Manni, kein Nobelpreis, ein Hafen und der Kaiser

Es goss und wir saßen mit unseren selbstgedrehten Zigaretten in einem der Salons der Fähre nach Terschelling. Manni und ich, Ende der sechziger Jahre. Ich war ein umgezogner Jugendlicher. Wenige Jahre zuvor waren meine Eltern nach Leer umgezogen und ich war mit umgezogen worden. Aus Hagen, einer Großstadt, so fühlte sich die Stadt jedenfalls in der Erinnerung an, in ein ostfriesisches Kleinstädtchen mit plattdeutschem Umland und touristischem Potenzial. Ein Schuljahr später war ich angekommen, fühlte mich zwar immer noch wie der Großstädter unter Landeiern, wusste in Wahrheit aber über das Großstadtleben genauso wenig wie über das Erwachsenwerden.

Ob es der ewige ostfriesische Wind war oder das völlig grundlose, aber zweifellos vorhandene Gefühl einer Überlegenheit: Ich hob plötzlich die Nase aus dem schulischen Sumpf, tat, was ich konnte und sah, dass es gut war, wählte meinen eigenen Weg und der führte zur Handelsschule.

Ja, ich weiß. Nichts klingt weniger nach Befreiung und Revolte als die zweijährige kaufmännische Handelsschule, aber dort fingen wir alle gemeinsam neu an, ich war nicht mehr der Neue, ich war einer von den Neuen und plötzlich saß ich nicht mehr allein in meinem Zimmer und hörte  Lutz Ackermann in „Musik für junge Leute“ auf NDR 2, sah aus dem Fenster und hoffte, dass es anfangen würde, irgendwas, was auch immer, keine Ahnung. Plötzlich gab es  Leute, die auch ihre Haare wachsen ließen, mit denen ich zur Schule fuhr, mit denen ich in der Pause auf dem Schulhof stand und mit denen ich nach der Schule in der Stadt eine Cola trank und eine Runde flipperte, in einem Eiscafé, dessen Chef wir Charly nannten und duzten, einen Erwachsenen!

Plötzlich gab es auch Mädchen, ich weiß nicht, wo die sich bis dahin versteckt hatten, aber jetzt waren sie nicht mehr zu übersehen und legten mir im Gespräch eine Hand auf den Unterarm oder wollten von mir zur Bushaltestelle begleitet werden. Und der Kuss auf der Fensterbank. So federleicht und harmlos, wie es Küsse von Siebzehnjährigen nur unter Aufsicht ihrer Klassengemeinschaft sein können. Und irgendein Lehrer platzte herein. Zum Direktor! Gott, die sexuelle Revolution hatte die zweijährige kaufmännische Handelsschule in Leer erreicht. Auspeitschen und kielholen. Mindestens.

Buchführung, kaufmännisches Rechnen, Wirtschaftsgeografie, Deutsch, Tastschreiben, Steno, Mathematik, Englisch, BWL, Gemeinschaftskunde. Manni war in der gleichen Klasse. HUa, es gibt immer noch einen Ordner im Regal, der so beschriftet ist. Handelsschule, Unterstufe, Gruppe a. B gab es auch, aber wir waren die Stadtklasse. Erste Wahl. Handelsklasse A sozusagen.

Wir trampten nach Amsterdam, Manni und ich und auf dem Rückweg über Harlingen nach Terschelling. Natürlich trampten wir nur bis Harlingen, die Fähre mussten wir schon bezahlen. Eine Hafenstadt im Regen, mehr als graue Nordsee und schaukelnde Schiffe ist da nicht mehr in meiner Erinnerung. Hafenstadt im Regen kannten wir ja, Leer hatte auch einen Hafen, ich kriege Heimweh, wenn ich darüber schreibe.

Dann Terschelling, Leute aus Leer auf einem Campingplatz in Midsland. Ein Camping im Regen und in fast vollständiger Dunkelheit. Ein Bauernhaus, vermutlich eine alte, umgebaute Scheune, kaum Licht, eine Theke, Musik, gute Musik natürlich, alle sind jung, alle haben lange Haare. Deutsch, Niederländisch, Englisch. Gevulde Koek, shag en blaadjes. Diese Erfahrung von jugendlicher Solidarität, von internationaler Nähe, von, ja eigentlich von: Das ist unsere Welt, we want the world and we want it now. Nichts hält uns auf, alles wird sich ändern, wenn wir groß sind. Ja, ich weiß.

