Zwei

Ernst Ludwig Kirchner [Public domain], via Wikimedia Commons

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 „Sie oder du?“ Carla sah den Mann erwartungsvoll an, der sich gerade zu ihr an den Tisch setzte.

„Ja!“ nickte der Mann, den sie anhand des Kärtchens auf seinem großkarierten Pulli als Stefan identifizieren konnte. Das würden acht lange Minuten werden, fürchtete sie.

Stefan strahlte sie an. Ob er sich überhaupt keine Gedanken darüber gemacht hatte, was man in so einer Situation sagte?

„Hallo Stefan, du machst sowas wohl auch das erste Mal.“ Sie schaute sich so unauffällig wie möglich nach den anderen Tischen um. Wer saß denn da noch so? Gab es Hoffnung?

Stefan trank einen Schluck Wein, vermutlich um Zeit zu gewinnen. So eine Antwort musste ja auch gut überlegt sein.

„Ja.“

Gut, Zweiwortsätze waren möglicherweise eine zu große Herausforderung.

„Das heißt, ja und nein. Ich wollte mich schon mal bei einem Eheanbahnungsinstitut anmelden. Das hatte mir ein Kollege empfohlen. In Münster. Nimm zwei. So heißen die, hatte er gesagt. Aber ich habe die nicht gefunden.“

Nahm er sie jetzt auf den Arm? Oder war der wirklich so schlicht?

„Du kommst hier aus Münster?“

„Nein. Aus dem Kreis. Also aus Warendorf. Nicht direkt, mehr aus dem Umland.“

„Vom Hof? Bauer sucht Frau?“ Hoffentlich war das jetzt nicht zu spöttisch rübergekommen.

„Ja, nicht direkt. Den Hof macht mein Bruder, aber meine Mutter meinte, dass es für mich Weiterlesen

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Ein hartes Urteil

Es war nicht der Europäische Gerichtshof, es war nur das Gericht der Europäischen Union (EuG) in Luxemburg, das heute eine Entscheidung des Amts der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO) bestätigte. Das EU-Amt ält den Filmtitel „Fack ju Göhte“ für eine „anstößige Beleidigung, die einen hoch angesehenen Schriftsteller posthum beleidigt“. Das Gericht geht einen Schritt weiter oder einen zurück, wie man das auch sehen mag. Es sieht, jedenfalls lese ich die Begründungen, die bisher veröffentlicht wurden, nicht Goethe als den Beleidigten, sondern uns, wir, die wir uns möglicherweise den Film angesehen haben und das, obwohl wir vom Titel schockiert waren.

Ja, wen und was muss man den heutzutage alles verteidigen? Muss man sich jetzt schon für die Freiheit einer Filmproduktionsgesellschaft einsetzen, ihre Filme, die ich nicht gesehen habe, mit einem aufmerksamkeitsheischenden Namen zu versehen und diesen dann auch schützen zu lassen? Nein, es ist nicht der Betriebswirt in mir, der hier für die Freiheit der Märkte eintritt, es ist eher das seltsame Gefühl, dass hier etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Wir sind offenbar nicht geschockt über den Einsatz deutscher Panzer in Syrien, nicht über das Schreddern von Küken, nicht über unsere Waffenexporte oder den Klimawandel, wohl aber über den Filmtitel „Fack you Göthe“.

Hä?

Dachte ich mir. Aber dann kam die Einsicht. Es ist ganz genauso. Ein x-beliebiger Film schockt uns tatsächlich eher und weit mehr, als alle anderen Ereignisse. Das Gericht der Europäischen Union hat nicht nur Recht gesprochen, es hat uns komplett richtig eingeschätzt. So sind wir halt.

Schmerig grau Arten

Collage: Manfred Voita

Snirtjebraa, Grünkohl mit Pinkel, up drögt Bohnen, Blutwurst mit Sirup, Kohlwurst, Kassler, schmerig grau Arten, Bratkartoffeln, Rotkohl, frische Mettwürste, Bauchspeck; Salzkartoffeln, Grützwurst, Mehlpütt mit Vanillesoße… den Rest habe ich vergessen. Oder gegessen.

Nein, ich bin kein entschiedener Fleischesser. Ich komme inzwischen ziemlich gut ohne Fleisch aus, auch wenn ich mich nicht bewusst vegetarisch ernähre. Wir haben im vergangenen Jahr nicht gegrillt. Zugegeben, wir hatten es vor, es hat nicht geklappt. Große Mengen Fleisch stoßen mich eher ab, genau wie große Mengen Fisch. Überhaupt große Weiterlesen

Letterdoek (2)

Foto: Manfred Voita

Die Bezeichnung Letterdoek für die Stickarbeit der Everdiena Bielefeld zeigt die engen Beziehungen zwischen der Graftschaft Bentheim und den Niederlanden. In anderen Gegenden Deutschlands sind diese Arbeiten unter dem Namen Modeltuch oder Namentücher bekannt geworden. Die Benennung als Merklappen, wie sie in Holland auch gebräuchlich war, zeigt den ursprünglichen Zweck der Stickereien. „Modeltuch wird bey der Nähterei von den Frauenzimmern dasjenige Tuch genannt, worin sie Buchstaben, allerley Figuren, Muster und so fort nach denen gar unterschiedenen Arten deren Stiche… sauber und mit bunter Seiden zu nähen pflegen, die sie sich hernach bey vorkommenden Bedürfnis zu einem Muster dienen lassen, sofern ihnen eine und das andere davon etwa aus dem Gedächtnis entschwunden wäre.“ (Zedlers Universallexikon von 1739, Band 21, Spalte 715)

Sticken war also ein wichtiges Element der Mädchenbildung, denn jedes Mädchen sollte dafür vorbereitet werden, einen ordentlichen Haushalt zu führen. Dazu gehörte es, die Wäsche mit einem Monogramm zu versehen, damit sie nach dem Bleichen auf den Gemeidewiesen wiedergefunden werden konnte. Häufig ging es mit acht Jahren los und mit 14 oder 15 hatte jedes Mädchen mindestens einen Merklappen gestickt.

