Literarisches Amsterdam (5)

Evert den Hartog: Rennende Haas Foto: Elfie Voita

Evert den Hartog: Rennende Haas
Foto: Elfie Voita

Wenn ich etwas erwarte, bin ich dann selbst dafür verantwortlich, dass ich enttäuscht werde? Bin ich ein Optimist, wenn ich zu viel erwarte? Und ein Pessimist, weil ich nicht glaube, dass meine Erwartungen erfüllt werden? Ein Realist jedenfalls bin ich nicht.

Da ist diese Stadt Amsterdam, die rund 850.000 Einwohner hat. Eine lange Geschichte, zu deren Akteuren viele große niederländische Autoren gehören und in deren Fußnoten auch einige deutsche Schriftsteller auftauchen, neben Schriftstellern aus anderen Ländern selbstverständlich.

Und dann komme ich daher und möchte in einer dreistündigen Führung alles, aber auch alles darüber erfahren. Ohne mit Informationen behelligt zu werden, die ich schon habe oder die im literarischen Zusammenhang unwichtig sind. Um diese Aufgabe komplett unlösbar zu gestalten, Weiterlesen

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Literarisches Amsterdam (4)

Marinus Pütz führt uns durch Amsterdam, am zweiten Tag unseres Aufenthalts in der Stadt. Schon am Freitag sind wir angereist und wieder einmal Stunde um Stunde durch die Stadt geschlendert. (Ulla Meinecke: Schlendern ist Luxus).

Haarlemmerstraat und Haarlemmerdijk. Dabei wusste ich nicht mal, dass diese Straße, ja, es ist nur eine, die Haarlemmerstraat heißt ab einem bestimmten Punkt einfach Haarlemmerdijk, auch noch zum Jordaan gehört. Gegoogelt natürlich.

Und wie immer einmal zu oft hingeschaut, denn mich interessiert ja die Literatur in Amsterdam. Genau zu diesem Thema endet am 30.08.2016 eine Ausstellung im Jordaan, der übrigens von einer verwahrlosten Arme-Leute-Gegend zu einer sehr gefragten und schönen Wohngegend geworden ist.

Nicolaas Matsier hat hier gewohnt, der in Deutschland mit dem Roman ‚Selbstporträt mit Eltern‘ bekannt wurde. Verpasst. Nicht Nicolaas Matsier, sondern die Ausstellung zum Thema Literatur über den Jordaan. Wenn ich mich mit einem Thema beschäftige, springt mich das Material geradezu an und ich will mehr und noch mehr wissen und nichts verpassen.

Amsterdammer sind sehr entspannt, sehr ‚easy going‘ was vermutlich eine unzulässige Verallgemeinerung ist und nur wiedergibt, was mir ständig unter die Nase gerieben wird. Aber ich mag dieses Vorurteil und finde immer wieder Beispiele dafür. Gerade im Haarlemmerdijk. Beliebte Einkaufsstraße? Möglicherweise, aber es ist nicht überfüllt, die Leute sitzen vor den Cafés und Coffeshops, Köche aus aller Welt scheinen sich hier versammelt zu haben.

Kneipen: Marinus zeigt uns die Literatenkneipen der Stadt, die Bühnen, auf denen der literarische Nachwuchs des Landes seine ersten Gehversuche macht, erklärt uns, dass Amsterdam ein unerschöpfliches Thema der modernen niederländischen Literatur ist. Gut, Berlinromane gibt es auch reichlich.

Kneipen? Da war doch was! Joseph Roth, der sich von seinem Hotel in der Warmoesstraat mit einem Boot auf die andere Seite bringen ließ, Damrak 62. Das war die Adresse des Verlags Allert de Lange. Neben dem Querido-Verlag war Allert de Lange der wichtigste Herausgeber für deutsche Exilautoren.

Hermann Kesten und Walter Landauer

Hermann Kesten und Walter Landauer

Fritz H. Landshoff, Amsterdam, Keizersgracht 333, Querido Verlag…
(Berlin, 1991) p. 175

Walter Landauer und Hermann Kesten, beide zuvor beim Gustav Kiepenheuer Verlag in Berlin als Lektoren tätig, leiteten die deutschsprachige Sparte des Verlages. Und auch das gehört zum Thema Literatur in Amsterdam – und zur Geschichte der deutschen Literatur: Einige Jahre nach dem Einmarsch der Deutschen in den Niederlanden wurde Walter Landauer festgenommen und verhungerte 1944 in Bergen-Belsen.

Teil 5

Teil 3

Literarisches Amsterdam (3)

Besucht man eine Stadt häufiger, dann ist bei jedem weiteren Besuch immer mehr von dieser Stadt präsent, reichert sich quasi im Gedächtnis an und schafft ein Bild, dass weit über alles hinausgeht, was man gerade sieht und erlebt. So geht es mir mit der Warmoesstraat, die parallel zum Damrak verläuft, der vom Hauptbahnhof direkt zum Schloss und Nationalmonument auf dem Dam führt.

