Hiddensee (2)

Hiddensee (2)

» Heute morgen verließ Ringelnatz das Haus in Badehosen, knallrote Badeschuhe, ein gelbes Tuch um den Kopf und eine bunte Tasche auf dem Bauch für Bernsteine, die er zu suchen beabsichtigte. Es ist wohl überflüssig zu bemerken, dass er nicht einen einzigen gefunden hatte «, das schrieb Asta Nielsen am 12. Juni 1929 in ihr Tagebuch. Keinen Bernstein zu finden, das gehörte lange Zeit auch zu unseren Strandbeschäftigungen. Auf Hiddensee haben wir unsere Aktivitäten aber um das keine-Hühngergötter-finden angereichert.

Hühnergötter sind nicht etwa geflügelte Eier legende Gottheiten, sondern Steine, die ein natürlich entstandenes Loch aufweisen. Am Enddorn, dem südlichen Ende der Insel Hiddensee, die übrigens auf der Landkarte wie ein zorniges Seepferdchen aussieht, gibt es Steilküsten und eine Menge Steine, die von den Gletschern der Eiszeit dort abgeliefert wurden. Die Steine liegen am Strand oder im Wasser, kleine Steine, große Steine, oder sie stecken noch in der Steilküste.

Wir kamen an einem Samstag an, gegen 18:00 Uhr, was an sich nicht weiter bemerkenswert wäre, allerdings ist es für meine Hypothese zum Nichtfinden von Hühnergöttern ein wichtiger Baustein. Hiddensee ist nämlich eine ordentliche Insel am Rande der Welt. Das mit dem Rand der Welt fühlt sich nur so an. Wenn man hinguckt, sieht man nämlich zunächst nur Hiddensee, dann Rügen, dann das Festland. Erst wenn  man sich umdreht, sieht man nichts außer der Ostsee.

Egal, es geht um Hiddensee und darum, dass diese Insel trotz des Rebellen- und Außenseiterimages, das sie zu DDR-Zeiten hatte, trotz ihrer immernoch zumindest stellenweisen Unaufgeräumtheit mehr einer kunstvoll verwuschelten Frisur als wahrem Ungekämmtsein ähnelt,. Was erzähle ich hier überhaupt?

Also Hiddensee ist eine deutsche Insel und damit ist eigentlich alles gesagt. Es gibt Behörden und Regeln und deshalb nehme ich an, dass das mit den Hühnergöttern auch ordentlich geregelt ist, denn deutsch sein heißt bekanntlich, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun. Und getan, da sind wir wieder bei meiner Hypothese, wird im Rathaus. Das Hiddenseer Rathaus steht in Vitte,  im größten Ort der Insel und es steht auch Rathaus dran, da gibt es also kein Vertun.

Ich nehme fest an, dass dort im Keller –  sonst würde es die ganzen Akten zustauben, die abgelehnten Baugenehmigungen und Anträge auf eine Ausnahmegenehmigung zur Nutzung eines PKWs – ein kurz vor der Pensionierung stehender Mitarbeiter in einem grauen Kittel und mit schütterem grauen Haar an einem Tisch aus alten Bootsplanken sitzt. Jemand, der sich damit auskennt, hat dort eine Tischbohrmaschine befestigt. Hinter dem Gemeidebediensteten erkennen wir auf einem Regalbrett eine Thermoskanne, eine Tupperdose und ein etwas staubiges Foto von einer Frau, einem blassen Mädchen und einem dünnen Hund. An der Wand hängt ein Abreißkalender, der den 8. November 1989 zeigt, auch wenn das Blatt offensichtlich mit einer Büroklammer nachträglich wieder befestigt wurde. Der Mann setzt die Sicherheitsbrille auf, wirft noch einen sehnsüchtigen Blick durch das vergittertete Kellerfenster, sieht zappelige Kinderbeine und gleich darauf ein Eis in den Sand fallen. Dann heult die Bohrmaschine kurz auf und wieder ist ein Hühnergott fertig.

Soweit klar? Die Nachfrage nach Hühnergöttern übersteigt die Möglichkeiten einer Moränenlandschaft, andererseits darf man die Wünsche der Touristen nicht einfach ignorieren. Behörden arbeiten aber auch auf Ferieninseln nicht an sieben Tagen in der Woche, deshalb werden die letzten Hühnergötter freitags im Verlauf des Vormittags produziert, in unbeschrifteten Kisten an die Steilküsten transportiert und von den Auszubildenden, angehenden Inselverwaltungsfachangestellten und Küsteninspektorenanwärterinnen so unauffällig wie möglich unter das bereits vorhandene Geröll gemischt.

Es hätte zwar die Möglichkeit gegeben, Hühnergötter aus chinesischer Produktion in größeren Stückzahlen und zu günstigeren Preisen zu beziehen. Die stets gleichbleibenden Steine, die sich bei Sonnenaufgang zudem immer nach Osten ausrichteten, irritierten allerdings die älteren Besucher der Insel, sodass wieder auf das in den zwanziger Jahren noch von Gerhart Hauptmann angeregte Verfahren zurückgegriffen wurde.

Klar? Freitags letzte Lieferung an den Strand, schönes Wetter, viele Besucher, da ist vor Montag, ach was, vor Dienstag nicht mit Nachschub an Hühnergöttern zu rechnen. Aber ich denke ja immer erst hinterher nach. Deshalb heißt es ja auch nachdenken.

9 Gedanken zu “Hiddensee (2)

  1. Angeblich – so erzählte es jedenfalls meine Mutter, die zwischen 1910 und 1925 jedes Jahr an der Ostsee Urlaub gemacht hat, gab es in der Zeit viel mehr Bernstein … kann natürlich auch ein Blick durch die rosarote Brille auf die eigene Kindheit/Jugend gewesen sein …

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