Hut ab

United Press International, photographer unknown, Public domain, via Wikimedia Commons

Wir waren gerade erst umgezogen. Aus Hagen nach Leer, aus dem Ruhrgebiet nach Ostfriesland, aus der Großstadt in die Kleinstadt. Also bitte, das ging doch überhaupt nicht. Für Rentner vielleicht, aber doch nicht für einen Teenager. Ich hatte nämlich schon die achte Klasse hinter mir und war überhaupt nur noch schulpflichtig, weil die Niedersachsen schon das neunte Schuljahr eingeführt hatten. Außerdem war der Schuljahresbeginn von Ostern auf den Herbst verlegt worden, sodass ich in der kurzen 9a landete, aber in die lange 9b gehört hätte. Oder so ähnlich. Fast nämlich wäre ich nach nur einem halben Jahr Ostern 1967 entlassen worden, statt wie es sich ziemte im Herbst 1967. Also im Sommer eigentlich, aber das versteht jetzt eh keiner mehr. Ich auch nicht. Immerhin wurde ich so in Leer gleich zweimal neu eingeschult, erst in der falschen, dann in der richtigen Klasse. Vielleicht war das auch alles ganz anders und ich habe versehentlich ein halbes Jahr zu viel Schule genossen.

Leer also und ich fühlte mich so groß, so… das Wort cool war noch nicht eingebürgert und mein Fremdwortschatz beschränkte sich auf…, nein, eigentlich besaß ich noch keinen. In Hagen hatte ich die großen Jungs noch bewundert, die mit den Mick-Jagger-Hosen. Habe ich gerade noch gegoogelt. Damals war das ein feststehender Begriff, hautenge, kleinkarierte Hosen mit einem enorm breiten Gürtel. Jetzt findet man sie nicht unter diesem Namen. Vermutlich hießen sie nur auf unserem Schulhof so und deshalb habe ich nie eine bekommen. Nur eine kleinkarierte Hose ohne superbreiten Gürtel und das war so falsch, wie eine Jeans von Quelle, so ein blaues Teil, das man getrost auch hätte bügeln können und das niemals ausblich. Ja. Die bekam ich natürlich auch. Damit waren meine Coolnesswerte locker im Minusbereich.

Aber in Leer, da wollte ich es den Landeiern zeigen und auftrumpfen wie die großen Jungs. Mit der richtigen Jacke und Hose und Mütze und… ja, Mütze! Ringo und John und bestimmt auch die anderen, auf jeden Fall aber die großen Jungs in Hagen trugen Kappen. Schwarze Kappen, man sieht das auf Plattencovern und Fotos aus der Zeit. So eine musste ich auch haben. In Leer gab es natürlich kein Fachgeschäft für Teenager, die ihren Idolen nacheifern wollen, eine Art Kultausstatter oder so. In Groningen, vielleicht sogar schon in Winschoten, kurz hinter der holländischen Grenze, hätte ich bestimmt gefunden, was mein Herz begehrte. In Leer gab es nur einen Hutladen, in dem ältere Damen und alte Männer ihren Kopfbedarf deckten, denn Hüte und Mützen waren damals schon hoffnungslos aus der Mode. Bis auf die Beatlescap, von der man dort allerdings noch nie gehört hatte und bis vor zwei Minuten ahnte ich auch nicht, dass das Teil so heißt.

Ich wusste nicht genau, wonach ich suchte. Der Verkäufer hatte keinen blassen Schimmer, was er mit einem Kunden unter 60 anfangen sollte, mochte sich das Geschäft aber auch nicht entgehen lassen und so verließ ich stolz, aber auch ein wenig zweifelnd, den Laden mit einer schwarzen Kappe, die ich tapfer nachhause trug. Dort teilte mir mein Onkel freudestrahlend mit, dass es sich bei meiner Neuerwerbung um eine Prinz-Heinrich-Mütze  handelte, benannt nach dem jüngeren Bruder Kaiser Wilhelms II. Sowas wurde auch nie von den Beatles oder gar den großen Jungs getragen, dafür aber von Altkanzler Helmut Schmidt. Mega.

