Komm, erzähl was

Komm, erzähl was

Komm, sag ich, erzähl mir eine Geschichte. So funktioniert es ja – wenn es funktioniert, wir erzählen uns die Geschichten, die wir dann weitererzählen. Was für eine Geschichte, frage ich dann meistens, um Zeit zu gewinnen, weil es ja eigentlich egal ist, was für eine Geschichte das wird. Nachts, wenn Elfie nicht schlafen kann, dann erzähle ich ihr auch Geschichten, Geschichten, von denen ich hoffe, dass sie möglichst wenig davon hören wird und wenn ich Glück habe und sie am anderen Morgen frage, was sie denn noch gehört hat, dann sagt sie: Nichts. Darüber freue ich mich, weil das ja der Zweck der Geschichte war, aber es ist natürlich auch ein bisschen schade, denn diese Geschichte ist dann vergangen wie die Nacht. Aber so schade ist es auch wieder nicht, weil es nämlich stille Geschichten sind, langsame Geschichten, in denen eigentlich nichts passiert, Geschichten, in denen ich einen Spaziergang mache oder eine Besichtigung. Ihr müsstet das mal hören, oder nein, vielleicht besser nicht, denn wenn ihr es hören würdet und es würde funktionieren, wie es funktionieren soll, dann würdet ihr spätestens jetzt gähnen und gleich, zwei drei Sätze weiter, ruhig und regelmäßig atmen, vielleicht mit einem kleinen Laut, nein, kein richtiges Schnarchen, aber so ein Geräusch, wie man es nur im Schlaf machen kann. Solche Geschichten sind das, von einem bekannten Weg, bei dem ich mich an jedes Haus und jeden Baum zu erinnern versuche und in fünf Minuten manchmal keine fünf Meter weit komme.

Aha, so eine Geschichte erzähle ich mir gerade, na, das reicht dann aber für heute, sonst schlafe ich dabei ein. Eine andere Geschichte? Eine von einer Reise, einer kleinen Reise, einer, bei der man nachts nach Hause fahren könnte, um dort zu schlafen, oder Socken zu holen, wenn man sie vergessen hat. Nach Nordhorn. Das liegt in der Grafschaft Bentheim und ich finde, das klingt schön. In der Grafschaft. Obwohl ich es mit den Kaisern, Königen, Fürsten und Grafen ja nicht so habe, weder als historische Figuren, die oft keine gute Figur gemacht haben, noch als aktuelle Großgrundbesitzer und Antragsteller. Nein, nicht auf staatliche Sozialleistungen, oder doch, vielleicht könnte man das ja auch so nennen. Millionen für Schlösser, die man verloren hat.

Puh, die Geschichte will ich auch nicht erzählen. Das ist nicht gut für meinen Blutdruck. Doch lieber eine von einem Spaziergang um den See.

Einen See hat Nordhorn auch. Den Vechtesee. Nordhorn ist unspektakulär. Ich hoffe, niemand aus der Grafschaft liest mit. Die Stadt war mal eine ganz große Nummer im Textilgeschäft. Also nicht im Textilgeschäft im Sinne von Tante Emmas Sockenladen. Ich weiß auch nicht, warum ich es heute immer mit Socken habe. Nordhorn produzierte in ein paar Webereien den Stoff für das Land und kaum einer bekam das mit. Nino war der größte Arbeitgeber und so eine Weberei war schon etwas anderes als der kleine Webrahmen, mit dem man in den siebziger Jahren farbige Läppchen produzierte. Meine Schwester machte das, ich kann nichts, was mit Garn und Stoff zu tun hat, na gut, vielleicht „Die Weber“ lesen. Gerhart Hauptmann. So einer bin ich. Praktisch unpraktisch. Das Gelände, nein, eines der Gelände, die nach dem Ende der Textilproduktion in Deutschland zu Industriebrachen wurden, wird gerade wiederbelebt. Entgiftet. Da grübelt man schon, was die Leute tragen mussten. Zum Glück wird das ja nicht mehr bei uns produziert, sondern in Asien. Obwohl ich nicht so genau weiß, zu wessen Glück. Gesünder ist die Produktion wohl nicht geworden, aber viel billiger natürlich und das ist ja auch was wert.

