Ein Mensch fällt aus Deutschland

Die Wut, die wir so nicht kannten, der Hass,  das Gefühl vieler, dass es so nicht weitergehen könne, weil nichts mehr wahr ist, man niemandem mehr trauen kann, dass es einen Wandel bräuchte, einen kleinen Hitler vielleicht, einen Krieg, möglicherweise, die Brandbeschleuniger, die in vielen Ländern an der Macht sind oder nach der Macht greifen: Wir stecken bis zum Hals mitten in diesem Schlamassel und manchmal, so scheint es mir, schlagen die Wellen auch schon über uns zusammen.

Einen Schritt zurück, etwas Abstand einnehmen und mal in eine andere Richtung gucken, ein Buch lesen, statt der breaking news, statt der push-Nachrichten auf dem Handy. Ein altes Buch, eins aus dem Jahr 1936. Konrad Merz, der eigentlich Kurt Lehmann hieß, hatte bis zur Machtergreifung, die in Wahrheit ja durch nichts anders als eine demokratische Wahl zustande gekommen war, ein gewöhnliches Leben in Berlin geführt.  1933 emigrierte in die Niederlande, nachdem er seiner jüdischen Herkunft wegen sein Studium hatte abbrechen müssen. Weiterlesen

Hinschauen

Foto;: Elfie Voita

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Osnabrück ist, aus dem westfälischen Münsterland betrachtet, eine Stadt, die man nur besucht, wenn in NRW ein arbeitsfreier Tag ansteht, den die Niedersachsen nicht genießen dürfen. Ansonsten: Für uns sind es 35 km nach Münster und 43 nach Osnabrück.

Muss man nach Osnabrück? Mal abgesehen davon, dass es ein Kaufhaus gibt, dass dienstags ein Reibekuchenbuffet anbietet? Das ist ein echtes Alleinstellungsmerkmal! Natürlich haben wir Reibekuchen gegessen, aber weil es nicht Dienstag war, gab es auch kein Buffet.

Jedenfalls nicht im Ratskeller, denn dorthin hatte es uns verschlagen. Altstadt. Matjes mit Reibekuchen stand auf der Speisekarte. Klang für mich hinreichend exotisch. Es gab 1 Matjes und 1 Reibekuchen. Also schon pro Person. Aber das war eine angemessene Portionsgröße für einen Tag, an dem man ohnehin noch einen Kaffee trinken geht und irgendwo ein Stück Kuchen isst. Matjes und Reibekuchen entpuppten sich übrigens als hervorragende Kombination. Weiterlesen

Schlafende Hunde

Von Hansueli KrapfDiese Datei wurde mit Commonist hochgeladen. - Eigenes Werk: Hansueli Krapf (User Simisa (Diskussion · Beiträge)), CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12102086

Von Hansueli Krapf Diese Datei wurde mit Commonist hochgeladen. – Eigenes Werk: Hansueli Krapf (User Simisa (Diskussion · Beiträge)), CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12102086

Das Buch von Ian Rankin ist 2013 erschienen, die deutsche Taschenbuchausgabe im Oktober 2016. Und ich habe es gelesen. So, wie ich die anderen Krimis von Rankin mit John Rebus als Hauptfigur gelesen habe. Seit 1987 ermittel Rebus in Edinburgh und ich habe diese Romane fast durchgängig gemocht. Die Handlung, die Personen, die Atmosphäre der Geschichten, den Soundtrack, den Rankin immer gleich mitliefert, denn Rebus hört gern und viel Musik – und zwar Musik, die ich zu einem großen Teil auch mag. Damit hat Rebus, der seit 1987 ein Alkoholproblem hat, schon mal die ersten Pluspunkte gesammelt.

