Radio Rock´n´Roll

Radio Rock´n´Roll

Wo sind die Erinnerungen, wenn wir uns nicht gerade mit ihnen beschäftigen? Ja, ich habe schon davon gehört, dass Informationen vom Kortex, von uns Laien im Alltag als Großhirnrinde bezeichnet, zum Hippocampus, dem  Großhirn, geleitet werden und dort offenbar herumliegen, bis sie in umgekehrter Richtung wieder abgerufen werden. Höre ich Großhirnrinde, denke ich an etwas Knuspriges, dunkelbraun vielleicht und Hippocampus klingt für mich nach einem  großen Platz voller Flusspferde, ein recht schönes Bild, an das ich mich bestimmt noch lange erinnern werde, wobei wir wieder beim Ausgangspunkt sind.

Da ich noch nicht nachgeschaut habe – und auch in Zukunft nicht die Absicht habe, niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen, so funktioniert das mit dem Erinnern, ich rufe überhaupt nichts ab und trotzdem feuert der Hippocampus aus vollen Rohren. Was für ein kriegerisches Bild bei einem Kriegsdienstverweigerer. Will ich aber wissen, wie dieser Typ hieß, der mal bei  mir auf der Matte stand, um sich zum Thema Kriegsdienstverweigerung beraten zu lassen, drehen sich die Flusspferde weg und zeigen mir nur ihr mächtig breites Hinterteil.

Da ich noch nicht nachgeschaut habe, soweit waren wir gerade, weiß ich natürlich nicht, wie die Speicherung physisch aussieht, aber ich mache mir da keine Illusionen. Im Normalfall dürfte das so aussehen wie bei der Speicherung von Strom. Den sieht man auch nicht zittern und beben, glimmen und gespannt, vielleicht sogar hochgespannt auf den Einsatz warten. Also werden die Erinnerungen auch nicht in mit Thumpnails oder Icons oder gar mit farbverschiedenen Prägeetiketten markierten Schubladen in grauen Metallregalen herumliegen.

In der BWL spricht man von chaotischer Lagerhaltung und meint damit, dass es keinen vorgegebenen Lagerort für bestimmte Dinge gibt, sondern etwas dort eingelagert wird, wo gerade Platz ist. Finden lässt es sich dann nur, wenn an anderer Stelle genau Buch darüber geführt wird, wo etwas hinterlegt ist. Ich weiß nicht, ob das für das Gedächtnis auch so zutrifft, bei mir scheint es sich eher um eine Art aus dem Ruder gelaufenes Tischtennismatch zu handeln, bei dem es von allen Seiten Bälle hagelt, die manchmal auf einen Schläger treffen, manchmal irgendwo im Dunklen verschwinden und manchmal Begeisterungsstürme auslösen. Also bei mir, ich verzichte meistens darauf, vor Publikum Erinnerungen auszupacken. Das ist ja wie mit gut verpackten Geschenken, man weiß nicht, was drin ist und ob  man sich darüber freuen wird.

Mit anderen Worten: Keine Ahnung, wo das alte Zeugs herumliegt, von dem man sich, selbst wenn man es wollte, nicht trennen kann und das hervorpurzelt, wenn man ganz was anderes sucht. Gestern jedenfalls machte ich mich mal wieder auf den Weg auf den Erinnerungshügel. Ich weiß, das klingt wie ein dürftig begrünter Huckel in der Landschaft, vielleicht auf einem Friedhof, mit Ausblick auf viel Thuja und Buxus. Ist aber eine Lebensphase, an die wir uns gut erinnern können, etwa vom 10. bis zum 30. Lebensjahr. Bei mir hatte das mit Musik zu tun, mit einer Erinnerung daran, wann ich eigentlich zum ersten Mal Popmusik, genauer Beat gehört habe. Vermutlich war das im Radio und deshalb wird sich das auch kaum ermitteln lassen. Erst waren da nur Schlager und volkstümliche Musik. Mein Vater liebte Ernst Mosch und seine Original Egerlänger Musikanten  und die Oberkrainer. Zwischendurch die Musik der neunzehnhundertzwanziger Jahre und beliebte Operettenmelodien.

Das Radio war gefühlt immer an. Ich weiß nicht, ob ich kurz gezuckt habe, als ich die Beatles zum ersten Mal hörte. Es dauerte jedenfalls bis 1965, bis ich meine erste Single kaufte. Vorher – und das wollte ich erzählen – schenkten mir meine Eltern zwei Platten. Die erste hieß „Original Liverpool Sound“ und stammt, wie ich gerade recherchiert habe, aus dem Jahr 1963. Ich war zehn Jahre alt, Glück gehabt, noch gerade den Erinnerungshügel erwischt. Außerdem werde ich die Platte, eine EP, jetzt sorgfältiger aufbewahren. Im Safe, neben den Bitcoins, die mir der freundliche Herr an der Haustür für 78.000 € verkauft hat, zum Schnäppchenpreis und sie passen auch in den Münzschlitz bei den Einkaufswagen beim Aldi. Glitzern nicht mal, das hätte man für so viel Geld schon erwarten können. Also der Original Liverpool Sound ist offensichtlich ein Sammlerstück, Musik, die man kaufen, aber auf keinen Fall hören möchte. Beim Deutschen Schallplattenclub als Lizenzausgabe des Decca-Originals erschienen. Ich kann jetzt nicht mehr weiterschreiben, muss dringend den Wert meiner anderen alten Schätzchen, was für einen neuen, silbernen Klang dieses Wort plötzlich bekommt, überprüfen.