Die Rückseite der Häuser der Warmoesstraat sind links am anderen Ufer eines Gewässers zu sehen, für das ich gerade keinen Namen zur Hand habe. Aber in Amsterdam muss man sich auch nicht über die Gegenwart von Wasser wundern, sondern eher darüber, wie es möglich ist, dass all diese Gebäude hier stehen. Weiterlesen

Literarisches Amsterdam (2)

Foto: Elfie Voita

Foto: Elfie Voita

Viele Menschen reisen gern, ich reise gern an. Gern auch langsam. Morgens von Warendorf nach Münster, frühmorgens, kurz nach sechs, Hochnebel. Noch ist es kühl draußen. Man sollte öfter mal so früh los, die Natur gibt sich alle Mühe und kaum einer schaut hin.

Rehe auf den Feldern.

In Münster parken, umsteigen in den Flixbus. Pünktliche Abfahrt, unterwegs durch die Hoge Veluwe, ein Heide- und Waldgebiet, neben dem Utrechtse Heuvelrug: Sozusagen ein Höhepunkt der niederländischen Landschaft.

Wieder mal eine Brücke. Weil sich das Lesen nicht abstellen lässt, konsumiere ich den Text auf einem der Brückenpfeiler „Ecoduct…“ Da war doch was… na klar, habe ich in einem Fernsehbeitrag schon mal gesehen. Eine Autobahnbrücke für die Tiere, die ab und an auch mal die Seite wechseln möchten, begrünt, bewaldet.

Pünktliche Ankunft in Amsterdam- Sloterdijk. Sagt mir nichts. Sloterdijk schon. Peter Sloterdijk. Der hatte einen niederländischen Vater, womit das jetzt auch geklärt wäre. Amsterdam-Sloterdijk entspricht weder dem Bild oder dem Vorurteil, das wir von Amsterdam oder niederländischen Städten haben. Stattdessen Hochhäuser und ein Vorortbahnhof, gebaut für Pendler, die hier arbeiten sollten. Weiterlesen

Literarisches Amsterdam (1)

Noch ein paar Tage, dann sind wir wieder einmal in Amsterdam. Ein literarischer Rundgang steht an, organisiert vom Literaturbüro NRW. Was werden wir sehen und hören? Literatur und Amsterdam, da gibt es so einiges. Wikipedia listet 33 Autorinnen und Autoren auf, die in Amsterdam gelebt und gearbeitet haben. Ergänzen, denke ich, lasse es aber. Wo anfangen? Joost van den Vondel fehlt, einer der bedeutendsten Autoren des goldenen Zeitalters der Niederlande.

Aber wie gesagt: Wo anfangen? Kein Vorwurf an den oder die Verfasser des Eintrags, es waren und sind sehr viele, die in Amsterdam geschrieben haben.

Janwillem van de Wetering hat zwar auch in Amsterdam gelebt, seine Kriminalromane entstanden aber in Maine. Ha… man sollte doch nichts recherchieren, das bringt einem nur Arbeit ein. Jetzt habe ich doch gerade nachgeschaut, wo genau van de Wetering gelebt hat, in Surry im Hancock County (Maine) nämlich. Bei der Gelegenheit musste ich jedoch gleich ein Vorurteil revidieren, ich nahm nämlich an, er habe seine Bücher auf Englisch geschrieben, Weiterlesen

Hölle, Hölle, Hölle!

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Nach Magie für Anfänger und Zen-Navigation ist das jetzt also der dritte und hoffentlich letzte Versuch, mich mit Den Bosch zu beschäftigen. Fast ist es zu spät, die Ausstellung – und um die ging es eigentlich – endet nämlich am 8. Mai. Ich bin mir nicht mal sicher, ob wir es noch rechtzeitig schaffen, meine Begeisterung für Hieronymus Bosch teilt nicht jeder.

Jheronimus Bosch wird er in den Niederlanden genannt, oder, das mag ich besonders, einfach Jeroen Bosch. Das hat was, das trauen wir uns nicht mit unsren Großen, Günni Grass oder Wolle Goethe, Tommy Bernhard, Jo Bach… Weiterlesen

Angefressen

Foto: Elfie Voita

Foto: Elfie Voita

Fast alle bekommen gern mal Besuch – und so erwarteten zu Ostern 1534 die Wiedertäufer, eine reformatorische Bewegung, die in Münster einen Gottesstaat geschaffen hatte, die Parusie, die Wiederkunft Christi. Daraus wurde – wie zu diversen anderen angekündigten Terminen – nichts. 1535 kam stattdessen der Fürstbischof mit seinem Heer und richtete ein Blutbad in der Stadt an, so dass die verbliebenen Münsteranerinnen und Münsteraner vermutlich durchaus eine Vorstellung vom jüngsten Gericht bekamen.

Die Wiedertäufer hatten ihre Wurzeln im niederländisch/norddeutschen Raum, zum berüchtigtsten Ausbruch kam es in Münster, aber auch Amsterdam blieb nicht unbeteiligt.

Am 11. Februar 1535 hatte sich dort während einer Täuferversammlung einer der Anwesenden demonstrativ ausgezogen Weiterlesen