Nach dem Gewitterregen

Foto: Elfie Voita

Und wird auch mal der Himmel grauer;
wer voll Vertrau’n die Welt besieht,
den freut es, wenn ein Regenschauer
mit Sturm und Blitz vorüberzieht.

 

aus: „Wie liegt die Welt“ von Wilhelm Busch

Bargfeld

arno 2

Foto: Elfie Voita

Er kann sich ja nicht mehr dagegen wehren, dass Menschen durch seinen Garten laufen, sein Haus betreten und schließlich sogar in seinem Arbeitszimmer stehen. Gemocht hätte er es nicht, ach was, er hätte es schlicht nicht zugelassen. Aber er kann es nicht mehr verhindern, er liegt draußen im Garten unter einem Findling, gemeinsam mit seiner Frau Alice. ARNO SCHMIDT. Anders dürfte man diesen Namen gar nicht schreiben. Jedes Mal, wenn ich eines seiner Bücher lese, wieder lese, erwischt er mich. Diese Sprache, dieser Humor, auch diese Haltung, letztlich aber doch die Sprache: Was für Sätze, was für Wörter. Ein Künstler, der sich seiner Kunst sehr wohl bewusst war. Und dessen Kunst doch fast schon vergessen ist. Nicht bei uns Alten, jedenfalls nicht bei denen, die ich kenne. Dafür sorge ich schon. Die Jungen hingegen? Vorwerfen kann man es ihnen nicht. Es ist nicht ihre Zeit, Weiterlesen

Robert B. Parker: Spenser

By Manchester (N.H.) Library [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0) or CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)%5D, via Wikimedia Commons

Was ist eigentlich so toll an Serien, frage ich mich, denn ich schaue mir keine an. Das ist ein hinreichender Grund, keine eigene Antwort auf diese meine Frage formulieren zu können. Andererseits bin ich durchaus Serienjunkie, allerdings geht es dabei um literarische Serien. Gut, ich wäre bereit, hier einen etwas erweiterten Literaturbegriff zu gestehen, denn meist geht es bei den Serienautoren dann doch um Krimis.

Das Tolle an diesen Serien ist, für mich zumindest, die Vertrautheit mit dem Personal, mit literarischen Figuren, denen man wie alten Bekannten begegnet, die eine neue Geschichte zu erzählen haben. Wie bei anderen Bekannten, die gerade etwas erlebt haben, hat es wenig Sinn, aus dem eigenen Alltag zu plaudern, sie hören eh nicht zu.

Außerdem entlastet es natürlich ganz erheblich, wenn man Autoren gefunden hat, die einen Nerv treffen, statt auf die Nerven zu gehen. Deshalb ist es eine große, nicht akzeptable Schweinerei, wenn solche Menschen sterben. Auch wenn sie nach ihrem Tod offenbar weiterhin aktiv bleiben, wie das bei Robert B. Parker der Fall zu sein scheint. Die Krimi-Couch berichtet jedenfalls über ihn: „1956 heiratete er Joan Hall; die Ehe, aus der zwei Söhne hervorging, hält trotz diverser Schwierigkeiten (die Eingang in Parkers Romanwerk fanden) bis heute.“

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Enschede, Wilmink & Textilgeschichte

Komisch, wie nah und wie fern eine Stadt einem doch sein kann. Nah, weil Enschede, das ist die niederländische Stadt, um die es hier geht, gerade einmal 100 Kilometer von Warendorf entfernt liegt. Fern, weil ich, obwohl wir so oft dort waren, so wenig über diese Stadt weiß. Naja, jetzt weiß ich natürlich gerade mal wieder etwas mehr, weil wir, wie so oft, ein paar Stunden dort verbracht haben.

Enschede, von Willem Brakman als  ‚het onlieflijke stadje‘ (die unliebliche Stadt) bezeichnet, ist nicht schön, keine dieser putzigen niederländischen Städte, die eine kuschelige Mischung aus siebzehntem Jahrhundert und Coffeeshop zu sein scheinen. Weiterlesen

Der Boss lässt sprechen

Von Helge Øverås – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3474124

Ja, ich weiß, ich hätte es ja nicht hören müssen. Aber nun ist es zu spät für gute Ratschläge. Ach so, was ich da gehört habe? Born to run, die Bruce-Springsteen-Autobiografie, gelesen von Thees Uhlmann.

Ich mag Thees Uhlmann, weiß nicht, wieso. Vielleicht ist es das Norddeutsche, das Eckige, das Unglamouröse. Ja, bestimmt sogar, denn von seiner Musik bin ich meistens ein kleines bisschen enttäuscht. In einem Kulturmagazin erzählte er, wie begeistert er davon war, Springsteen für das Hörbuch lesen zu dürfen. Schön, dass wenigstens er Spaß daran hatte. Oh, er macht das nicht schlecht, jedenfalls wenn man das Norddeutsche, Eckige und Unglamouröse mag.

Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass man mehr aus den Texten rausholen kann, dass man mit breiter Brust und großer Klappe antritt, um dann an den entsprechenden Passagen auch mal weinerlich zu werden. Denn das ist Springsteen eben auch alles. Großkotzig, moralisch, religiös, Selfmademan, Millionär, Sohn, Vater, Ehemann. Ach ja, Rockstar hätte ich fast vergessen. Weiterlesen

Klaus Mann, Hendrik Höfgen und Gustav Gründgens

By United States 5th Army (Handschriftenabteilung der Stadtbibliothek München) [Public domain], via Wikimedia Commons

By United States 5th Army (Handschriftenabteilung der Stadtbibliothek München) [Public domain], via Wikimedia Commons

„Alle Personen dieses Buches stellen Typen dar, nicht Porträts.“ K.M.

Wohl selten hat ein Autor so nachdrücklich darauf hingewiesen, dass die handelnden Personen seines Romans nicht mit konkreten Menschen gleichgesetzt werden dürfen. Von Klaus Mann stammt nicht nur das oben wiedergegebene Zitat, sondern auch noch eine Richtigstellung an die Presse, die den Roman vorab druckte. Natürlich nicht in Deutschland, denn jeder, aber auch wirklich jeder, erkannte die Personen dieses Buches, das 1936 im Amsterdamer Querido Verlag erschien. Und derartige Unbotmäßigkeiten waren 1936 in Deutschland völlig undenkbar. Der Führer, der Propagandaminister und der Ministerpräsident, immer wieder auch als der General oder der Dicke tituliert: Wir verstehen sogleich, dass es um Hitler, Goebbles und Göring geht.

Aber es sind nicht Hitler, Göring und Goebbels, von denen Mephisto handelt. Es ist Hendrik Höfgen, dessen Karriere während der Weimarer Republik, also in den zwanziger Jahren, und vor allem in den ersten Jahren der NS-Diktatur geschildert wird. Dieser Hendrik Höfgen steht ganz zweifellos für Gustav Gründgens, dem es als Schauspieler und Theaterintendant gelang, von 1922 bis 1963, dem Jahr seines Todes, das deutsche Theater zu prägen. Ein Schauspieler, der sein Talent unter gleich welchen Bedingungen zu nutzen verstand, ein Mensch, der Karriere machte, dem es vielleicht gleichgültig war, Weiterlesen

Tumbas

Von Hpschaefer www.reserv-art.de - File:Nooteboom,-Cees Koeln 170311.jpg, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21981457

Von Hpschaefer http://www.reserv-art.de – File:Nooteboom,-Cees Koeln 170311.jpg, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21981457

„Die meisten Toten schweigen. Sie sagen nichts mehr. Sie haben – buchstäblich – alles gesagt. Das gilt nicht für Dichter.“

Cees Nooteboom

Promis gucken auf dem Friedhof? Klingt, wenn man es so formuliert, nach einer seltsamen Marotte. Einer, zu der ich mich auf diesen Seiten schon mehrfach bekannt habe. Nun habe ich festgestellt, dass ich mich da in guter Gesellschaft befinde. Cees Nooteboom, ein auch in Deutschland nicht unbekannter niederländischer Lyriker und Reiseschriftsteller, war mit der Fotografin Simone Sassen unterwegs zu den letzten Ruhestätten vieler Geistesgrößen. Ich nenne nur mal Borges, Dante, Flaubert und Goethe.

115 Schwarzweißfotos zeigen Grabsteine, Inschriften, manchmal eine Gruft. Mag sein, dass Schwarzweißfotos künstlerisch oft interessanter sind, mag auch sein, dass es dem Gegenstand geschuldet ist. Nooteboom stellt die Großen manchmal nur mit einem kurzen Auszug aus ihrem Werk vor, ein anderes Mal trägt er ein eigenes Gedicht bei Weiterlesen

Der Zauber hält an, Erika!

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By Hajotthu (Own work) [GFDL or CC BY 3.0], via Wikimedia Commons

Rainer Strobelt hat mir einen Text zum Thema „Der Zauber hält an, Erika!“ zur Verfügung gestellt. Hier ist er:

florentinerin beinah schon verBargt

geh nur in die heide
richtung Arno
und leide
mit

Schmidt

(Rainer Strobelt, 25.1.17)
Da ich Rainer heute noch sehen werde, sprechen wir bestimmt über diesen Text. Ich bin auch auch sehr neugierig darauf, wie die Millionen Leser, die sich hier regelmäßig tummeln, diesen Text verstehen.

Eiche an der Ems

Foto: Leonie Voita

Foto: Leonie Voita

Verschneit liegt rings die ganze Welt,
Ich hab nichts, was mich freuet,
Verlassen steht der Baum im Feld,
hat längst sein Laub verstreuet.

