Von oben herab

Von Fyodor Borisov – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25080267

„Hallo Tower, erbitten Landeerlaubnis.“

„Besonderheiten an Bord?“

„Besonderheiten? Ach so. Ja. Möglicherweise besteht Ansteckungsgefahr. Wir haben da ein paar Verdachtsfälle.“

„Okay, Landeerlaubnis kann nicht erteilt werden. Versuchen Sie es mal mit Berlin-Brandenburg.“

„Dem Hauptstadtflughafen? Ist der jetzt doch schon in Betrieb?“

„Nein. Deshalb ja.“

„Keine Alternative für uns. Der Sprit reicht nicht mehr für einen Umweg. Wir müssen hier runter.“

„Nur mal als Hinweis. Sie werden jetzt von zwei Jagdflugzeugen eskortiert. Falls Sie sich nicht an die Regeln halten oder eine Gefahr für die Stadt besteht…“

„Sie haben wohl zu viel Ferdinand von Schirach gelesen? Der Abschuss von Passagierflugzeugen ist nur gestattet, wenn sie von Terroristen gekapert wurden.“

„Okay. Sie können dann ja später klagen.“

„Gehen jetzt auf Autopilot. Nehmen die rechte Landebahn.“ Weiterlesen

Vorstellungsrunde

„Da kommen und gehen sie – Männer, Frauen, Deutsche und Ausländer, Gäste, Besucher … und niemand kennt sie. Ich kenne sie. Ein Blick – hübsch, wenn man sich ein bisschen mit Psychologie abgegeben hat. Ich blättere in den Leuten wie in aufgeschlagenen Büchern.
Kurt Tucholsky: In der Hotelhalle

Irgendwer übernachtete immer in einem Flughafen. Manche strandeten dort, weil sich ihr Anschluss verzögerte, andere, weil sie mit Verspätung eingetroffen waren und den Anschlussflug verpasst hatten. Wenn ein Vulkan oder ein Streik ausbrach, sah es hier allerdings noch ganz anders aus. Dann blieb kein Fleckchen frei, auf dem sich jemand ausstrecken konnte. Marco Leutner glaubte alle Typen von Reisenden zu kennen, denn seine Monitore im Kontrollraum zeigten die Bilder aller Überwachungskameras, die im Abflugbereich des Flughafens installiert waren – und die erfassten jeden, der sich dort aufhielt.

„Die da…“ Marco deutete auf den Monitor rechts oben. „Die Rothaarige.“
„Okay!“ Sabrina Hoppe, Produktmanagerin Videoüberwachung, ließ das Handbuch für einen Moment sinken und warf einen Blick auf die Frau.
„Stephan? Bist du dabei?“ Marco sah zu seinem Kollegen hinüber, der die Monitore im Ankunftsbereich beaufsichtigte.
„Klar. Wen haben wir denn da? Rote Haare… der erste Rothaarige der Bibel war Esau, der sein Erstgeburtsrecht für einen Teller Linsengericht – rote Linsen natürlich – an Jakob verkaufte. Rothaarige sind irgendwie anders, unsere Unbekannte… Kerstin… Ist Kerstin überhaupt eine echte Rothaarige?“

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