Der Tagedieb

Von Albert Letchford – File:Tales from the Arabic, Vol 1.djvu, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=61330156

Wieder einmal ein Beitrag aus der Reihe „Zu Recht vergessene Jugendwerke“. Es geht hier nicht um den CVJM oder die FDJ, sondern um Texte, die ich vor  vielen Jahrzehnten geschrieben habe.

Der Tagedieb

Im Morgenland erzählt man sich bis auf den heutigen Tag Märchen und Legenden, aber auch alte Wahrheiten werden so von Generation zu Generation weitergetragen. Einst wurde mir diese Geschichte erzählt, deren Echtheit mit der Erzähler beim Barte seiner Großmutter beschwor.

Meine Geschichte ist seltsam; würde sie mit Sticheln in die Augenwinkel gestichelt, sie wäre eine Warnung für einen jeden, der sich warnen ließe. Und dies ist sie:

In den Tagen des Hārūn al Raschīd lebte in Bagdad ein Weiser, der lange Jahre treue Dienste für den Kalifen und seine Wesire geleistet hatte und mit vielen Ehrengewändern  dafür belohnt worden war. Nun jedoch war er in Ungnade gefallen, weil er in den Ruch geraten war, mit Geistern Umgang zu pflegen, die nicht zu den rechtgläubigen zählten. Seiner Ämter und seines Ansehens beraubt, sann er auf Rache und fand – mit Hilfe jener frevelhafter Geister, mit denen er sich tatsächlich gemein gemacht hatte – einen Weg, der nur einem verwirrten Geist entspringen konnte.

Er stahl einen Tag aus der Woche –  und zwar den Montag. Anfänglich bemerkte niemand, was geschehen war, doch dann brach der Winter ein – um viele Wochen zu früh, denn das Jahr war um 52 Tage kürzer geworden. Kein Mensch konnte sich erklären, was geschehen war und als auch noch der Dienstag gestohlen wurde, begannen Männer und Frauen, Kinder und Greise zu zittern, denn ihre Lebenszeit verrann viel schneller, als sie erwarten durften. Weiterlesen

Abgefüllt

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Arthur_Szyk_(1894-1951)._Arabian_Nights_Entertainments,_The_Husband_and_the_Parrot_(1948),_New_Canaan,_CT.jpg

Die Lichter der Stadt verloschen, schon blickte der Mond gütig hinab auf Gläubige und Ungläubige und die Sterne funkelten am Firmament. Die Hitze des Tages war einer angenehmen Kühle gewichen und aus den vielen Zimmern des Palastes waren noch Musik und Lachen zu vernehmen, doch langsam kehrte Ruhe ein, legte sich wie eine weiche Decke auf die Stadt.

„Dieser Stress, auf Anhieb kreativ sein zu müssen, ich halte das nicht mehr aus. Nacht für Nacht eine neue Geschichte.“ Scheherazade saß in ihren prächtigen Nachtgewändern schluchzend auf dem geräumigen Bett, während Schahrayâr, der König von Persien, gerade im Bad seinen Bart bürstete. Dinharazade aber, ihre Schwester, die treu an ihrer Seite ausgeharrt und mehr mitbekommen hatte, als eine Schwester, und sei es auch eine Lieblingsschwester, je mitbekommen sollte, kniete vor ihr, umschlang die Zitternde mit ihren Armen, tröstete und beruhigte sie und bat sie schließlich, wie sie es seit x-Nächten getan hatte, um eine Geschichte.

„In der Zeit des Herrschers Harun al Raschid“, so begann Scheherazade, „lebte in Bagdad ein Mann, der besaß das zweite Gesicht. In jenen fernen Tagen verstand man darunter nicht, dass er wie Silvio Berlusconi geliftet worden war, sondern dass ihm der Schöpfer die Macht gegeben hatte, die Zukunft zu schauen.

Der Mann, ein kleiner Kaufmann, der in seinem Viertel mit Datteln, Feigen, Granatäpfeln und Rohöl handelte und den jeder Achmed nannte, bewahrte in einem kunstvoll geschnitzten und reich verzierten Ebenholzschränkchen zwei Flaschen auf. In der einen befand sich Gin, den er von seinen Reisen an die Enden der Welt mitgebracht hatte, die andere aber hatte er einst von seinem alten Vater erhalten, der ihm den heiligen Eid abnahm, die Flasche nur in allergrößter Not zu öffnen.

Nun trug es sich zu, dass Achmed den Abschluss eines großen Liefervertrages mit einem russischen Investor feiern durfte. Es wurde aufgetragen, was Keller und Küche hergaben, schöne Frauen tanzten und sangen und weise Männer führten ernsthafte Gespräche, jedenfalls wenn die schönen Frauen nicht gerade tanzten.

Zu später Stunde, als alle anderen Gäste bereits gegangen waren und sein trinkfester Gast die letzten edlen Flaschen geleert hatte, die noch im Keller zu finden waren, erinnerte sich Achmed an die beiden Flaschen in dem Ebenholzschränkchen und da er selbst schon lange keine Macht mehr über seine Beine besaß, bat er seinen Gast, den Gin zu holen und beschrieb ihm die Flasche sehr genau. Ausdrücklich aber verbot er ihm, die andere Flasche auch nur anzurühren.

Der Ungläubige aber, dessen Neugier durch Achmeds Warnungen nur angestachelt worden war, Weiterlesen