März

Im Märzen der Bauer… plötzlich habe ich es wieder im Ohr. Gut, es ist März, über Chöre habe ich gerade erst geschrieben, da ist es wohl kein Wunder, wenn mir mein Tinnitus ein fröhliches Liedchen pfeift. Das war billig, musste aber mitgenommen werden. In Wahrheit ist es auch ein virtueller Kinderchor, den ich da höre.

Ich merke schon, ich reite mich da gerade mächtig rein, erst das Pfeifen der Ohren, jetzt gar Stimmen. Jawohl, nicht nur eine, sondern gleich ein ganzer Chor. Wenn das mal nicht zu einer Zwangseinweisung führt. Aber da ich im Winter geboren wurde, neige ich, wenn schon, eher zu Depressionen. Jedenfalls legen Studien das nahe. Studien, die meinen, einen Zusammenhang zwischen der Jahreszeit der Geburt und der Art der psychischen Erkrankung, die einen eventuell erwischt, belegen zu können. Netter Versuch, aber danke nein, kein Bedarf.

1. Im Märzen der Bauer die Rösslein anspannt.
Er setz seine Felder und Wiesen instand.
Er pflüget den Boden er egget und sät
und rührt seine Hände frühmorgens und spät.

2. Die Bäuerin, die Mägde sie dürfen nicht ruh´n.
Sie haben im Haus und im Garten zu tun.
Sie graben und rechen und singen ein Lied
und freu´n sich, wenn alles schön grünet und blüht.

3. So geht unter Arbeit das Frühjahr vorbei.
Dann erntet der Bauer das duftende Heu.
Er mäht das Getreide, dann drischt er es aus.
Im Winter da gibt es manch herrlichen Schmaus.

Volkslied aus Mähren, seit 1884 nachgewiesen

Märzen und Bauer… da sitze ich wieder im Konfirmandenunterricht im Gemeindehaus, ein Gemälde in klotzigem Rahmen an der Wand. Zwei Pferde, der Begriff Kaltblüter war mir vermutlich noch nicht geläufig, ziehen einen Pflug durch den schweren Lehmboden, die heimatliche Scholle. Der kernige Landmann daneben, wettergegerbt. Im Internet lässt sich sowas leicht finden – wenn man es denn suchen will. Es ist hart, das Landleben, aber auch heroisch. Das ist für mich Märzen, der Bauer.

Rösslein? Traber oder Galopper sind das nicht, die würden auch den Pflug nicht durch den Löss oder Lehm oder was auch immer ziehen, die würden sich die schlanken Fesseln ruinieren. Er egget… ich bin Stadtkind, ich kannte mal eine Frau Eggers, ich eckte auch schon mal an, aber eggen müsste ich auch heute noch googeln. Und das weibliche Personal dieses Liedes: Sie graben und rechen. Gesungen gehen da Feinheiten verloren: Erst graben und dann rächen… da hat man doch gleich Bilder im Kopf.

Immerhin, das Lied ist seit 1884 nachgewiesen und stammt wohl aus Nordmähren, da sind wir auch wieder einmal im Sudetenland, heute Tschechien. Dabei kenne ich nicht einmal den Unterschied zwischen Böhmen und Mähren. Und nein, ich will, obwohl mein Vater aus dem Sudetenland stammte, Deutschland nicht zurück in den Grenzen von 1939, 1945 oder welchen auch immer. Aber weil ich noch nie dort war, hat es etwas Geheimnisvolles für mich, ist es eine Landschaft, die etwas mit mir zu tun hat. Vielleicht ist es auch einfach so, dass ich meinem Vater diesen Besuch schulde. Wurzeln eben. Und die, die regen sich im Märzen.