Ain’t she sweet

"2006-07-15 15.00 Oldenzaal, kerk" by Michielverbeek - Eigen werk. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2006-07-15_15.00_Oldenzaal,_kerk.JPG#/media/File:2006-07-15_15.00_Oldenzaal,_kerk.JPG

„2006-07-15 15.00 Oldenzaal, kerk“ by Michielverbeek – Eigen werk. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org

ist überhaupt nicht von den Beatles. Bereits 1927 wurde das von Milton Ager (Musik) und Jack Yellen (Text) geschriebene Stück von Lou Gold & His Melody Men – wer erinnerte sich nicht an sie? – veröffentlicht. Friedel Hensch und die Cyprys, klar, die kennt der wahre Musikliebhaber, zumindest ihren ‚Mond von Wanne-Eickel‘, einen Kracher aus dem Jahre 1962. Kurz vorher, 1961, spielten die Beatles, damals noch mit Pete Best am Schlagzeug, Ain’t she sweet irgendwo in Hamburg ein. Ein Stück übrigens, das mir nie besonders gefallen hat.

Womit ich nicht gesagt haben möchte, dass der Mond von Wanne-Eickel mir besser gefallen hätte. Obwohl: Als Jimi Hendrix 1970 auf Fehmarn spielte, da wurde in Leer, dem Ort meiner Jugend, den ich damals schon nicht mehr als den Ort meiner Verbannung wahrnahm, gemunkelt, Friedel Hensch und die Cyprys kämen zu einem Festival in einen Nachbarort. Stimmte aber nicht. Nur Billy Mo kam.

Gestern habe ich mich aber über Ain’t she sweet gefreut. In Oldenzaal. Muss man nicht kennen, ebenso wenig wie Ain’t she sweet. Wir waren da, weil wir… aber das führte hier zu weit. Jedenfalls hörte ich in der Fußgängerzone ein Glockenspiel, das ich natürlich sofort als Carillon identifizierte. Gibt es häufiger, in den Niederlanden allerdings besonders häufig. Manchmal spielt jemand live, oben im Glockenturm. Beiaard heißt dieses Instrument in den Niederlanden und der dazugehörige Musiker ist der beiaardier.

Beim Carillon hat das Wort Anschlag übrigens noch seine wahre Bedeutung, denn der Musiker schlägt mit der Faust zu, bei youtube ist das schön zu sehen. Es ist wohl nicht notwendig, dass ich erwähne, was da gespielt wurde. In Münster ist es immer so was wie ‚Üb immer Treu und Redlichkeit‘. Glaube ich jedenfalls. Und in Holland spielen sie eben von prächtigen alten Kirchtürmen Rock’n Roll. Vom Martinitoren in Groningen habe ich schon Lou Reed’s ‚It’s a perfect day‘ gehört. Ich musste stehen bleiben und mich vergewissern, dass es wirklich Lou Reed war. Jetzt warte ich noch auf ‚Highway to hell‘. Wo sonst wüsste man den Weg besser?

GUT AUSGEGANGEN

1968_Jimi_Hendrix_Experience

Nur die Anschläge der Tastatur oder das Blättern der Seiten: Was für ein beschränktes Medium die Sprache, zumal die geschriebene, doch ist, was alles nicht möglich ist. Jimi Hendrix elektrische Gitarre, die gehört zum Soundtrack… Laut, sehr laut, nur dreißig Sekunden, dann langsam ausgeblendet, leiser, nur noch im Hintergrund… Hey hey Joe… können Sie mich jetzt hören?

Sehen Sie mich? Ein echtes Kunststück… nein, nicht ich, sondern Ihr Versuch, mich zu sehen, damals, Ende der sechziger Jahre,

Weiterlesen