Wortmeldung

Von Sandro Botticelli – The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=148170

„Bevor wir anfangen, hätte ich noch eine Frage. Wir werden einander auch eigene Texte vorlesen, nicht wahr?“
Nicken. Zustimmendes Gemurmel.
„Zu diesen Texten wird es dann Anmerkungen geben. Lob aber auch Kritik. Deshalb sind wir ja hier.“
Der Blick in die Runde zeigt, bisher alles im grünen Bereich.
„Die Kritik wird konstruktiv sein…“
„Natürlich!“ sagt jemand. Weiterlesen

Ich?

„Ich Denkmal“, memorial in Frankfurt, Main, Germany, created by Hans Traxler in 2005. CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=130116

Lange habe ich gezweifelt, aber nun steht es für mich fest: Das bin ich nicht. Schon in meiner frühen Kindheit gab es erste Indizien, die in diese Richtung deuteten. Immer, wenn irgendetwas kaputt gegangen war, irgendwer etwas angestellt hatte, wurde ich verdächtigt.

Ich kann mich zwar nicht mehr daran erinnern, was da im Einzelnen vorgefallen ist, wohl aber kenne ich noch meine Reaktion auf all die jahrelangen Verdächtigungen: Das war ich nicht. Seltsamerweise machte ich mir keine Gedanken darüber, wer es denn gewesen sein könne, wenn ich es denn nicht war. Aber das gehört ja auch nicht zu den klassischen Aufgaben des Beschuldigten.

Jahre später fiel mir auf, dass angebliche Tonaufzeichnungen meiner Stimme unmöglich von mir stammen konnten, denn so hell und ungelenk klang ich nun wirklich nicht. Da lief doch eine Verschwörung gegen mich – und siehe da, schon tauchte die nächste Ungereimtheit auf. Fotos und Videos, die mich zeigen sollten, zeigten in Wahrheit einen älteren übergewichtigen Mann, der nur entfernte Ähnlichkeit mit mir aufwies, offenbar aber dennoch von meinem gesamten Umfeld akzeptiert wurde.

Jetzt aber, nachdem wir eine neue Lampe im Badezimmer haben, offenbarte sich mir erst das ganze Ausmaß der Verschwörung, denn selbst mein angebliches Spiegelbild wird von diesem eher mäßigen Laiendarsteller gedoubelt.

Wundern Sie sich also nicht, wenn ich künftig unrasiert und ungekämmt daherkomme. Den Kerl guck ich mir nicht länger an!

Ruhe

Foto: Elfie Voita

Dass Tecklenburg einen Besuch wert ist, habe ich schon an anderer Stelle deutlich zu machen versucht. Wir jedenfalls waren wieder einmal dort. Diesmal war die evangelische Stadtkirche offen, die Kirche, in der auch Dr. Johann Weyer (Wier) vermutlich bestattet wurde, der Arzt, der sich gegen die Hexenverfolgungen eingesetzt hatte. Habe ich schon erzählt, aber muss man solche Menschen nicht immer wieder erwähnen? In der Kirche gibt es mehrere Grabplatten, die sich heute an den Kirchenwänden befinden und die, um die es mir geht, leider so hinter einer Bank versteckt, dass sie sich nicht gut fotografieren ließ. Weiterlesen

Eine Augenweide

Ich gehöre zu den Menschen mit einem grünen Daumen.

Immer wieder mal und es ist mir keineswegs recht, denn dieser grüne Daumen ist ein sichtbarer Beweis meiner handwerklichen Ungeschicklichkeit. Ebenso wie mein schwarzer Handballen, mein gelber Mittelfinger oder mein roter Zeigefinger. Magenta, nicht rot. Steht auf der Packung. Deshalb soll ich Einmalhandschuhe tragen, wenn ich die Tintenpatronen meines Druckers auswechseln muss. Nützt nichts, ich bekleckere mich  dann eben, wenn ich die Handschuhe ausziehe.

Mein Drucker und seine Tinten haben in diesem Text allerdings nichts verloren, denn 1. wird er nicht gedruckt, sondern lediglich hochgeladen und 2. geht es nicht um Grün als Farbe sondern Grün als Naturprodukt. Produkt? Wie das Denken in betriebswirtschaftlichen Kategorien sich doch auch einschleicht, wenn BWL überhaupt nicht Thema ist. Ein Baum ist kein Naturprodukt, er ist eine Pflanze. Oder ist das eigentlich bedeutungslos? Ist es egal, Weiterlesen

Fremde Worte

Von Carole Raddato from FRANKFURT, Germany – Apollo with lyre, fresco fragment from the vicinity of Augustus house, Palatine Museum, Rome, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30371189

Morgen, 18 Uhr, hatte Benny gesagt, der in solchen Momenten trotz ihrer langen Freundschaft wieder zu Dr. Bernhard Mettkemper wurde, Lektor und Programmchef des Angst & Schrecken-Verlags, bei dem Jan seine bisherigen Bücher veröffentlicht hatte.

Eigentlich war der neue Roman, in dem es um einen Serienkiller ging, der mit dem Herzblut seiner Opfer seine Bestseller schrieb, auf Pergament, das er aus der Haut seiner Opfer herstellte, auch fertig, also fast, nur die Auflösung, die war einfach nicht schlüssig. Die jungfräuliche Tochter des letzten Opfers drang auf der Suche nach ihrer verschwundenen Mutter in das Haus des Mörders ein, fand das blutbeschriebene Pergament in einem von Dämonen gehüteten Tresor und als sie es in die Hand nahm, verflüssigte sich das Blut und ein Bild ihrer Mutter erschien. Dreihundert Seiten lang hatte Jan daran geglaubt, jetzt nicht mehr. Die Art, wie sie die supergesicherte Tür der Villa des geisteskranken Mörders öffnete, hanebüchen. Ein anderer Schluss musste her, einer, der die versteckten Hinweise aufgriff, die Jan sorgfältig konstruiert hatte, einer, der überraschend und zugleich plausibel war.

Ausgerechnet in dieser Situation schlug seine Allergie gegen Kunstblut wieder zu, also gegen Blut, das für künstlerische Zwecke, präziser literarische Zwecke vergossen wurde. Jan brauchte nur auf sein Typoskript zu schauen, schon bekam er Pickel. Also schaute er weg. Ob es Pillen gab gegen literarische Verstopfung? Fünfzehn Minuten später war er schlauer, nein, eigentlich nicht, er hatte keinen Moment lang daran geglaubt, dass es solche Pillen geben könnte. Und wenn, wäre die Lieferzeit vermutlich auch zu lang gewesen.

Die beste Droge, das hatte ihm mal ein Freund gesagt, sei ein klarer Kopf. Nur, wo bekam er jetzt auf die Schnelle einen klaren Kopf her? Also anders: Wenn man sich einer Sache nicht nähern konnte, dann half es doch manchmal, sich von ihr zu entfernen. Okay, meistens nicht, aber wenn man etwas vergessen hatte, dann musste man doch auch nur an etwas anderes denken, damit es einem wieder einfiel. Ob das auch half, wenn man nichts vergessen hatte? Weiterlesen