Verpasst

„Vergangene Ereignisse als Tatsachen anzusehen, ist eine gesellschaftliche Konvention.“

Wikipedia

„Wir erreichen gleich die Endstation. Bitte alle aussteigen und denken Sie daran, Ihr Gepäck mitzunehmen.“ So oder ähnlich lauten die Durchsagen in den Zügen und daran musste ich denken, als meine Tochter mich heute für eine Hausaufgabe interviewte. Interviewte ist ein zu großes Wort dafür, sie stellte mir einfach ein paar Fragen. Zu meinem Lebenslauf.

Vorher hatten wir über ihre Großeltern gesprochen. Geburtstage, Todestage, Berufe. Ob die Großväter im Krieg gewesen waren. Ja, das waren sie, in Russland, in Holland. Mein Schwiegervater war mit gerade einmal 17 Jahren von einem fanatischen Unteroffizier eine gute Woche vor der Kapitulation in einen völlig sinnlosen Einsatz geschickt worden und kehrte Jahre später als Kriegsblinder heim.

Geschichten sind das, von einer Kindheit auf dem Lande, einem Leben in Ostpreußen, im Sudetenland,  in der Grafschaft Bentheim, von Armut und Krankheit, von ersten Autos und Kosaken, von Panzern und Flüchtlingstrecks. Geschichten aus einer fernen Zeit, so fern, dass, wie eine Tante sagte, sie sich selber manchmal frage, ob sie das alles wirklich erlebt hat.

Ich erzähle meiner Tochter die Stationen meines Lebens – und es ist für sie, das merke ich, während ich es erzähle, genauso fern, genauso fremd, wie das ihrer Großeltern. Zeiten ohne Telefon. Gut, das gab es schon, aber nicht bei uns. Zeiten ohne Computer und ohne Handy. Ohne RTL.

Dabei war das doch meine Zeit. Die sechziger, die siebziger Jahre. Meinetwegen auch noch die achtziger. Aber die sind doch noch fast Gegenwart. Weiterlesen