeln im niederländisch/norddeutschen Raum, zum berüchtigtsten Ausbruch kam es in Münster, aber auch Amsterdam blieb nicht unbeteiligt.

Am 11. Februar 1535 hatte sich dort während einer Täuferversammlung einer der Anwesenden demonstrativ ausgezogen Weiterlesen

Dialekt, Voskuil und ‚Das Büro‘

"Jj han voskuil" by Gerd Busse - Wikiportrait. Licensed under CC BY 3.0 via Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jj_han_voskuil.jpg#/media/File:Jj_han_voskuil.jpg

„Jj han voskuil“ by Gerd Busse – Wikiportrait. Licensed under CC BY 3.0 via Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jj_han_voskuil.jpg#/media/File:Jj_han_voskuil.jpg

 

Der ViFa-Belelux-Blog präsentiert den Webtipp: Kurzvorlesungen bei “Universiteit van Nederland”. Wer zufällig… blöde Formulierung, wer lernt eine Sprache schon zufällig? des Niederländischen mächtig sein sollte, der findet im Netz Vorträge zu verschiedenen wissenschaftlichen Themen, die populärwissenschaftlich aufbereitet sind. Ich klicke also rein und sehe, wie Marc van Oostendorp beschwingt ein Podium besteigt… nein, erstürmt, das eher einer Showbühne gleicht. Der Herr Professor verkauft sich auch nicht professoral, sondern mit dem Gestus des Showmasters, des Alleinunterhalters… aber das waren Professoren eigentlich schon immer. Genug gelästert. Marc van Oostendorp ist Dialektologe und beschäftigt sich in seinem Vortrag mit der Frage, ob man auf der Grundlage eines Dialekts einen Menschen präzise verorten kann. Um es kurz zu machen: man kann.

So weit, so gut. Marc von Oostendorp ist nicht nur Dialektologe, er arbeitet am Meertens-Institut in Amsterdam. Ja, genau, dem Institut, an dem auch J.J. Voskuil arbeitete! Der J.J. Voskuil.

Auf 5.200 Seiten hat Voskuil den Alltag des Meertens-Instituts beschrieben. Mitarbeiter dieses sprachwissenschaftlichen / volkskundlichen Instituts schwärmten in den fünfziger Jahren aus, um die lokalen sprachlichen Varianten, die Dialektausdrücke, die in den verschiedenen Gebieten der Niederlande gebräuchlich waren, aufzuzeichnen. Oostendorp zeigt bei seinem Vortrag eines der Tonbandgeräte, die damals mit dem Moped zum Bauern und zur Bäuerin gebracht wurden, um Tondokumente aufzuzeichnen. Voskuil schildert all das, die Eifersüchteleien, die Rangelei um Posten, das mühevolle Kartieren der verschiedenen Ausdrücke für die Nachgeburt der Kuh (oder war es die des Pferdes?).

Voskuil hat – im Unterschied zu Oostendorp – nie promoviert, er lässt sein Alter Ego Maarten Koning sagen: ‘Ik heb de pest aan mensen die een proefschrift schrijven alleen om de titel. Als je wat te vertellen hebt, kun je dat ook wel zonder proefschrift. En ik heb niets te vertellen’.
Das heißt ungefähr: Menschen, die eine Dissertation allein wegen des Titels verfassen, ekeln mich an. Wenn man etwas zu erzählen hat, kann man das auch ohne Dissertation. Und ich habe nichts zu erzählen.“ Und dann erzählt er.

Die deutsche Übersetzung erschien unter dem Titel „Das Büro“ ursprünglich bei Beck, die Neuausgabe im Verbrecherverlag. Bis 2017 sollen alle sieben Bände verfügbar sein. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich nur den ersten Bank der niederländischen Ausgabe gelesen habe – dafür habe ich aber das Hörspiel gehört – 475 Folgen mit einer Länge von jeweils 14 Minuten. Im ÖPNV. Und ich würde es wieder tun!

Wie sich doch wieder eins ins andere fügt und dafür doch keiner Magie oder höherer Mächte bedarf: Bei Wikipedia schaue ich nach Voskuil und finde einen Artikel von Jan Goossens, dem Hochschullehrer, bei dem ich in Münster Hauptsemiare zu maasländischen Heiligenleben in mittelniederländischer Überlieferung und zur Sankt Servatius Legende absolviert habe. Wie viele Menschen ich doch schon mit der bloßen Nennung dieser Seminare beeindrucken konnte!

Als dit nu eens de zin van het bestaan was:
Het waarnemen van kleine variaties
in steeds hetzelfde stukje van de wereld waar je toevallig woonde.
J.J. Voskuil: Het Bureau 7, blz. 86

Giacometti

Das Picasso-Museum Münster zeigt aktuell eine Ausstellung mit Werken von Alberto Giacometti. Ausstellung, Museum, Picasso, Giacometti – gleich vier Gründe, jetzt nicht weiterzulesen. Oder vier Gründe, jetzt weiterzulesen, je nach Gusto.

Da ich Betriebswirtschaft und nicht Kunstgeschichte studiert habe, bin ich natürlich prädestiniert, mich zu dieser Werkschau zu äußern. Betriebswirtschaftlich betrachtet ist Giacometti ein guter Anlagetipp. Picasso bringt zwar immer noch mehr, aber bei den Skulpturen ist Giacometti unschlagbar. Im Mai wechselte ‚der zeigende Mann‘ für 141,285 Millionen Dollar den Eigentümer. In Euro ist das weniger, reicht aber allemal.