Spätestens bis zur Heirat war die Aussteuer dann mit den entsprechenden Monogrammen versehen. Das Letterdoek, das Everdiena Bielefeld stickte, ist in diesem Sinne auch kein Merklappen, die aus dem Niederländischen übersetzte Bezeichnung für eine derartige größere Arbeit wäre Prunktuch.

Bei der Beschreibung des Tuchs orientiere ich mich am Heimatkalender Weiterlesen

Das letterdook der Everdiena Bielefeld

Foto: Manfred Voita

Manche Familien besitzen Ländereien, Fabriken, Häuser, Aktien, Goldbarren, Schmuck, Gemälde und vererben das alles natürlich an ihre Nachkommen. Wir besitzen ein Letterdook. Man kann es schön finden, man muss nicht. Es ist aber inzwischen gleich mehrfach Teil der Familiengeschichte meiner Frau, also ist es, falls es nicht schön sein sollte, immerhin ein Gegenstand, über den man sich unterhält und das seit mittlerweile 117 Jahren.

Im Jahre 1901 wurde das Letterdook von Everdiena Bielefeld, der Großmutter meiner Frau, in Heesterkante gestickt.  Everdiena Bielefeld wurde am 11.03.1887 geboren, war also 14 Jahre alt, als sie das Tuch anfertigte.

Das Tuch erzählt uns etwas über ihre Familie, die Familie erzählt uns aber noch mehr über das Tuch.

Everdiena, die ich nicht mehr kennenlernen durfte, sie starb ein Jahr, bevor ich meiner Frau begegnete, hatte frühzeitig beschlossen, das Tuch ihrer Enkelin, eben meiner Frau, zu hinterlassen. Everdiena Bielefeld war eine schmale kleine Frau, die einer stattlichen Zahl Kinder das Leben schenkte, ein hartes, von ihrem strengen calvinistischen Glauben geprägtes Weiterlesen

Maarten `t Hart

Mit Bedauern wurde mir bewusst, dass ich nur noch wenige Seiten der Kurzgeschichtensammlung von Maarten `t Hart zu lesen hatte. Jeder, der gern liest, kennt das wohl. Ein Buch geht zu Ende und man muss man Abschied nehmen von einer Welt, die immer vertrauter wurde. Kurzgeschichten verursachen dieses Gefühl gewöhnlich nicht in so starkem Maße, aber „De moeder van Ikabod“ ist sehr autobiografisch geprägt, so dass jeder, der nicht nur „Das Wüten der ganzen Welt“ gelesen hat, in eine bekannte Gedankenwelt eintritt.

Typisch für diesen Autor ist ein meist humorvoller, angenehm selbstironischer, aber auch eigensinniger Blick auf das moderne Leben, auf die Niederlande, aber auch auf den Literaturbetrieb, den Maarten `t Hart mit bösem Spott begegnet.

Kurt Vonnegut hat mit 75 seinen letzten Roman verfasst, der eigentlich auch nicht mehr so recht funktioniert hat. Wie lange schreibt Maarten `t Hart noch, frage ich mich und schaue in seine Biografie. Jahrgang 1944. Vor kurzem habe ich noch ein sehr resigniert wirkendes Interview mit ihm gelesen. Sein Garten verwildert, seine Gesundheit angeschlagen. Und „De moeder von Ikabod“ berichtet aus den letzten Jahrzehnten, von einem Schwedenbesuch Mitte der achtziger Jahre zum Beispiel.

Notiz an mich selbst: Es gibt einen guten Grund, noch mal ganz von Weiterlesen

Ein gutes neues Jahr

Bild: Manfred Voita

Der Mann war mit einem der Vorortzüge in die Stadt gekommen. Kompliziert, mit Zugausfällen, mehr Haltestellen und Umstiegen. Eine Tasche hatte er noch bei sich, die andere war irgendwo im Gedränge abhanden gekommen. Zu viele Menschen auf zu wenig Raum, zu viele Betrunkene, zu viel Aggression. Bereitschaftspolizei in der Bahnhofsvorhalle, Männer mit Hunden, die breitbeinig, die Hände in die Hüfte gestemmt, den Weg schmal machten. Vielfache Augenkontrolle. Offenbar als harmlos eingestuft, schlurfte er aus der Halle, auf den großen Platz. Gleich neben ihm knallte es. Scherben auf dem Boden, ein ausgeleerter Abfalleimer. Mayonnaisefußspuren.

Der Anruf hatte ihn nachmittags erreicht, rasch hatte er noch ein paar Sachen eingepackt und war gleich los. Blöd, dass er kein Auto hatte.

Lachen. Eine Gruppe junger Frauen, Mädchen, zu dünn angezogen für die Jahreszeit, aufgekratzt und unterwegs irgendwohin. Eine Rakete flog nah an seinem Kopf vorbei, funkensprühend, plötzliches grelles Licht, Farben regneten vom Nachthimmel. In der Ferne Sirenen. Man sollte nicht allein sein in so einer Nacht, in dieser Nacht. In keiner Weiterlesen