Draußen vor der Tür

Carl Spitzweg, Public domain, via Wikimedia Commons

 

Wessen Garten ist das eigentlich? Also bezahlt haben wir schon dafür, nicht nur den Kaufpreis, sondern auch die Anlage. Damit meine ich keinen Landschaftsarchitekten, sondern einfach nur einen GALA-Bauer, der Erde aufschüttete, Rasen einsäte und die Terrasse pflasterte. Den Rest haben wir gemacht. Also meine Frau. Ich habe an meinen beiden linken Händen leider keinen grünen Daumen. Dann haben wir wieder bezahlt, weil der Maulwurf in Arbeitsteilung mit den Wühlmäusen unseren Rasen in eine Hügellandschaft verwandelt hatte. Rasen raus, Netz auf die Erde, Rollrasen drauf. Alles gut.

Bis auf die Wühlmäuse, die die Ränder des Rollrasens erkundeten und in der Folge rechts und links vom Netz unter den Beeten auftauchten. Ich legte einen Stein auf ihre Haufen und sie einen Zahn zu beim Bau eines neuen Haufens.

Der Specht hackte in die verbliebene haufenfreie, naja, haufenfrei, es gibt da einen Hund in der Nachbarschaft… aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls beschloss ein Specht, unseren Rasen auf das Vorkommen von Insekten zu untersuchen, die leider nicht an der Oberfläche lebten, sondern deren Jagd einiger Tiefbauarbeiten bedurfte.

Unterdessen versteckten die Eichhörnchen, im häuslichen Jargon salopp E-Hörner genannt, eins, zwei oder drei, je nach Jahres- oder Tageszeit, Nüsse in den Blumentöpfen, in denen eigentlich Tulpenzwiebeln auf den Frühling warteten.

Wenn nicht vor dem Frühstück schon eine Portion Nüsse bereitliegt, schaut Weiterlesen

Lodge in Translation

Lodge in Translation

Vor einiger Zeit habe ich glaube ich zumindest erzählt, dass ich meine David-Lodge-Bücher erneut lese. Inzwischen bin ich damit fast durch, was nicht daran liegt, dass es so viele sind oder ich so langsam lese. Ich lese schon langsam, also jetzt nicht mit dem Finger in der Zeile jede Silbe mitsprechend, aber schon Wort für Wort und Satz für Satz und gern auch mal einen Satz zurück und eine Seite zurück, weil da etwas stand, das mich erst später erreichte, aber daran liegt es nicht, wie schon gesagt.

Es drängeln sich immer Bücher vor, die mir geschenkt werden, also meistens auf meinen nachhaltig geäußerten Wunsch hin,  Bücher, die schon so lange warten, dass sie unruhig werden und mit dem Klappentext klappern oder Bücherwurmbefall vortäuschen und Bücher, die mir von geliebten Autoren empfohlen werden. Nicht, dass mir  Arno Schmidt eine persönliche Buchempfehlung übermittelt hätte.

Wäre auch nur schwer vorstellbar, vielleicht mit einem Leuchtschriftband auf seinem Grabstein, seinem Grabfindling, aber woher sollte er meinen literarischen Geschmack kennen, mal davon abgesehen, dass er damit gegen die Totenruhe verstieße. Vertiefen wir das nicht weiter, obwohl vertiefen im Zusammenhang mit Totenruhe auch schon wieder seltsam ist. Gut, Schmidt hätte mir vielleicht verziehen.

Viele kennen das sicher auch, dass in einem Buch, das man sehr mag, ein anderes Buch, ein anderer Autor empfohlen wird und dann muss  man dieser Spur folgen. Gerade ging mir das noch so mit J.M.A. Biesheuvel, dessen „Reis door mijn kamer“ mir in „Des Sinn des Lesens“ von Pieter Steinz nahegelegt wurde. Und weil Steinz Niederländer ist, hat er vergessen, darauf hinzuweisen, dass es Biesheuvels Buch auch in deutscher Übersetzung gibt, die “Reise durch mein Zimmer“.  Nicht zu verwechseln mit Karl-Markus Gauss „Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer“.

Kenne ich nicht. Biesheuvel hingegen kannte ich schon seit vielen Jahren und wusste deshalb, dass er unter eine bipolaren Störung litt. Litt, weil er 2020 gestorben ist. Warum ist eigentlich immer die Rede von verstorben und nicht von gestorben? Gibt es da einen gravierenden physischen Unterschied oder ist gestorben unhöflicher? Egal. Jedenfalls musste ich Bisheuvel lesen und dann auch noch googeln, was es an Videos gibt und die gibt es natürlich und dann muss man die auch gucken und dann stößt man wieder auf… also so geht das.

Was ist aber sagen wollte: Meinen David Lodge lese ich in den deutschen Übersetzungen, also Lodge in translation, während ich niederländische Literatur manchmal im Original, manchmal in der Übersetzung lese. Biesheuvel zum Beispiel kommt aus der gleichen Ecke, räumlich wie konfessionell, wie Maarten ´t Hart, die beiden waren befreundet, haben sogar die gleichen Schulen und Unis besucht, aber – oh Wunder – ihr Wortschatz ist so unterschiedlich, dass ich bei Biesheuvel öfter mal etwas einfach überlese, um nicht immer nachschlagen zu müssen, während ich ´t Hart recht zügig lesen kann.