Ich weiß nichts über Harlingen, außer dass es an der niederländischen Nordseeküste liegt und einen Hafen hat, von dem aus die Fähren nach Terschelling und Vlieland verkehren. Vlieland ist die kleinste der bewohnten Westfriesischen Inseln, aber immer noch größer als die größte der Ostfriesischen Inseln.

Eine Skulptur, ein Haus mit einer Gedenktafel. Ich lese sowas ja. Geboortehuis Simon Vestdijk. Auteur. 17 Oktober 1898 – 23 Mart 1971. Simon Vestdijk. Den hatte ich vergessen. Es ist völlig okay, ihn nicht zu kennen, aber es ist unverzeihlich, ihn zu vergessen, wenn man mal ein wenig Niederlandistik studiert hat. Vestdijk, das ist, nein, das war der Name in der niederländischen Literatur. Jetzt kriegt man seine Bücher kaum mehr antiquarisch. Ein manchmal unsentimentales Volk, die Niederländer. Als Nobelpreiskandidat gehandelt, 200 Veröffentlichungen, allein seine autobiografisch geprägte Anton-Wachter-Reihe umfasst acht Bände. Die Skulptur in der Fußgängerzone stellt natürlich Anton Wachter dar, Vestdijks Alter Ego. Ein viel- und wohl auch schnell schreibender Autor. Man sagte, er schriebe schneller, als Gott lesen könne. Er selbst soll gesagt haben, dass er so schnell schreiben würde, weil er neugierig auf das Ende wäre.

Noch eine Vestdijk-Geschichte. Der Mann zog, nachdem er sich entschieden hatte, seinen Beruf als Arzt zugunsten einer Existenz als freier Schriftsteller aufzugeben, nach Doorn. Das ist das Städtchen in der Nähe Utrechts, in dem unser alter Kaiser Wilhelm II. sein Exil verbrachte und im dem er auch darauf wartet, dass die Monarchie wieder in Deutschland eingeführt wird, damit er in heimischer Erde begraben werden kann, in Potsdam bestimmt. Also er wartet nicht wirklich, er liegt da in einem Sarg in einer Art Gartenhaus, Mausoleum wäre ein viel zu großes Wort dafür.

Aber andere Hohenzollern haben ja auch Jahrzehnte warten müssen, bis sie sich in Potsdam wieder erden konnten. Nachdem das 1.000 jährige Reich schnell, wenn auch nicht schnell genug, vergangen ist, die DDR ihren sozialistischen Gang ging und selbst Gerhard Schröder Angela Merkel weichen musste, halte ich ja nichts mehr für ausgeschlossen. Vestdijk also zog nach Doorn, heiratete spät und hatte noch zwei Kinder. Weil aber der Lärm der Kinder und der Rasenmäher, der Müllabfuhr und der Bromfietsen ihn nervte und aus der Konzentration riss, schaltete er in seinem Arbeitszimmer den Staubsauger an. Und während Vestdijk umheult von seinem Staubsauger einen weiteren Bestseller schrieb, stieg ich mit Manni in seiner Heimatstadt völlig ahnungs- und kulturlos auf die Fähre nach Terschelling. Was mir 2022 wieder passiert wäre, hätten wir nicht noch eine halbe Stunde Zeit gehabt. Und da soll doch einer sagen, dass früher alles besser war.

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5 Gedanken zu “Manni, kein Nobelpreis, ein Hafen und der Kaiser

  1. Und heute Morgen dachte ich – einfach so, wer weiß, was die Synapsen da wieder angestellt haben, dass ich unbedingt nochmal nach Leer muss, ich war nur einmal kurz dort vor Jahren, und wenn ich dort sein werde, werde ich auch nach Gedenktafeln schauen, denn das mit Vestdijk ist ja interessant, aber Gedenktafeln gibt es sicher auch in Leer. Vielleicht vom sittenwächterlichen Direktor? Soll ich ihr dann einen bösen Blick zuwerfen?

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