Rebus ist eine Romanfigur, die im Laufe der Zeit auch altert und so hat ihn Rankin auch in Rente geschickt, um ihn dann doch wieder zu aktivieren. Ob es das Geld war, ob es der Verlag war, wir wissen es nicht, es interessiert Weiterlesen

Bademeister eigener Art

Foto: Elfie Voita

Foto: Elfie Voita

Bademeister eigener Art
Als wir vom Fünfer sprangen, war ausgemacht, dass nur der mit dem Köpper im Leben was würde.

Die Gestalt gewordene Arschbombe unter uns ist dann aber derjenige, der diese hübsche Impression für alle über Wasser hält. Bei Ebbe. Und bei Flut.

(Rainer Strobelt, 25.10.16)

Im November oder Dezember erscheint im Segler-Verlag das neue Buch meines Freundes Rainer Strobelt.

Rainer kündigt seine Veröffentlichung so an:

Titel der Fetzen(den)Erzählung ist
Strittig: Seine literaturnahen Vollkostbrösel  (ISBN 978-3-931445-26-3)

Übern Jordaan gehen

Foto: Leonie Voita

Foto: Leonie Voita

„Een vreemd lichtspel, geheimzinnig van wisselende glanzen, trilde over de grillige puien en gevelsteenen uit. Een dwaze rumoerigheid klonk plotseling t’allenkant door de nachtstraat-stilte.“

Israël Querido: De Jordaan: Amsterdamsch epos. Deel 4: Mooie Karel(1924), S. 230

Ein eigentümliches Lichterspiel, von geheimnisvoll wechselndem Glanz, zitterte über die bizarren Fassaden und Gibelsteine hinweg. Ein aberwitziger Krawall klang plötzlich von allen Seiten durch die Nachtstraßenstille. (Eigene Übersetzung)

Israël Querido hat mit seinen Texten dafür gesorgt, dass der Jordaan bekannt wurde. Weiterlesen

Literatur & Co.

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„Ik ben makelaar in koffi, en woon op de Lauriergracht no. 37.“

„Ich bin Makler in Kaffee und wohne Lauriergracht Nr. 37.“ So beginnt Max Havelaar, der Roman von Multatuli. Hinter diesem Pseudonym verbarg sich der Autor Eduard Douwes Dekker. Der Roman, der in den Niederlanden zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der Kolonialpolitik in Indonesien führte und bis heute als das wichtigste Buch der niederländischen Literatur gilt, hat zweifellos Spuren in der Wirklichkeit hinterlassen. Eine der witzigsten hat mich jetzt in Amsterdam beschäftigt. Allein im ersten Kapitel des Buches nennt uns Batavus Droogstoppel vier oder fünf Mal die Adresse Lauriergracht 37 und verweist darauf, dass er Kaffeemakler sei, am Ende dieses ersten Kapitels, das übrigens nicht länger als fünf Seiten ist, wissen wir zudem, dass er der Schwiegersohn des alten Last ist, das Co. in Last & Co. Das Kapitel endet mit einer Abbildung seiner Visitenkarte: Weiterlesen

Hörtipp: „J.J. Voskuil: Das Büro“ bei WDR 3 — ViFa Benelux-Blog

Der Radiosender WDR 3 widmet sich in seiner Sendung Lesezeichen dem niederländischen Romanzyklus “Das Büro” von J.J. Voskuil in seiner deutschsprachigen Übersetzung von Gerd Busse. In dieser Woche sind Auszüge aus dem ersten Band zu hören: J.J. Voskuil: Das Büro, Band 1: Direktor Beerta. Roman. Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. Neuausgabe im Verbrecher Verlag […]

über Hörtipp: „J.J. Voskuil: Das Büro“ bei WDR 3 — ViFa Benelux-Blog

Zu Voskuil und seinem Werk siehe auch hier

Berlin: Rahel Varnhagen von Ense

Foto: Elfie Voita

Foto: Elfie Voita

„Berlin, den 3. November 1819

Es wird eine Zeit kommen, wo Nationalstolz eben so angesehen werden wird, wie Eigenliebe und andere Eitelkeit; und Krieg wie Schlägerei. “