Bei ´t Hart habe ich, wenn ich denn mal eine deutsche Übersetzung lese, immer das Gefühl, die falsche Synchronisationsstimme zu hören. So klingt der Mann doch nicht, das stimmt doch nicht. Bei Biesheuvel ist das anders, der hat für mich keinen eigenen Klang, obwohl er in den Niederlanden als einmaliges Talent und Meister der Kurzgeschichte gefeiert wurde. Was also geht durch Übersetzungen verloren, was wird möglicherweise sogar gewonnen? Wir erinnern uns daran, dass es mal hieß, ein Buch müsse man in der Übersetzung von Harry Rowohlt lesen, weil es im Original doch sehr verliere. David Lodge könnte ich mir im Original nur zusammenstoppeln, nur den Plot verstehen, nicht den Humor genießen und trotzdem höre ich nicht seine Stimme, wenn ich ihn lese.

Pausenclown

Rasten, denke ich und sage ich auch gleich. Wir sind mit den Fahrrädern unterwegs, es ist noch haarscharf Februar, gerade noch so kalt, dass Handschuhe und Mützen gebraucht werden und so schön, so sonnig, dass wir trotzdem raus wollen. Aber nach einer angemessen langen, also eher kurzen Zeit steht mir der Sinn nach einer Rast, denn auch wenn es schön und kalt ist und Bewegung eine Art Pflicht ist… wieso gibt es eigentlich Grundrechte, aber keine Grundpflichten? Also… oh, gibt es ja, nennen sich zehn Gebote, sind aber nicht von den Eltern des Grundgesetzes zusammengestoppelt worden, sondern entbehren – würde man von Entbären sprechen, wenn man den Eisbären die Scholle unterm Hintern wegtaut? – jeglicher demokratischer Legitimation. Offenbar neige ich heute, wie ich gerade feststelle, zu einer schwer zu zügelnden Albernheit, egal. Sollten wir uns also auch mal Grundpflichten geben oder eher geben lassen? Artikel 1. Ohne Bewegung geht es nicht voran. Also rührt euch.

Artikel 2. Abgeben ist keineswegs nur eine Aufforderung an Fußballer und Teilen gibt es nicht nur als Grundrechenart. Wir haben auch für andere Menschen etwas übrig.

Artikel 4. Seht auch mal über etwas hinweg, also zum Beispiel über den fehlenden Artikel 3. Und nicht nur über eigene Fehler.

So in der Art?

Zurück zum Thema. Mir ist nach einer Rast, sogar den Füßen, die statt der Pedale auch Fußrasten zu schätzen wüssten. Bewegung ist gut, nehme ich an, sollte aber nicht in Rastlosigkeit ausufern, Rastlosigkeit ist nicht gut, obwohl ja rostet, wer rastet folglich sollte, wer rastlos ist, also auch rostfrei sein.

Jetzt muss ich aufpassen, dass ich mir meinen Wunsch nach einer Rast nicht selbst madig mache. Rasten also denke ich und sage ich und gleich denke ich weiter. Rasten meint ja so viel wie Pause machen, nur irgendwie hochwertiger. Eine Zigarettenrast wäre doch undenkbar, während ich mir die Zigarettenpause abgewöhnt habe, also eigentlich nicht die Pause, sondern die Zigaretten. Rasten hat was von einer Decke mit Picknickkorb im saftigem Gras, wärmender Sonne, aber auch Schatten, ein Bächlein plätschert im Hintergrund, Vögel singen, Bienen summen und niemand schmeißt seinen Müll einfach so in die Natur oder geht zum Pinkeln über diesen kleinen Trampelpfad bis hinter den nächsten Busch. Das wäre nämlich nur eine Pause. Rasten will ich, Ruhen, Ausruhen, nicht gleich die ewige Ruhe, aber dann verrutschen mir die beiden Ausrücke und aus Ausruhen und Rasten werden Ruhen und Ausrasten und die ganze Stille ist dahin.

Die Abrechnung

Von FOTO:Fortepan — ID 1731:Adományozó/Donor: UVATERV.Archivkopie – http://www.fortepan.hu/_photo/download/fortepan_5273.jpg Archivkopie, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=49127581

„Entschuldigen Sie bitte, aber was machen Sie da?“ fragte die Verkäuferin und schon fühlte ich mich ertappt. Nicht dass ich etwas angestellt, gegen Anstand oder Abstand verstoßen oder mich gar des Ladendiebstahls schuldig gemacht hätte. Vermutlich ist dieses Gefühl der Beweis für die Existenz der Erbsünde.

Es war auch gleich leiser geworden, sicher, weil alle nach einer hastigen Gewissensprüfung festgestellt hatten, dass sie nicht gemeint waren und augenblicklich vom Opfer zum Gaffer mutierten. Alle bis auf die Kundin, die Sachen aus ihrem Einkaufswagen auf das Kassenlaufband packte. Leider an der geschlossenen Kasse 2.

Besagte Kundin, nennen wir sie Frau Koch, blickte kurz auf und sofort war mir klar, dass wir uns nicht am Ende einer Geschichte, sondern gerade erst an ihrem Anfang befanden. Es gibt Menschen – und Frau Koch gehörte dazu – die nicht einfach nur anwesend  sind, sondern, wie sag ich das: gegenwärtiger als andere. Menschen, denen man ansieht, dass sie ständig bereit sind, sich die Welt untertan zu machen. Menschen, die sich von der lethargischen Masse abheben, so, als gehörten sie zu einer anderen Gattung, zu den Erweckten, den Auserwählten oder vielleicht einfach auch nur zu den Dreisten.