Oh Mann, nachdem ich gerade die Hohenzollern verärgert habe, schlage ich mich jetzt auch noch mit der deutschen Wirtschaft rum. Das ist kein guter Tag für einen Text. Ich lasse das besser und erzähle heute Nacht weiter, bei diesem Baum hatte ich aufgehört, dem mit den Falten um die Füße, der am Ufer des Emssees steht. Gleich neben dem Busch, der jetzt im Herbst noch Blätter hat, so graubraune, ganz unspektakuläre, wie Nordhorn.

Bild: Philippe Jolyet, Public domain, via Wikimedia Commons

11 Gedanken zu “Komm, erzähl was

  1. Jetzt tust du Nordhorn aber Unrecht. Klar ist der Vechtesee klein, aber mit den kleinen Booten vom See aus bis in die Stadt zu fahren, dort anzulegen, ein Eis oder eine andere Erfrischung genießen und dann langsam wieder zurückfahren – das hat schon was. Nicht zu vergessen die herrlich bunten Blätter, die so herrlich rascheln, wenn man bei Kloster spazieren geht. Und das gemütliche Café Samocca, das in der alten Weberei entstanden ist und wo Inklusion bei den Arbeitskräften kein Thema ist. Und das Nordhorner Festival… und der Zoo… Nö. Ist nicht grau. Ist bunt. Wie Stoffe. 😊

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    • Ach, ich mag Nordhorn eigentlich auch ganz gern und Nordhorn ist sicher auch nicht unspektakulärer als viele andere Städte auch. Der See, die Kanäle, das Kloster und auch die Gastronomie, klar, schön. Die VHS natürlich. Ich mag auch die architektonische Strenge des ehemaligen NINO-Geländes. Aber ich nörgele und spotte auch mal ganz gern.

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  2. Es ist doch wunderschön wenn einem als Erwachsenen noch Geschichten zum einschlafen erzählt werden. Gut, der Geschichtenerzähler muss das natürlich als Kompliment nehmen, dass einer so herrlich einschläft während der andere erzählt. Eingeschlafen bin ich beim Lesen deiner Erzählungen noch nie. Aber das sind ja auch die Blog Erzählungen.

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  3. Ohne Geschichten klappt gar nichts. Wir wüssten nicht wie wir entscheiden können, was wir kaufen können, wie wir uns unterhalten und unterhalten werden könnten. Und, ganz richtig, der beste Weg einzuschlafen war der Anfang des Hörbuches „Fräulein Smilla’s Gespür für Schnee“, das ich bis heute noch nicht zuende gehört habe, da ich sicher nach wenigen Minuten, in einer geradezu kindlichen Variante erschöpft, einschlafen muss. Wie in einer Leistungsgesellschaft nicht anders zu erwarten, hatte auch die damalige Literaturkritik nicht viel Gutes an dem Skandinavien-Krimi gefunden. Ich weiß auch nicht, warum es dieses Hörbuch nicht als Einschlafhilfe in der Apotheke oder im OP gab oder es im Auto zu hören verboten wurde, wo doch später der Gebrauch eines Mobiltelefons am Steuer sanktioniert wurde. Aber eines steht fest: Geschichten, gute und sogar auch schlechte, haben einen Vorteil, nämlich dass sie, in voller Länge erzählt, zumindest Unterhaltungswert haben, und nur unvollkommen wahrgenommen ebenso nützlich sind, ganz anders, ja gegenteilig. Einerseits dekorieren sie die wache Zeit, andererseits gestatten sie der Wachheit jederzeit Abwege, das galante Gleiten in eine vom Schlaf übernommene Zeit. Ein Leben ohne Geschichten ist eigentlich unmöglich, in jedem Fall ungesund, verdammt langweilig und psychotherapeutisch unbrauchbar. Gründe genug, gleich nach dem Aufwachen mit einem ausführlichen Bericht über die Träume zu beginnen, wieder lauter Geschichten, verrückte.

    (Schöne Inspiration, Manfred! Grüße!)

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