Rahel Varnhagen von Ense: Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde, Bd. 2. Berlin 1834

Ein literarischer Salon… so richtig kann ich mir nicht vorstellen, wie so ein Salon funktioniert hat. Immer von einer Frau, nein, von einer Dame aus gutem Hause geleitet, die durch ihre umfassende Bildung und Eloquenz nicht nur Gastgeberin, sondern auch Zentrum des Salons war. So ein Mittelding zwischen Anne Will, Gloria von Turn und Taxis, Julie Zeh und Sigrid Löffler vielleicht? Und der Salon… ein Poetry Slam oder doch eher das literarische Quartett mit Autorenlesung, Tee mit Rum und Häppchen?

Rahel Varnhagen von Ense, geborene Levin, leitete einen der berühmtesten literarischen Salons. Zwischen 1790 und 1806 und dann wieder ab 1819 lud sie in Berlin die unterschiedlichsten Menschen aus Hochadel, Literatur, Wissenschaft und…ja, heute würden wir es Showgeschäft nennen, in ihren Dachstubensalon ein. Und das in einem jüdischen Haus und unter der Führung einer Frau, die sich ihre Bildung selbst erarbeiten musste, einer Autodidaktin, die nicht nur geistreich plaudern konnte, Weiterlesen

Selbst schuld

 

Antiquariate sterben offenbar aus. Ich habe noch nie so oft gebrauchte Bücher gekauft wie in letzter Zeit. Zwei Sätze, die sich scheinbar widersprechen, aber nur scheinbar.

Wir waren in Bredevoort, einer niederländischen Stadt. Stadt, weil sie die Stadtrechte besitzt, nicht, weil sie durch ihre Größe das Recht hätte, als Stadt bezeichnet zu werden. Schon Städtchen wäre gelogen. Für ein Dorf könnte man sie durchgehen lassen. Knapp. Alles unter 5.000 Einwohnern zählt in Deutschland als Landgemeinde. Aber, wie gesagt, wir waren in Holland.

Bredevoort ist hübsch, also streckenweise, hier und da mal. Nicht insgesamt, nicht beeindruckend. Die Sint-Joriskerk ist spätgotisch, gut, frühgotisch hätte ich auch nicht erkannt. Es gibt darin einen sogenannten Boerenzolder, eine rustikale Empore gegenüber der Kanzel, die als Bauernspeicher bezeichnet wird, weil Bauern immer so viel zu tun hatten, dass sie oft als letzte in der Kirche ankamen und dann dort oben saßen. Man muss nicht nach Bredevoort, um das gesehen zu haben. Man muss auch nicht nach Bredevoort, um im mittelalterlichen Restaurant zu essen, vor allem dann nicht, wenn man sowieso draußen sitzen möchte.

Aber die Antiquariate. Bredevoort ist nämlich Bücherstadt. Ganz viele Antiquariate… hatten sich dort angesiedelt, bis das Internet kam und die Leute ihre Bücher, gerade auch ihre gebrauchten Bücher online kauften. Ich auch. Schande über mein Haupt. Dabei mag ich es, in Reihen mehr oder weniger vergilbter Bücher zu stöbern und zu finden, was ich nicht gesucht habe. Vorbei. Kaum noch ein Antiquariat ist zu finden und die, die wir finden, haben Ruhetag. Montags. Manche auch montags und dienstags. Zum Glück kriegen wir noch koffie mit appelgebak.

Dann geht es weiter nach Winterswijk. Nur ein paar Kilometer entfernt. Die ganze Stadt hat sich auf den Ansturm der deutschen Nachbarn eingestellt, einen zusätzlichen Markttag installiert und einen Seniorenchor wachgerüttelt, der in der Fußgängerzone sein Bestes gibt. Kibbeling und Kaas, gevulde Koeken und noch ein paar Kleinigkeiten.

