Die Abrechnung

Von FOTO:Fortepan — ID 1731:Adományozó/Donor: UVATERV.Archivkopie – http://www.fortepan.hu/_photo/download/fortepan_5273.jpg Archivkopie, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=49127581

„Entschuldigen Sie bitte, aber was machen Sie da?“ fragte die Verkäuferin und schon fühlte ich mich ertappt. Nicht dass ich etwas angestellt, gegen Anstand oder Abstand verstoßen oder mich gar des Ladendiebstahls schuldig gemacht hätte. Vermutlich ist dieses Gefühl der Beweis für die Existenz der Erbsünde.

Es war auch gleich leiser geworden, sicher, weil alle nach einer hastigen Gewissensprüfung festgestellt hatten, dass sie nicht gemeint waren und augenblicklich vom Opfer zum Gaffer mutierten. Alle bis auf die Kundin, die Sachen aus ihrem Einkaufswagen auf das Kassenlaufband packte. Leider an der geschlossenen Kasse 2.

Besagte Kundin, nennen wir sie Frau Koch, blickte kurz auf und sofort war mir klar, dass wir uns nicht am Ende einer Geschichte, sondern gerade erst an ihrem Anfang befanden. Es gibt Menschen – und Frau Koch gehörte dazu – die nicht einfach nur anwesend  sind, sondern, wie sag ich das: gegenwärtiger als andere. Menschen, denen man ansieht, dass sie ständig bereit sind, sich die Welt untertan zu machen. Menschen, die sich von der lethargischen Masse abheben, so, als gehörten sie zu einer anderen Gattung, zu den Erweckten, den Auserwählten oder vielleicht einfach auch nur zu den Dreisten.

Frau Koch zögerte kurz, dann wuchtete sie einfach weiter Artikel um  Artikel auf das Band. Frau Orlow, der Name stand auf dem Plastikschildchen am Kittel der Verkäuferin, probierte einen neuen Gesichtsausdruck aus: empörte Überraschung mit einem Hauch Belustigung. Es gibt bestimmt ein entsprechendes Emoji. Doch noch bevor sie eine deutlichere Botschaft formulieren konnte, sprach sie ein älterer, etwas hilflos wirkender Mann an. „Die weißen Bohnen in Tomatensoße…?“

„Zweite Regalreihe von rechts. Unteres Fach. Neben den Linsen mit Suppengrün“, kam Weiterlesen