Giacometti… wer war das auch noch gleich…? Weiterlesen

Hamel schofel!

Mir hört ja keiner zu. Gut, das bin ich gewöhnt, schließlich bin ich verheiratet und habe zwei Töchter. Außerdem arbeite ich in der beruflichen Erwachsenenbildung, einer Nische unseres Bildungssystems, in der es nicht möglich ist, die Aufmerksamkeit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer durch Druck oder Drohungen zu erzwingen – nicht, weil ich es nicht möchte, sondern weil es sich um Erwachsene handelt, die im Schnitt nicht unbedingt größer, aber praktisch immer stärker sind als ich. Aber ich schweife ab. Meinen Münster-Bericht habe ich nämlich mit ‚Jovel‘ beendet und das blieb völlig unbemerkt oder unkommentiert. Dabei unterstelle ich, dass außerhalb Münsters dieses Wort nicht zur Umgangssprache gehört.

Ein lokale Besonderheit Münsters ist nämlich das Masematte. War das Masematte, müsste ich eigentlich sagen, denn in der Folge der nationalsozialistischen Verfolgung und durch die Zerstörungen des zweiten Weltkriegs ist diese Sprache ausgestorben. Einige Begriffe haben sich allerdings erhalten und sind in Münster ganz alltäglich.

Das Masematte ist eine Randgruppensprache, die Elemente des Rotwelschen, des Jiddischen, aber auch der Sprachen der Sinti und Roma enthält, also eine Händler- und Gaunersprache, eine Sprache der einfachen Leute, die sich damit vor unerwünschten Zuhörern schützten. Sie umfasste nur ca. 500 Wörter und war damit auch nur für bestimmte Situationen geeignet. In Klein Muffi oder im Kuhviertel, heute ein Kneipenviertel, sprach man Masematte. Die Gegend hatte keinen guten Ruf, es hieß: ,Tasche, Brink und Ribbergasse – Messerstecher erster Klasse!‘.Die genannten Straßen gibt es längst nicht mehr, dort lebte, wer in der städtischen Gesellschaft zu den Verlierern gehörte.

Heute ist Masematte gerade unter den Studierenden beliebt. Wer in Münster lebt, wird sein Fahrrad Leeze nennen. Wenn etwas schön ist, ist es jovel, Unangenehmes hingegen ist schofel. Kinder sind ganz selbstverständlich Koten. Kindergeld heißt entsprechend Kotenmoos. Und in Münster maimelt es manchmal hamel: dann regnet es sehr. Mein Wortschatz ist damit auch schon aufgebraucht, aber, wie gesagt, ich wohne ja auch nicht mehr in Münster.

Münster

Es mag am Herbst liegen, dass mir das Thema Friedhöfe ständig wieder in den Sinn kommt. Nein, es liegt nicht daran, dass ich mich intensiv mit den Themen Leben und Tod auseinander setzen würde. Wozu? Ich lebe – und sterben werde ich auch. Gibt es dazu mehr zu sagen? Na klar, es wird zum Beispiel erzählt, dass die Münsteraner nicht unbedingt in den Himmel, aber auf jeden Fall auf den Zentralfriedhof wollen. Wobei der Weg vom Zentralfriedhof in den Himmel vermutlich nicht sehr weit ist, denn der Friedhof liegt an der Himmelreichallee. Außerdem liegt er in der Nähe des Aasees, der im letzten Münster-Tatort zu besichtigen war, was jetzt aber nicht gegen den See verwendet werden sollte.

Am Aasee lässt es sich gut und teuer wohnen, das Gelände wurde schon zum schönsten Park Deutschlands und zum schönsten Park Europas gekürt. Warum ich das erzählen muss? Wo ich doch nicht mal mehr in Münster wohne? Weil uns immer wieder mal das Heimweh packt – dabei bin ich nicht mal in Münster geboren.

Es gibt auch ganz viele Gründe, nicht nach Münster zu ziehen, einer davon ist die fortschreitende Gentrifizierung. Am alten Kanalhafen, ein ehemals ziemlich schmuddeliges und verlassenes Stück Stadt, ist ein Kreativkai entstanden, mit Theater, Hotjazzclub, Kneipen… und nicht zu vergessen: Wasser. So weit, so gut. Oder doch nicht? Die neue Nutzung verändert natürlich die Mietsituation. Billiger Wohnraum verschwindet und schicke neue Häuser entstehen. Aber es hat was. Und so geht das weiter. Mietshäuser, die in den fünfziger Jahren mit öffentlichen Mitteln gefördert wurden, werden nach und nach in Eigentumswohnungen umgewandelt und wer nicht so gut verdient, findet sich an den Stadtrand gedrängt.

So, genügend kritische Anmerkungen gemacht, jetzt darf ich auch etwas schwärmen. Der Prinzipalmarkt, der, wie große Teile der Innenstadt, im Krieg fast vollständig zerstört wurde, wird auch als gute Stube Westfalens bezeichnet. Kopfsteinpflaster, die Lambertikirche mit den Käfigen der Wiedertäufer, Giebelhäuser und das historische Rathaus, in dem 1648 der westfälische Frieden geschlossen wurde: Jovel!

Dom und Bäume

Prinzipalmarkt Ecke Lamberti

DomFotos: Elfie Voita