Der Wind nur geht bei stiller Nacht
Und rüttelt an dem Baume,
Da rührt er seinen Wipfel sacht
Und redet wie im Traume.

Er träumt von künft’ger Frühlingszeit,
Von Grün und Quellenrauschen,
Wo er im neuen Blütenkleid
Zu Gottes Lob wird rauschen.

Joseph von Eichendorff: Winternacht

Ja. Ein echter Eichendorff. Winterlich, der Baum im Feld, der vom Frühling träumt. Der Wind, der die Wipfel rüttelt. Alles gut. Aber das passt überhaupt nicht zu dieser optimistischen Eiche, die da stolz an der Ems steht. An einem wunderschön klaren und kalten Wintertag, an dem ich gern noch etwas auf den Frühling warten kann. Ein paar Stunden wenigstens.

Mit aller Gewalt

Vor der Tür liegt Schnee, auf meinem Schreibtisch Neonregen. Ging nicht anders, musste ich einfach mitnehmen. Neonregen ist der Titel eines Kriminalromans von James Lee Burke. Es ist der erste aus einer Reihe von mittlerweile zwanzig Bänden, die allerdings nicht alle auf Deutsch erschienen sind.

Der Bielefelder Pandragon Verlag hat sich dieser Reihe angenommen. Warum er allerdings die Bücher nicht in der Reihenfolge des Erscheinens veröffentlicht, ist mir ein Rätsel. Band 2 liegt auch vor, dann tut sich eine Lücke auf. Ich mag Reihen, ich mag es aber auch, die Reihenfolge einzuhalten.

Genug gemeckert. Neonregen hat mir gefallen. Ein düsterer Krimi, der in den Südstaaten angesiedelt ist, genauer in New Orleans. Ich war noch nicht dort, streichen wir das noch, ich will ja eigentlich auch nicht hin. Burke beschreibt das Leben dort so anschaulich, dass mir beim Lesen heiß wird und ich einen Dr. Pepper bestellen möchte. Und schmutzigen Reis. Ich bedauere es allerdings, dass ich nachgeschaut habe, was das ist.

Egal. Es gibt eine Menge Gewalt in diesem Buch, niemand ist so richtig gut, Weiterlesen

Unbestritten: Strittig

Rainer Strobelt (c) Marie Strobelt

Rainer Strobelt
(c) Marie Strobelt

 

 

1.1.2017, 00:01 Uhr, der nörgler sucht schon

das neue jahr

ist so dermaßen jung

es herrscht jungfräuliche frühe

 

da findet er einfach noch kein haar

in dessen ungetrübter bouillon

wie er sie hasst eine jede klare brühe

 

Rainer Strobelt („Strittig“)
Heute morgen fand ich diesen Text von Rainer in meinem Mail-Account und dachte mir, das sei eine gute Gelegenheit, gleich sein neues Buch hier vorzustellen:

Warum schreibt einer keine Regionalkrimis, wenn er schon schreiben muss? Und schreiben muss Rainer Strobelt. Seit vielen Jahren notiert er, sammelt Eindrücke, Gedanken, Worte. Reist, ist aber auch mit Bus und Bahn in der Region unterwegs, gern auch mit dem Fahrrad. Betreibt quasi Feldforschung, saugt sich voll mit Bildern und Notaten und nimmt sich dann die Zeit, die es braucht, Abstand zu gewinnen, zu überdenken und schließlich zu formulieren. Reduziert und konzentriert sind seine Texte. Weiterlesen

Aufgemerkt und weggehört

Eckenstehender Nante kehrt immer wieder. Viele Berliner Strassenecken waren mit einem steinernen "Prellbock" gesichert.

Bundesarchiv, Bild 146-1976-141-11 / Hoffmann / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)%5D, via Wikimedia Commons

Lunapark von Volker Kutscher war durch. Ich war zu Beginn der Reihe, in deren Mittelpunkt der Kriminalpolizist Gereon Rath steht und die während der Weimarer Republik und zur Zeit der Nazidiktatur spielt, sehr angetan.

Natürlich kannte ich schon die Berlin-Trilogie von Philip Kerr, die inzwischen, wie ich gerade feststelle, deutlich angewachsen ist. Vaterland von Robert Harris dachte den Nazi-Staat weiter, spielte mit der Frage, wie die Gegenwart aussehen könnte, wenn Deutschland den Krieg gewonnen hätte.

Ich nahm immer an, dass für einen deutschen Autoren der Umgang mit der NS-Zeit komplizierter sein müsste, einfach, weil wir keinen einfachen Umgang mit der Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts haben könnten. Dachte ich. Inzwischen geht da einiges, der Horror ist komödienreif geworden. Auch wenn mir davon Weiterlesen