Autsch

Autsch

Es gibt ein Schmerzgedächtnis, was bedeutet, dass der Körper, genauer das Gehirn oder das Rückenmark, einen Schmerzreiz, der intensiv genug war, lernt und künftig reproduzieren kann, auch wenn der Anlass dafür eigentlich nicht ausreicht. Das erklärt nicht, dass ich schon mal entschieden jammern kann, obwohl es überhaupt nicht schlimm ist. In solchen Fällen geht es nämlich nicht um das Schmerzgedächtnis, das mir Böses will, sondern um fehlende Aufmerksamkeit. Wer Kinder hat oder mal ein Kind war, weiß, wovon ich schreibe.

Hier will ich aber von einer eigenen Erfahrung berichten, die mit einem Schmerz begann. Zu meinen hauswirtschaftlichen Aufgaben, über die ich nicht groß klagen will, gehört auch, dass ich ab und an die Fensterbänke abwische. Unsere Fenster werden durch Raffstoren beschattet, ein System, das aus Kunststofflamellen besteht, die durch Bänder zusammengehalten werden. Und durch Drähte. Diese Drähte stehen unten hervor, ragen also ein Stückchen aus der untersten Lamelle heraus und wenn man unvorsichtig über die Fensterbank wischt, kann man sich an einem solchen Draht die Haut aufschürfen.

Den Schmerz, der dabei entsteht, hat mein Körper verinnerlicht. Interessanterweise, also interessant für mich, funktioniert dieses Schmerzgedächtnis aber nur, wenn der Draht auch da ist und ich den Lappen in der Hand halte, verbunden mit dem festen Willen, jetzt auch die Fensterbank zu wischen. Es  lässt sich nicht täuschen. Jetzt, da ich darüber schreibe, weiß ich, dass es wehtat, ohne den Schmerz zu spüren. Gehe ich an der Fensterbank vorbei, passiert nichts. Nehme ich den Lappen und nähere ich mich putzwillig der Fensterbank, ist der Schmerz da. Ein strahlender, blitzblanker Schmerz. Ohne körperlichen Kontakt, einfach so, auch nicht an einer konkreten Stelle der Hand, sondern als psychisches Erlebnis. Ich erfahre den Schmerz. Ganz großes Kino. Und immer wieder. Aber nur bei der Fensterbank vor dem Haus.

Wenn unsere Schmerzgedächtnis ein wenig menschenfreundlicher wäre, wie friedlich die Welt dann wohl wäre? Wenn wir spürten, was der andere fühlt, den Schmerz eines anderen Menschen körperlich erführen wie den eigenen, wem könnten wir noch wehtun?

Bild: Von Guillaume Duchenne – Scanned from 1965 version with foreword by Konrad Lorenz published by University of Chicago Press, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4045698

Zeug

Zeug

Vermutlich sagen die Rummelschublade und der Werkzeugkasten mehr über einen Haushalt, als der Bücherschrank und die Plattensammlung. Okay, die Plattensammlung verrät schon mal das Alter, denn wer eine Plattensammlung sein eigen nennt, ist entweder Hipster oder… äh… alt. Eine Rummelschublade und ein Werkzeugkasten gehören aber zu jedem Haushalt, so zu jedem Haushalt, dass sie eigentlich bei Ikea im Angebot sein sollten. Und damit meine ich nicht die Schublade, die man natürlich im Möbelladen bekommt und den Werkzeugkasten, den man vermutlich auch im Möbelladen, aber ganz bestimmt im Baumarkt kaufen kann.

Die Rummelschublade darf sicher mit der Wundertüte verglichen werden, von der ich allerdings nicht weiß, ob es sie noch gibt. Ihr Name versprach keineswegs, was wir zu finden hofften, nämlich etwas Wunderbares, sondern lediglich, dass ihr Inhalt Verwunderung auslöste. Enttäuschung wäre vielleicht eine zutreffendere Bezeichnung. Aber wer hätte von seinem mageren Taschengeld schon eine Enttäuschungstüte gekauft?

Dass hier die Rummelschublade und der Werkzeugkasten in einem Text, schlimmer, in einem Kontext aufgeräumt – nein, natürlich nicht auf-, sondern abgeräumt werden, spricht allerdings Bände. Und für die Jüngeren unter den Leser*innen: Nein, Bände ist kein falscher Plural von Band im Sinne von gemeinschaftlich musizierenden Menschen, sondern bezieht sich auf Bücher, die, so war das früher, manchmal sogar in mehreren Exemplaren in einem Haushalt vorkamen. Mehrbändig waren zum Beispiel Lexika. Daraus ist aber nicht abzuleiten, dass ein einzelnes Buch als Einband bezeichnet wird. Damit wäre in all dem Durcheinander dieses Textes immerhin auch noch ein Bildungsauftrag erfüllt.

Unser orangefarbener Werkzeugkasten, übrigens ein Geschenk meines Vaters, ist so etwas 40 Jahre alt. Er ist von beeindruckender Größe, jedenfalls für Menschen, die außer einem Hammer, einer Zange und ein paar Schraubendrehern eigentlich kein Werkzeug benötigen. Er ist sogar so groß, dass wir, was wir gerade suchen, nicht finden.

Okay, das hängt vielleicht nicht so sehr von der Größe des Kastens, sondern mehr von unserem Ordnungssystem ab. Dieses System besteht darin, dass wir alles, was einmal gebraucht werden könnte oder was uns so fremd ist, dass wir uns nicht trauen, es einfach wegzuwerfen, im Werkzeugkasten aufzubewahren versuchen.

Bei manchen… Sachen?.. wussten wir zum Zeitpunkt der Einlagerung eventuell auch noch, wozu sie dienen sollten, inzwischen sind sie aber zu mysteriösen Artefakten menschlichen Erfindungsreichtums geworden. Kunststoff- und Metallteile in seltsamen Formen und Maßen, mit und ohne Löcher, gern in altersmilden Farben. Zwischen Schraubenziehern mit rundgedrehten Spitzen und krummen Nägeln, keine Ahnung, wer die in den Kasten geworfen hat, Schrauben und Dübel, Muttern und Unterlegscheiben. Gern auch mal ein Reißbrettstift, der sich schmerzhaft unter den Fingernagel bohrt, wenn gerade wieder einmal etwas gesucht wird. Und natürlich Staub und Flusen. Natürlich nicht aus den letzten vierzig Jahren. Manches davon muss älter sein. Heute habe ich  aufgeräumt. Also von rechts nach links und von oben nach unten. Von einigen krummen Nägeln konnten wir uns trennen. Von Staub und Flusen natürlich auch.

Die rätselhaften Teile, hmm, vielleicht in die Rummelschublade?