Frau Koch zögerte kurz, dann wuchtete sie einfach weiter Artikel um  Artikel auf das Band. Frau Orlow, der Name stand auf dem Plastikschildchen am Kittel der Verkäuferin, probierte einen neuen Gesichtsausdruck aus: empörte Überraschung mit einem Hauch Belustigung. Es gibt bestimmt ein entsprechendes Emoji. Doch noch bevor sie eine deutlichere Botschaft formulieren konnte, sprach sie ein älterer, etwas hilflos wirkender Mann an. „Die weißen Bohnen in Tomatensoße…?“

„Zweite Regalreihe von rechts. Unteres Fach. Neben den Linsen mit Suppengrün“, kam Weiterlesen

Bettgeschichten

Von Autor unbekannt – Selbst fotografiert, Caroline Léna Becker, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=29281170

Ich schätze diese Schlafphasen, die eigentlich keine richtigen sind…

Später: Wie das so ist, wenn ich einfach so etwas erzählen will, kommt mir meine Ahnungslosigkeit in die Quere und fordert sofortige Maßnahmen, um vor anderen nicht als der Depp dazustehen, der ich nun mal bin. Früher, als mir das Internet noch nicht zur Verfügung stand, griff ich in solchen Fällen zu meinem zwanzigbändigen Lexikon, dem Stolz meiner frühen Jahre, und blätterte, blieb irgendwo hängen, las einen Artikel über ein Land, von dem ich noch nie gehört, oder eine Krankheit, von der ich wünschte, nie gehört zu haben, vergaß, was ich wollte und ging zufrieden meinen Alltagsgeschäften nach.

Jetzt muss ich mit dem Wissen, dass sich ein paar Anschläge entfernt jenseits meines Monitors türmt, leben, kann es nicht ignorieren, bin aber selten willens, mich angemessen damit auseinanderzusetzen. Es bleibt also bei einer schnellen oberflächlichen Erkundung, die, vergliche man sie mit einem Universitätsstudium, etwa dem Öffnen der Tür zur Hörsaal entspräche. Das nur, um meine gerade erworbenen Kenntnisse richtig einzuordnen.

Später: Ich habe es ausprobiert, hat aber nicht geklappt. Vielleicht, weil ich den Text nicht richtig gelesen habe. Weder von Anfang an noch bis zum Schluss. Zwischendrin war auch ein Link, dem ich folgen musste, sodass ich eigentlich nicht mal richtig weiß, worum es ging.

Schlafphasen also. Wie die meisten Menschen erinnere ich mich nur selten an meine Träume und wenn, dann sind es Träume, die es gerade noch ins Bett geschafft haben, bevor ich aufstehen wollte, die also fast schon mit einem Bein auf dem Boden des Schlafzimmers, zumindest aber auf dem Boden der Tatsachen geträumt wurden. Träume, die wie eine Seifenblase im Raum stehen, zerplatzen und spurlos verschwinden. Meistens. Wenn sie nicht an irgendeinem Häkchen des Bewusstseins hängen bleiben, wie der Fetzen einer Hose am Stacheldraht. Hypnopomp hat Frederic W. H. Myers diese Träume genannt, die vielleicht sogar noch das Klingeln des Weckers integrieren und den Duft des Kaffees.

Von so einem Traum wollte ich erzählen, als mir wie schon gesagt das Internet in die Quere kam. Wenn ich so weiter mache, vergesse ich noch ganz, was das für ein Traum war, aber ich kann ja nicht vom Aufwachen schreiben und das Einschlafen vernachlässigen, denn auch da gibt es einen spannenden Bewusstseinszustand, die Hypnagogie.

Man kennt das, noch sind das Denken klar und die Füße kalt. Oft beschäftigt mich dann ein Problem aus einem Text, an dem ich gerade schreibe oder den ich schreiben will und manchmal ist dann plötzlich eine Idee da, wie hochgespült und ich denke noch, ja, so geht das und das werde ich gleich morgen früh aufschreiben. Meistens erinnere ich mich am anderen Morgen noch daran, dass ich etwas aufschreiben wollte, aber an mehr auch nicht. Doch weiter. In diese Phase, in der das bewusste Denken schon abbremst und gleich die Gedankenautobahn verlassen wird, tauchen unsortierte Eindrücke auf. Halluzinationen, die in einem Moment noch als seltsame Wahrnehmung erlebt werden, im nächsten schon ohne Zuschauer stattfinden.

Einmal also ist die Kontrolle noch da, zuckt das Bein oder der Arm und man fragt sich, was man sich da gerade für einen Scheiß zusammendenkt, während man doch über einen Dialog oder den Vornamen eines früheren Kollegen nachdachte, im nächsten Moment rutscht man in eine tiefere Schlafphase und vergisst sich und die  Welt. Es sei denn, man beherrscht die Techniken des Klarträumens, die es ermöglichen sollen, den Körper einschlafen zu lassen und bei vollem Bewusstsein zu träumen, den eigenen Träumen also zuzuschauen wie einem Film, den man sich nicht ausgesucht hat. Gestern Abend habe ich das selbstverständlich gleich mal ausprobiert, den ganzen Film aber leider verschlafen.

