Der Kahn

Foto: Manfred Voita

Meine Schwägerin schickte mir einen Zeitungsausschnitt, natürlich nicht mehr ausgeschnitten, eingetütet, frankiert und so weiter, sondern fotografiert und ab ins Netz. In der Grafschaft Bentheim war ein Kurzgeschichtenwettbewerb ausgeschrieben worden. Thema: Die Vechte. Die Vechte war auch hier schon mal Thema, aber ich bin nicht in der Grafschaft aufgewachsen und fühlte mich nicht angesprochen.

Bis die Ausschreibungsfrist sich gen Ende neigte und meine Frau nach dem Stand meiner Bemühungen fragte. Äh… Also fuhren wir in die Grafschaft und machten uns einen schönen Tag. Spaziergänge an der Vechte, Geschichten und Orte ihrer Kindheit, also nicht die der Vechte, die meiner Frau. An der Vechtequelle waren wir schließlich schon gewesen. Ein Wettrennen mit der Sonne, die es schließlich schaffte, hinter irgendeinem Wald unterzugehen, bevor wir noch einen Blick auf den dicken roten Glutball Weiterlesen

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Heiß

Bild: Manfred Voita

Es ist heiß. Ein Gewitter kündigt sich an, ist eigentlich auch längst angekündigt. Aber die Wetter-App liegt schon seit Tagen daneben. Vielleicht sind es auch die Gewitter, die danebenliegen. Hier kommt nichts an. In Münster Blitz und  Donner, auf dem Weg hierher gießt es, hier: Null.

Gelbes Licht, dichtes grünes Laub vor tiefdunklem Himmel. Dramatisches Wolkenspiel. Großartige Ouvertüre, dann fernes Grummeln und ein paar Regentropfen. Die Vorstellung ist abgesagt.

Kurze Nächte mit wenig Schlaf. Erst zu warm, um einzuschlafen, dann zu laut, um auszuschlafen.  Singvögel? Schreihälse! Woher holen diese kleinen Krakeeler eigentlich die Töne? Die Lautstärke! Da ist doch kaum Körper, kaum Klangkörper. Okay Google?  Also es sind Luftsäcke im Vogelkörper. Deshalb singt und atmet das Tier gleichzeitig und kann ordentlich Druck machen. Bis es erschöpft ist. Dann geht es zum Feierabend wieder weiter.

Alles nur Sopranistinnen und Countertenöre. Weiterlesen

Eintagsfliege

Eine Ephemera danica, auch Maifliege oder Dänische Eintagsfliege genannt, sitzt an der Wand. Eintagsfliege, wie oft hat man Wort das schon gehört oder verwendet. Okay, ich nicht. Nicht das ich wüsste.

Unglaubliche Insekten. Sie schaffen eine Generation pro Jahr, manche Arten brauchen sogar vier Jahre für eine Generation – und dann lebt die erwachsene Eintagsfliege einen Tag. Gut, manche Arten schaffen eine Woche, andere aber nur wenige Minuten. Ein langer Anlauf für einen winzigen Sprung.

Verkümmerte Fresswerkzeuge und ein funktionsloser Darm, in ihrem kurzen Leben nehmen Eintagsfliegen keine Nahrung auf. Paarung. Eiablage. Aus. Was für ein Leben. Aber vermutlich geht es genau darum: Weitermachen. Und den eigenen Nachkommen wünschen, dass die es mal besser haben.

Nicht schon nach 3 Minuten erschlagen werden.

 

Alles – oder nichts

„Ich bin ja jemand, der alles für meine Frau tun würde. Also für den Fall, dass sie es nicht selbst tut oder vielleicht noch tun will. Oder tun würde, wenn ich ihr sagte, dass sie das mal endlich erledigt.“

So oder ähnlich gehört. Oder gedacht? Ach, was weiß ich. Das Foto? Hat damit eigentlich nichts zu tun, aber solche Sätze sagt man vom Sofa aus, gern mal mit einem Buch in der Hand. Zumindest aber mit einer Fernbedienung.