Das Antiquariat ist geschlossen.

Berlin: Chamisso

Foto: Elfie Voita

Foto: Elfie Voita

„Ich will ganz ohne Prunk und in der Stille in die Erde versenket werden. Es mögen nur ein paar Freunde sehen, wo meine Asche bleibet, und sich niemand sonst bemühen. Soll die Stelle bezeichnet werden, mag ein Baum es thun, höchstens eine kleine Steinplatte. Ich verbiete auf jeden Fall jegliche andere Grabinschrift als meinen Namen, nebst Datum der Geburt und des Hinscheidens.“

ADALBERT VON CHAMISSO

GEB. D. 30 Januar 1781

GEST D 21 AUGUST 1838

Auf dem Friedhof, auf dem sich das Grab E. T. A. Hoffmanns befindet, wurde auch Adalbert von Chamisso begraben. Ach ja, Adalbert von Chamisso, dachte ich, sagte es wohl auch, aber eigentlich war das mehr ein Fall von Namedropping. Ich kannte den Namen, wusste aber nicht (mehr), warum er mir bekannt war. Dass er zu E. T. A. Hoffmanns literarischem Freundeskreis, den Serapionsbrüdern , gehörte, war mir nicht bekannt. Ich hätte mich jedoch daran erinnern können, Weiterlesen

Berlin: E. T. A. Hoffmann

Foto: Elfie Voita

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„Gewiß seid Ihr alle voll Unruhe, daß ich so lange – lange nicht geschrieben. Mutter zürnt wohl, und Clara mag glauben, ich lebe hier in Saus und Braus und vergesse mein holdes Engelsbild, so tief mir in Herz und Sinn eingeprägt, ganz und gar. – Dem ist aber nicht so; täglich und stündlich gedenke ich Eurer aller und in süßen Träumen geht meines holden Clärchens freundliche Gestalt vorüber und lächelt mich mit ihren hellen Augen so anmutig an, wie sie wohl pflegte, wenn ich zu Euch hineintrat. – Ach wie vermochte ich denn Euch zu schreiben, in der zerrissenen Stimmung des Geistes, die mir bisher alle Gedanken verstörte! – Etwas Entsetzliches ist in mein Leben getreten! – Dunkle Ahnungen eines gräßlichen mir drohenden Geschicks breiten sich wie schwarze Wolkenschatten über mich aus, undurchdringlich jedem freundlichen Sonnenstrahl.“ aus: E.T.A. HOFFMANN: NACHTSTÜCKE, Herausgegeben von dem Verfasser der Fantasiestücke in Callots Manier, Erster Teil: Der Sandmann

U-Bahnstation Mehringdamm, eine sechsspurige Straße. Berlin, Friedhof III der Gemeinde der Jerusalem- und Neuen Kirche vor dem Halleschen Tor… früher Morgen. Stille. Totenstille. Ein Eichhörnchen spielt Verstecken. Ein Lageplan… eigentlich ein Liegeplan, nicht schwer zu finden: ein kleines Grab. Ernst Theodor Wilhelm Hoffman steht da. Preußen war nachtragend und verweigerte dem Mann, der so viele Talente hatte, den selbstgewählten dritten Vornamen Amadeus, den er aus Bewunderung für Mozart gewählt hatte. Heute ist es immerhin ein Ehrengrab.

E. T. A. Hoffmann? werde ich gefragt. Offenbar kein Begriff mehr. E. T. A. Hoffman gehört ohne Zweifel zu „den wenigen Namen, die uns stets die Großen bleiben werden.“ sagt Arno Schmidt in seinen „Dichtergespräche im Elysium“. Aber Schmidt kennt ja auch keiner mehr.

