Zeit für Zeitler

Foto: Elfie Voita

Foto: Elfie Voita

Ich hatte doch nicht etwa schon erwähnt, dass wir in Berlin waren? Dass wir auf Friedhöfen waren? Dass wir auf dem Georgenfriedhof waren? Na Gott sei Dank, ich dachte schon, ich werde vergesslich. Mit der Vergesslichkeit der Menschen hat offenbar auch die Familie Zeitler gerechnet, die ein bemerkenswertes Grabmal hinterlassen hat. Es erinnerte mich ein wenig an die modernen Formel-1-Rennwagen. Natürlich nicht, weil es so schnell ist, ganz im Gegenteil, Gräber sind ja generell entschleunigt. Aber die Rennwagen – die übrigens, ich habe das nachgesehen, Boliden genannt werden, sind meist wie auch die Fahrer übersät mit Werbung. Wo auch immer Platz ist – seltsamerweise bisher nicht auf dem Visier des Fahrers – wird ein Aufnäher, Aufkleber oder was auch immer angebracht. So ähnlich ist das mit diesem Grabmal. Da hatte mal jemand etwas mitzuteilen!

Schon das Motto dieses Grabes, denn es ist eher ein Motto, weniger eine Grabinschrift, ist etwas… ungewöhnlich: Selig sind die Todten, sie ruhen von ihrer Arbeit. Mal abgesehen von der Schreibweise, ich hatte mir immer mehr vom Tod versprochen: Belohnung für die guten Taten, gut, auch etwas Fegefeuer und so,  Jungfrauen, Musik, und sei es auch nur ein ständiges „Halleluja! Luhja! Luhja, sog i! ‚zeefix Halleluja! Luhja!“ 

Richtig detailbesessen wird es dann auf der vom Betrachter aus gesehen linken Seite des Mausoleums. Da rechnet uns jemand vor, dass es nicht einfach und nicht billig ist, hier auf diesem Friedhof von der Arbeit zu ruhen. Immerhin bekommen wir auf diese Weise nicht nur einen guten Eindruck von den wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse des gerade entstehenden deutschen Kaiserreichs, sondern wir wissen auch ziemlich zügig, wie jemand getickt haben muss, der uns Nachgeborenen nicht einen besinnlichen Text, sondern ein Bautagebuch hinterlassen hat.

Also, bevor ich meinen Angehörigen so einen Stress mache, verzichte ich lieber gleich ganz auf das Sterben.

Ruhe

Berlin lässt sich selbstverständlich nicht darauf reduzieren, dass es an manchen Stellen etwas streng riecht. Es ist eine sehr lebendige Stadt – und was mache ich in einer solchen Stadt? Ich gehe auf den Friedhof. Da hab ich meine Ruhe, wenn es auch nicht gleich die ewige sein muss.

Der Friedhof der Georgen-Parochialgemeinde hinterlässt allerdings einen zwiespältigen Eindruck. Überall in der Stadt wird renoviert, restauriert oder gleich neu gebaut, nicht so auf dem Georgenfriedhof. Hier dürfen die Gruften und Grabmale in aller Schönheit und Schrecklichkeit verfallen. Ein bröckelnder Stein, ein angeschlagener Engel, ein schiefes Kreuz, zeugen von der Zeit, die Wunden heilt und Trost spendet. Eine aufgebrochene Gruft, die den Blick freigibt auf unterirdische Räume, in denen einst die Särge standen, Grabsteine, die Spuren des Krieges tragen, machen klar, letztlich gibt es eben keinen Ort der ewigen Ruhe, keine letzte Sicherheit, keine Würde der Toten.

Nur Leben und Tod.

Keine überraschende Erkenntnis, aber manchmal muss ich dafür einen Ort wie den Georgenfriedhof aufsuchen.