Piano, Italia

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_B_145_Bild-F013070-0010,_Walsum,_Unterricht_Gastarbeiter.jpg

Den italienischen Neubergleute werden im Unterricht Sitten und Gebräuche in Deutschland erläutert. Quelle: Bundesarchiv

Schon wieder Italien. Meinetwegen müsste das ja nicht sein, aber wir haben ja nun den Euro und die EU und da müssen wir uns kümmern. Die Italiener sind nämlich nicht glücklich mit uns. Wir natürlich auch nicht mit ihnen. Wieso haben die so ein schönes Land und schönes Wetter und wollen dann auch noch eine Regierung? Ach so, den Italienern gefällt nicht, wie wir über sie reden. Und vermutlich noch weniger, wie wir über sie denken. Da kam nämlich mit der Wahl und den Wahlsiegern plötzlich all das wieder hoch, was wir seit den fünfziger Jahren und den ersten Gastarbeitern mühsam zu unterdrücken gelernt haben.

Wollen wir Italien retten oder müssen wir gar Italien retten, ob wir wollen oder nicht? Können wir Italien überhaupt retten? Also ich weiß es nicht. Die deutsche Presse weiß es schon, also das wir nicht wollen, aber vermutlich müssen, weil die Italiener ja eh nie was gescheites hinkriegen. Also müssen wir Deutschen aufräumen, Sparkommissare sind gefragt. Wir könnten Schäuble schicken. Dann haben die Italiener bald auch kaputte Autobahnen, ein vergammelndes Militär und, ach ja, weniger Schulden. Sie importieren dann Weiterlesen

Weltliteratur: ungelesen

Eigenes Foto

Bei einem Spaziergang bemerkte ich den oben abgebildeten Briefkasten. Utopia. Gleich musste ich an ein Buch denken, das ich vor Jahrzehnten gekauft und noch nicht gelesen habe. Utopia von Thomas Morus. Ich hoffe, es steht noch im Regal… Oh oh, ich habe es nicht gefunden. Muss ja nichts heißen, bedeutet nicht zwangsläufig, dass mir die Utopien abhanden gekommen sind. Obwohl, möglich wäre es schon.

Ha, gefunden. Unter M, wie sich das gehört. Goldmanns Gelbe Taschenbücher. Gemeint war damals der gelbe Rücken des Buches, inzwischen sind die Blätter auch gelblich. Eine Ausgabe aus dem Jahr 1960, kostete damals 1,90. DM natürlich, nicht Euro. In Leder 10,80 DM. Kann jetzt eigentlich wieder ins Regal. Gekauft habe ich das Buch natürlich nicht 1960, sondern vermutlich um 1970 herum. Ich hatte Orwell gelesen und Aldus Huxley, Lem und H. G. Wells. Das waren ungefähr meine Erwartungen. SF-Literatur.

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Kalt erwischt

 

Bei Jutta Reichelt gab es eine Schreibanregung. Kurz gesagt: Eine Geschichte entwickelt sich in einer Eisdiele. Hier ist die Quelle:

https://wordpress.com/read/post/feed/23194397/761070025

Und hier ist mein Text dazu (als Wiederveröffentlichung, weil das Wetter danach ist)

Da saß an einem kleinen Tisch, einem Tischchen, das durch das Diminutiv nur kleiner, nicht niedlicher wurde und das schon deshalb eine Vertrautheit unter den Gästen, die sich dort niederließen, voraussetzte, ja sogar zu erzwingen schien, in kühler Atmosphäre und bei kalten Getränken und Gefrorenem, auf blitzendem Edelstahl serviert und ohne Serviette, denn das, was da untergeschoben wurde, war weder groß noch saugfähig: Ein Eisbär.

Nanu, dachte ich. Ein Eisbär – an so einem kleinen Tisch? Es war Sommer, nicht nur kalendarisch, sondern auch meteorologisch, draußen, außerhalb der Eisdiele, eine heiße Sache. Ich nahm an, dass der Eisbär sich deshalb für diese Lokalität entschieden hatte. Weil er aber nicht der Einzige war, der heißer Luft mit kaltem Kaffee begegnen wollte, gab es keinen freien Platz mehr im Venezia.

Bis auf den am Tisch des Eisbären. Weiterlesen