E. T. A. Hoffmann, der die Nachtseiten der menschlichen Existenz, das Unheimliche, das uns bedroht, ob von außen oder – schlimmer noch – in den Bildern, die unsere Psyche, unsere Einbildungskraft, unsere Angst uns aufzwingen, wie kaum ein anderer aufzurufen wusste, wird von Schmidt in den neunzehnhundertvierziger Jahren, Weiterlesen

Prag (3)

Foto: Elfie Voita

Foto: Elfie Voita

12.000 Grabsteine, so erzählte man uns, gäbe es auf dem alten jüdischen Friedhof in Prag, 100.000 Menschen seien dort aber begraben, mindestens. Nein, es ist nicht unheimlich dort, nicht, wenn man Friedhöfe nicht grundsätzlich für unheimliche Orte hält.

Egon Erwin Kisch, der rasende Reporter, auch einer der fast vergessenen Großen, einer, der in Prag, aber auch in Berlin, Paris und ja, eigentlich in der ganzen Welt zuhause war, der, der einen Blick hinter die lange verschlossene Tür des Dachbodens der Altneusynagoge in Prag warf und feststellte, dass, falls der Golem dort „begraben“ sei, er inzwischen untrennbar mit der Synagoge verbunden, Teil des Gebäudes geworden sei, dieser Egon gab sich den zweiten Vornamen Erwin selbst. Warum es gerade Erwin sein musste, weiß ich nicht, ich habe aber auch keine Einwände gegen Erwin, schließlich habe ich einen Onkel, der ebenfalls Erwin heißt.

Egon Erwin Kisch war Jude, vielleicht lange Zeit so Jude, wie er Tscheche war, oder Österreicher. Der Nationalsozialismus „machte“ ihn zum Juden, ihn, der eigentlich Kommunist war, Weltbürger, Literat, investigativer Journalist und eben „rasender Reporter“.

Egon Erwin Kisch erzählt jedenfalls in einem seiner Texte vom alten jüdischen Friedhof in Prag, dem, auf dem auch der Rabbi Löw begraben ist und von den Steinen, die von Besuchern auf die Grabsteine gelegt werden. Natürlich habe ich mich auch schon gefragt, warum auf jüdische Gräber Steine kommen, aber so heftig war meine Neugier auch wieder nicht, dass ich mich schlau gemacht hätte. Ist man aber in Prag und geht man über diesen Friedhof, Weiterlesen

Prag (2)

Da schraube ich gerade an meinem Text herum, recherchiere und vertiefe mich mit zunehmender Begeisterung in mein Thema, in Windungen und Seitenwege. Wie schade, in alten Bibliotheken oder Museumarchiven kann man noch auf Werke stoßen, die als verschollen galten, die niemand mehr kennt oder die einfach verkannt wurden. Im Netz… jeder kann finden, was ich finde, lesen was ich lese, schlimmer noch, es hat ja jemand erst vor Tagen, Wochen oder Monaten ins Netz gestellt, sicher aber nicht vor 500 Jahren. Egal. Es ist wie ein Wasserfall, ich stelle mich drunter und es hört einfach nicht auf, da kommen Texte, Bilder, andere Quellen und mehr und mehr.

Ach so, ich habe noch nicht gesagt, was mich da gerade umtreibt? Umtreiben ist übrigens genau das richtige Wort. In Prag der frühen Neuzeit, obwohl es für Prag möglicherweise auch noch das späte Mittelalter war, trieb sich, so die Legende, der Golem herum. Ein aus Lehm geschaffenes Wesen, dem Atem eingehaucht wurde und das, einen Zettel mit dem Schem, dem Namen Gottes, unter der Zunge, auszog, zu tun, was man ihm befahl. Wir kennen übrigens sogar das genaue Datum, an dem der Golem an den Start ging, es war der 17. März 1580. So ein Datum mach die Sache Weiterlesen

Rom

Also ich bin empört! Diese Römer! Wenn ich das gewusst hätte, dann… äh, gut, dann wäre alles ganz genau so geschehen, denn 43 vor Christus war schon wieder alles vorbei. Meine Empörung verrät schon, dass ich nicht über eine klassische Bildung verfüge, also nie Latein gelernt und Cäsar oder Cicero gelesen habe.