So, endlich ist es soweit: Mein hypnopomper Traum also, vorgestern, bevor das Frühstück rief.

Ich, erzähltechnisch bevorzuge ich in Träumen immer diese Perspektive, beschäftigte mich mit Schuppen, diesem weißen Zeugs, dass dunkle Anzüge erst richtig dunkel aussehen lässt und die sich als Gesprächsthema auf der Geburtstagsfeier des Chefs überhaupt nicht eignen, selbst dann, wenn – aber ich will das nicht vertiefen. In meinem Traum gab es nämlich einen Fachterminus für diese abgestorbenen Kopfhautteilchen und während ich darüber schreibe, beginnt mein Kopf auch schon zu jucken.

Manen hießen sie und als ich dann aufwachte, war ich fest davon überzeugt, dass das ein eingeführter Begriff sei. Während andere also nächtens Sex und Geld im Kopf haben, habe ich den Kopf voller Schuppen und erwache mit fake news, mit einem zusammengeträumten Fachwort, das ich bestimmt demnächst beim Frisör, von dem ich sicher auch bald mal träumen werde, ganz unbeabsichtigt fallen lasse.

Manen sind, das habe ich natürlich auch geprüft, römische Toten- oder Umweltgeister, die sich beschwichtigen lassen, indem man ihnen eine Ziege opfert. Ob das allerdings auch gegen Schuppen hilft, wage ich zu bezweifeln.

Hut ab

United Press International, photographer unknown, Public domain, via Wikimedia Commons

Wir waren gerade erst umgezogen. Aus Hagen nach Leer, aus dem Ruhrgebiet nach Ostfriesland, aus der Großstadt in die Kleinstadt. Also bitte, das ging doch überhaupt nicht. Für Rentner vielleicht, aber doch nicht für einen Teenager. Ich hatte nämlich schon die achte Klasse hinter mir und war überhaupt nur noch schulpflichtig, weil die Niedersachsen schon das neunte Schuljahr eingeführt hatten. Außerdem war der Schuljahresbeginn von Ostern auf den Herbst verlegt worden, sodass ich in der kurzen 9a landete, aber in die lange 9b gehört hätte. Oder so ähnlich. Fast nämlich wäre ich nach nur einem halben Jahr Ostern 1967 entlassen worden, statt wie es sich ziemte im Herbst 1967. Also im Sommer eigentlich, aber das versteht jetzt eh keiner mehr. Ich auch nicht. Immerhin wurde ich so in Leer gleich zweimal neu eingeschult, erst in der falschen, dann in der richtigen Klasse. Vielleicht war das auch alles ganz anders und ich habe versehentlich ein halbes Jahr zu viel Schule genossen.

Leer also und ich fühlte mich so groß, so… das Wort cool war noch nicht eingebürgert und mein Fremdwortschatz beschränkte sich auf…, nein, eigentlich besaß ich noch keinen. In Hagen hatte ich die großen Jungs noch bewundert, die mit den Mick-Jagger-Hosen. Habe ich gerade noch gegoogelt. Damals war das ein feststehender Begriff, hautenge, kleinkarierte Hosen mit einem enorm breiten Gürtel. Jetzt findet man sie nicht unter diesem Namen. Vermutlich hießen sie nur auf unserem Schulhof so und deshalb habe ich nie eine bekommen. Nur eine kleinkarierte Hose ohne superbreiten Gürtel und das war so falsch, wie eine Jeans von Quelle, so ein blaues Teil, das man getrost auch hätte bügeln können und das niemals ausblich. Ja. Die bekam ich natürlich auch. Damit waren meine Coolnesswerte locker im Minusbereich.

Aber in Leer, da wollte ich es den Landeiern zeigen und auftrumpfen wie die großen Jungs. Mit der richtigen Jacke und Hose und Mütze und… ja, Mütze! Ringo und John und bestimmt auch die anderen, auf jeden Fall aber die großen Jungs in Hagen trugen Kappen. Schwarze Kappen, man sieht das auf Plattencovern und Fotos aus der Zeit. So eine musste ich auch haben. In Leer gab es natürlich kein Fachgeschäft für Teenager, die ihren Idolen nacheifern wollen, eine Art Kultausstatter oder so. In Groningen, vielleicht sogar schon in Winschoten, kurz hinter der holländischen Grenze, hätte ich bestimmt gefunden, was mein Herz begehrte. In Leer gab es nur einen Hutladen, in dem ältere Damen und alte Männer ihren Kopfbedarf deckten, denn Hüte und Mützen waren damals schon hoffnungslos aus der Mode. Bis auf die Beatlescap, von der man dort allerdings noch nie gehört hatte und bis vor zwei Minuten ahnte ich auch nicht, dass das Teil so heißt.

Ich wusste nicht genau, wonach ich suchte. Der Verkäufer hatte keinen blassen Schimmer, was er mit einem Kunden unter 60 anfangen sollte, mochte sich das Geschäft aber auch nicht entgehen lassen und so verließ ich stolz, aber auch ein wenig zweifelnd, den Laden mit einer schwarzen Kappe, die ich tapfer nachhause trug. Dort teilte mir mein Onkel freudestrahlend mit, dass es sich bei meiner Neuerwerbung um eine Prinz-Heinrich-Mütze  handelte, benannt nach dem jüngeren Bruder Kaiser Wilhelms II. Sowas wurde auch nie von den Beatles oder gar den großen Jungs getragen, dafür aber von Altkanzler Helmut Schmidt. Mega.

Augen auf und durch

Adolfo Hohenstein (1854–1928), Public domain, via Wikimedia Commons

Sag ich’s oder sag ich’s nicht? Aber vermutlich sind die Würfel ja längst gefallen, alle Entscheidungen ohne das Zutun meines Bewusstseins getroffen und ich – also der, der nach außen verantwortlich ist für all das, was hier verzapft wird – stehe oder besser sitze nun da und muss damit fertig werden.  John-Dylan Haynes, Hirnforscher an der Charité, ja, es gibt dort nicht nur Virologen und Leute, die Nawalny behandeln, hat sich – und das wollte ich nun wirklich nicht hier ausbreiten, oder vielleicht ja doch, vielleicht ist es das, was Haynes meinte bzw. erforscht hat – also ich fange besser einen neuen Satz an.

Haynes hat sich mit der Frage des freien Willens beschäftigt, die mir im ersten Satz dieses Textes in die Quere kam. Dabei geht es nicht um so etwas wie Gedankenfreiheit, die man von einem rabiaten Despoten oder einem weisen Herrscher einfordern könnte, sondern darum, ob der Mensch tut, was er will oder ob dieser sein Wille schon vorbestimmt ist. Nicht im großen Buch des Schicksals, in dem alles, was mir widerfahren wird, schon geschrieben steht und das ich gern mal lesen möchte, oder nein, doch nicht, sondern ob das Gehirn Entscheidungen trifft, die dem Bewusstsein dann als seine eigenen Ideen verkauft werden, so wie man das mit einem Vorgesetzten auch macht, wenn man erfolgreich sein will.

Es gab dazu schon Tests, bei denen die Teilnehmer zu einem beliebigen, von ihnen frei zu wählenden Zeitpunkt den Arm heben sollten. Schaut man sich die Abläufe in ihrem Gehirn an, kann gezeigt werden, dass dort schon vor der Bewegung die Entscheidung fällt. Da gibt jemand den Startschuss Weiterlesen

Es geht voran

Wir liegen mal wieder voll im Trend oder eigentlich nicht, also nicht wieder, aber schon voll im Trend. Das passiert uns eigentlich nicht so oft, andererseits ist man ja kaum mal allein mit seiner vermeintlichen Besonderheit, seinem speziellen Geschmack oder seinen komischen Ideen. Ich merke das immer, wenn mir mal eine Formulierung eingefallen ist, von der ich denke, ja, da ist dir aber mal eine Formulierung eingefallen, aber dann frage ich Väterchen Google und es ist eigentlich immer so, dass genau diese meine superoriginelle Idee schon mal jemand hatte, vor fünf Jahren oder so und nein, nicht nur einer. Meistens gibt es schon ein Buch, das so heißt, eine Kindertagesstätte und irgendwas mit Kultur. Trends haben, so dachte ich, mit dem Alter zu tun und wer älter wird, ist vor Moden und Trends geschützt, aber nein, man tut, was man meint, tun zu müssen und schon tut man, was alle gerade tun müssen. Wandern und Radfahren waren wohl die Aktivitäten des Jahres und ja, wir waren dabei.

Als habe eine allgemeine Mobilmachung stattgefunden, versammelte sich praktisch das ganze Land an den Wochenenden auf den Wanderparkplätzen. Wanderparkplätze sind mitnichten Parkplätze, die gemeinsam mit den Wanderbaustellen auf den Autobahnen voranschreiten, sondern stellen praktisch das Ende der Automobilität dar, sind der Punkt, an dem das Auto geparkt und die Insassen freigelassen werden.

Wandern unterscheidet sich vom Gehen oder dem Spazieren dadurch, dass man sich entsprechend auszustatten hat. Also Schuhwerk und Naschwerk. Aber auch Pflaster, Getränke, Äpfel, Bananen, belegte Brötchen, Papiertaschentücher, ich erkläre an dieser Stelle nicht, warum es keine Stofftaschentücher sein sollten, Fernglas, Kamera und Handy. Ein Ausdruck der Route, der, wenn sie gut markiert ist, nicht gebraucht wird und wenn sie schlecht markiert ist, zu nichts zu gebrauchen ist. Ein Rucksack oder Weiterlesen

Weihnachtswünsche (2)

Robert Seymour (1798 – 1836), Public domain, via Wikimedia Commons

Zweiter Teil und Schluß

Es klingelte bei Ella Sebener und als sie nachschaute, stand ein gut gefüllter Sack vor ihrer Tür, den sie sogleich in den kleinen Flur ihrer Wohnung zog. Irgendwo in ihrer Wohnung rumpelte es und sie hielt irritiert inne, bevor sie den Sack absetzte, da klingelte auch schon das Telefon und die nette junge Dame von der Prävention, ach, die war ja überhaupt nicht nett und auch keine Polizistin und Ella hätte ihr fast die Meinung gesagt, kündigte an, dass gleich der Kollege vorbeikäme, um ihre Wertsachen in Sicherheit zu bringen, sie möge doch bitte den Sack jetzt vor die Tür stellen. Ach ja, der Kollege sei, um die Ermittlungen nicht zu stören, als Weihnachtsmann verkleidet. Eine gute Idee, wie Ella fand, doch während sie noch den Hörer auflegte und den Sack wieder in Richtung ihrer Wohnungstür zerrte, klingelte erneut ihr Telefon. Lichte. Ihr Nachbar aus dem zweiten Stock. Ach ja. Sie erinnerte sich. An ihn.