Mein Wissen über die Römer verdankte ich bisher drei kurzen Kapiteln aus „Wir sind das Abendland“, einer Art Geschichte und Kulturgeschichte des Abendlandes, geschrieben von Ivar Lissner, einem erfolgreichen Sachbuchautor im Nachkriegsdeutschland. 1966, als ich dieses Buch geschenkt bekam, war es nicht unüblich, dass Menschen keine Vorgeschichte hatten – oder sich an diese Geschichte nicht mehr erinnern wollten. Lissner war wohl einer von der Sorte. NSDAP-Mitglied, Autor für den Angriff und den Völkischen Beobachter, jüdische Vorfahren, Rauswurf aus dem NSDAP-Umfeld, später dann Spion für das Großdeutsche Reich und noch später Antikommunist und Sachbuchautor.

Ein Leben, das vermutlich Material für einen Roman hergäbe. Aber, wie gesagt, ich wusste nichts von ihm, niemand wusste etwas über ihn, aber er wusste viel über europäische Geschichte und deshalb habe ich sein Buch als Jugendlicher mehrfach gelesen.

Eine weitere wichtige Quelle soll nicht unterschlagen werden: Asterix. Aber das war es dann auch schon. Nein, da fallen mir gerade noch diese Monumentalfilme ein, die Hollywood in die Kinos brachte. Mittlerweile weiß ich natürlich, wie Hollywood die Geschichte zurechtbiegt, damit sie eine gute Geschichte abgibt, aber damals? Weiterlesen

Literarisches Amsterdam (8)

Multatuli schaut Marinus Pütz skeptisch über die Schulter Foto: Elfie Voita

Multatuli schaut Marinus Pütz skeptisch über die Schulter
Foto: Elfie Voita

Endspurt. Diesmal sollte es doch klappen mit dem letzten Beitrag zur literarischen Führung in Amsterdam. Allerdings nur, wenn es mir gelingt, diese Einleitung zügig abzuschließen. Die Tour liegt jetzt schon fast einen Monat hinter uns. Die Fotos von der Reise habe ich mir gerade noch einmal angesehen. Jetzt will ich wieder hin. Am liebsten sofort.

Dass in der Keizersgracht 569-571 bis Ende der neunziger Jahre das P.J. Meertens-Instituut voor Dialectologie, Volkskunde en Naamkunde seinen Sitz hatte, interessiert wohl nur diejenigen, die Voskuil gelesen haben oder lesen wollen. Es ist nämlich das Vorbild für das A.P. Beerta-Instituut, Schauplatz des Buches, der Bücher, genau genommen, denn es sind immerhin sieben Bände.

Und Multatuli? 

In der ersten Folge dieser Reihe habe ich über ihn geschrieben. Marinus Pütz hat uns zu seinem Denkmal geführt.

Ich hatte nicht gewusst, dass es dieses Denkmal gibt. Jedenfalls nicht bis zum Vortag, als wir zufällig davor landeten. Macht nichts. Marinus erklärt uns, dass es ein Multatuli-Museum in der Nähe gibt. Ich glaube, da will ich nicht hin. Nicht, bevor ich den Max Havelaar gelesen habe. Und nein, wir sind nicht so kultur- und literaturbeflissen, dass wir nicht auch Zeit für anderes gehabt hätten: Gut und schlechter essen, tropfnass werden in einem überraschenden Regenschauer, der sich zu einem echten Landregen entwickelt, von Mücken zerstochen werden, nach Abkürzungen suchen und Umwege finden, vor Schaufenstern stehen und in Geschäften stöbern, vor Radfahrern flüchten und glücklich auf eine stille Gracht im frühmorgendlichen Licht blicken.

Teil 7