Dritter Stock, hatte die Chefin gesagt. Bei Sebeners steht der Sack mit den Wertsachen vor der Tür. Dass die Leute immer noch auf diese Masche reinfielen, dachte Bullen-Timo, wie ihn die Kollegen nannten, weil er sonst immer in Uniform auflaufen und die Schore einsammeln musste. Unglaublich, obwohl doch in jeder Zeitung gewarnt wurde. In der Weihnachtszeit war das Risiko ertappt zu werden gleich noch mal niedriger. Mit dem Weihnachtsmannkostüm war er kaum zu identifizieren und die Maske sorgte für den Rest. Ah, da stand ja schon der Sack. Und jetzt ab.

Die Absprache, Herr Lichte? Nein, hatten sie etwas vereinbart? Nicht schlimm, der Sack mit den Geschenken für Theo? Ja, klar. Ella erinnerte sich. Es rumpelte wieder, was das wohl war. Ja, sie würde den Sack gleich reinholen und dann wieder herausgeben an den Weihnachtsmann. Ihr war etwas schwindelig, als sie auflegte. Jetzt nur nichts verwechseln, dachte sie. Der Sack, den sie gerade reingeholt hatte, musste wieder vor die Tür, den von Lichtes musste sie dafür hereinholen. Sie zerrte den Sack weiter zur Tür, öffnet sie – und da war nichts. Kein Sack. Sie schloss die Tür, öffnete sie erneut und da war immer noch kein Sack. Sie griff zum Telefon.

„Lichte“, meldete sich eine Frau. Ella musste sich erst sortieren, dann erklärte sie, dass da kein Sack war, obwohl doch Herr Lichte sie deshalb angerufen habe. Sie hörte, wie sich ein Stockwerk tiefer eine Tür öffnete, bestimmt Herr Lichte, der jetzt den Sack hochbringen wollte.

„Frohes Fest.“ Der Weihnachtsmann kam aus dem dritten Stock und der Sack, den er mit sich trug, war eindeutig der, den Theos Vater gerade nach oben getragen hatte.

„Daniel?“

„Nee, das muss ein Irrtum sein“, ertönte eine Stimme, die Weiterlesen

Weihnachtswünsche (1)

 

Teil 1

Theo schaute gebannt auf den Parkplatz vor dem Haus. Bisher war nichts zu sehen. Etwas Geduld, hatte seine Mutter gesagt, würde er schon brauchen, wenn er den Weihnachtsmann  erwischen wollte.

„Kommt der Weihnachtsmann denn in diesem Jahr überhaupt?“, hatte Theo seine Mutter noch vor einigen Tagen gefragt. Er hatte sich richtig Mühe mit seinem Wunschzettel gemacht und Bilder vom Playmobil-SEK-Truck, von Walkie-Talkies und einer Playstation aufgeklebt. Aber es war ja Corona, das war schlimm, so schlimm, dass Oma und Opa  am Heiligen Abend nicht dabei sein durften, wenn die Familie Lichte Spagetti mit Tomatensoße und Fischstäbchen und Eis essen würde, so wie Theo es sich gewünscht hatte. Ohne Oma und Opa war schon doof, aber Weihnachten ohne Weihnachtsmann, das ging überhaupt nicht. „Doch, der Weihnachtsmann wird schon kommen, aber wir dürfen ihn ja nicht reinlassen“,  neckte ihn seine Mutter. „Mit Maske?“ Theo überlegte „Er kann ja auch die Geschenke einfach in den Flur legen.“ Das war ihm eigentlich sogar lieber, denn ganz geheuer war der Weihnachtsmann ihm nicht. „Ja, gute Idee. Ich glaube, so machen wir das!“ stimmte seine Mutter zu.

Lichtes, also Papa und Mama plus Theo, wohnten im zweiten Stock eines vierstöckigen Hauses. Auf jeder Etage befanden sich drei Wohnungen und Theo kannte schon fast alle, die ihm im Treppenhaus begegneten. Zum Beispiel die Büschers aus dem Erdgeschoss, die mit dem Dackel und die Tomaschewskys von gegenüber, die auch Kinder hatten, aber nur Mädchen. Und Frau Sebener aus dem dritten Stock, die war schon ganz schön alt, jedenfalls trug sie immer schwarze Anziehsachen und Mama hatte gesagt, dass sie eine Witwe war.

Theo las keine Zeitungen, denn erst im nächsten Sommer würde er in die Schule kommen, falls seine Arme dann lang genug wären, aber alle anderen im Hause und in der Stadt kannten die schlimme Geschichte, die Frau Sebener in diesem Jahr erlebt hatte. Erich, ihr Mann, war mit seinem kleinen Elektroladen schon vor Corona in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, Corona hatte ihm den Rest gegeben und er hatte Insolvenz anmelden müssen. Die Sebeners hatten aus ihrem schönen Haus in eine kleine Wohnung umziehen müssen, die Erich für sie gefunden und renoviert hatte. Zwei Zimmer, Küche, Bad, also eigentlich drei Zimmer, aber das dritte Zimmer, das mit der Feuerleiter, war Erichs Zimmer, seine Werkstatt, wie er ihr erklärt hatte, in der er an einer großen Erfindung arbeitete, die alles verändern würde und dann würde es ihnen wieder gut gehen, sie würde schon sehen, aber bis dahin dürfe sie nie, aber auch nie dieses Zimmer betreten, das müsse sie ihm versprechen, ach was, schwören, bei ihrem und bei seinem Leben. Es sei einfach zu gefährlich.

Dann hatte Erich ein Boot gemietet und war auf die Nordsee hinausgefahren, das war Weiterlesen

Warum, darum

Jan Van Vianen, Public domain, via Wikimedia Commons

„Das war bis hierhin schon mal ganz interessant. Kommen wir zu Ihrem Lebenslauf.“

„Ja gern. Geboren am 31.12.1952, Ausbildung zum Industriekaufmann, dann BWL-Studium…“

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie unterbreche. Aber – die reinen Fakten liegen uns vor, die stehen schon in Ihren Bewerbungsunterlagen. Das ist ja nicht mehr als ein Gerüst. Es wäre schön, wenn Sie Ihre Motivation einbringen könnten. Lassen Sie uns verstehen, wie Sie zu Ihren Entscheidungen gekommen sind. Ihr Leben besteht schließlich nicht aus einer Anhäufung von Zufällen, die dazu geführt haben, dass Sie heute hier sitzen und nachher, wenn alles gut geht, als neues Mitglied unseres Teams Ihren Arbeitsvertrag unterschreiben. Also, wie  man so schön sagt: Butter bei die Fische. Es reicht, wenn Sie bei Ihrem schulischen Werdegang einsetzen.“

„Danke. Dann, ja, dann fange ich mal an mit dem Jahr 1958. Mit meiner Einschulung. Ich habe mich sehr bewusst für die einzügige Volksschule entschieden.“

„Ich unterbreche Sie nur ungern, aber es gab damals überhaupt keine Alternative zur Volksschule, oder?“

„Das ändert doch nichts daran, dass ich diese Schule sehr bewusst annehmen konnte? Nur so konnte ich die Volksschule zu meiner Schule machen, zu der, die ich wollte.“

„Und deshalb sind Sie dann auch dort geblieben, statt zum Gymnasium oder zumindest zur Mittelschule zu wechseln.“

„Genau. Ich bin sogar länger geblieben.“

„Man könnte auch sagen, Weiterlesen

Ein Gutschein für Tante Emma

Thomas photography, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Common

Armin Laschet hat uns alle dazu aufgerufen, Gutscheine örtlicher Unternehmen zu verschenken, statt bei großen Konzernen zu kaufen, die in Europa keine Steuern zahlen. Dazu sind ein paar Anmerkungen notwendig. Die erste, ganz spontane: Hallo, sind wir das, wir Konsumenten, die dafür verantwortlich sind, dass Amazon, denn auf Amazon zielt Herr Laschet ja, keine oder kaum Steuern zahlt? Ich hatte bis gerade noch gedacht, dass das eine Aufgabe der Politik sei. Schauen wir doch mal, ah ja, da war doch was: Frankreich erhebt eine Digitalsteuer. Komisch, wieso nur Frankreich?

Weil Deutschland, also Frau Merkel, zwar Herrn Macron versprochen hat, die Besteuerung der Internetgiganten anzugehen, also auf der europäischen Ebene eine gemeinsame Lösung zu finden, dann aber wurde Herr Scholz losgeschickt, um auf genau dieser europäischen Ebene diese Lösung zu verhindern. Der übliche Weg.  

Deutschland hat nämlich kein so großes Interesses an dieser Steuer, weil die Amerikaner möglicherweise verärgert waren und dann mit Steuern auf unsere Exporte reagieren könnten. Exporte. Wenn es etwas gibt, das uns heilig ist, dann unser Export. Damit verdienen wir Geld. Also nicht wir, schon die deutsche Wirtschaft und zwar richtig. Da kann der Einzelhandel nicht mithalten. Zumal der ja eher den Import ankurbelt, Zeugs, das in China hergestellt wird, wie Handys, Kameras, Spielekonsolen. Oh, betreibt der Kandidat um den Vorsitz der Union etwa Exportförderung für China?

Also noch mal: Man kann, wenn man will, eine europäische Lösung finden. Will man aber nicht. Dann macht das Frankreich eben allein. Als nächstes beklagt man, dass Amazon keine Steuern zahlt und ruft zum Boykott auf.

Ob ein Boykottaufruf rechtlich zulässig ist, wäre zu prüfen, mir aber in diesem Falle egal. Ich denke, dass Amazon das schon selbst prüfen wird. Der Aufruf, nicht im Netz zu kaufen, träfe allerdings auch viele einheimische Unternehmen, die ihre Produkte eben nicht mehr nur stationär, sondern über Onlineshops oder direkte über Amazon vertreiben. Ob Herr Laschet das mitbedacht hat? Und wo überhaupt bekomme ich meine Gutscheine, wenn die Läden ab morgen dicht sind? Online vielleicht? Oder alle noch heute? Ach nein, die basteln wir selbst, schön am PC mit Cliparts und lustigen Schriftarten, kostet auch nichts und bis die Läden wieder öffnen dürfen, sind die Dinger auch längst vergessen. So machen wir anderen eine Freude, schonen unser Budget und wischen bei der Gelegenheit gleich auch China noch einen aus.