Unsichtbar

Unsichtbar

Selbstporträt Jean Siméon Chardin, Public domain, via Wikimedia Commons

Für einen Text, der ohne Brille geschrieben wurde, ist das noch ganz okay, denke ich, während ich das gerade schreibe, dabei habe ich meine Brille doch auf und es gibt Leute, die schreiben ihre Texte immer ohne Brille, aber die brauchen auch keine oder sie nehmen sie extra ab zum Schreiben, wie mein ehemaliger Chef, ich wollte gerade schreiben: mein alter Chef, aber es hätte eh beides gestimmt, denn er war mein ehemaliger Chef und er war ein wirklich alter Chef, also gut Mitte achtzig, also wenn das nicht alt ist, jedenfalls nahm er zum Lesen immer die Brille ab und beugte sich gefährlich weit vornüber, bis seine Nasenspitze fast das Papier berührte und wir dachten manches Mal, wenn wir ihn so sitzen sahen, dass er nun so gestorben wäre, wie er sich das immer gewünscht hatte, nämlich in der Schule, also im Klassenraum seiner eigenen Schule, eines privaten Bildungsträgers und ich brauchte schon damals eine Brille, um lesen oder schreiben zu können, aber nicht, um ihn an seinem Tisch zu sehen, wie er da saß und las, der kleine Mann in dem immer zu großen Anzug, obwohl, vielleicht hatte der mal gut gepasst und mein alter Chef war bloß immer kleiner und schmaler geworden, bis er dann eines Tages ganz verschwunden war, aber das passierte dann doch nicht so, wie er sich das gedacht hatte, sondern kurz nachdem die letzte Gruppe, die wir unterrichteten, ihren letzten Unterrichtstag hinter sich gebracht und ich die Schule abgeschlossen und den Schlüssel weggeworfen… nein, das stimmt nicht, ich habe ihn in den Briefkasten gesteckt, jedenfalls war mein Exchef da schon im Krankenhaus und hatte eine böse Diagnose erhalten, eine, gegen die es keinen Einspruch mehr gab und ich habe ihn noch im Hospiz besucht, wo er klein und verloren da lag und doch immer noch darauf wartete, dass Fragen an ihn gestellt würden, die er beantworten wollte, so wie er es so lange getan hatte und ich weiß nicht, ob ihm noch eine Frage gestellt wurde und ob er sie beantworten konnte, aber ich war dann auch dabei, als er beerdigt wurde, er war übrigens mein erster Chef, an dessen Grab ich gestanden habe, das bedeutet sicher etwas, möglicherweise, dass er eben mehr als nur ein Chef war, sondern so ein Patriarch, wie es sie nicht mehr so oft gibt und wie wir sie eigentlich auch nicht mehr wollen, aber wenn so einer alt wird und mit einem nachsichtigen Blick auf die Welt schaut und weiß, dass alles immer irgendwie funktionieren wird und keiner ihm glaubt, weil wir alle wussten, dass es so nicht klappen könnte und wir deshalb alles möglich angestellt haben, um es doch zum Laufen zu bringen und es dann schließlich doch geklappt hatte, dann hatte er ja doch wieder recht gehabt und drückte uns ein paar Euro für ein Eis in die Hand oder für Zigaretten und seine Frau spottete mal über mich, weil ich mich auf den Beifahrersitz gesetzt hatte, als er irgendwo hin musste und ich dabei sein sollte und sie dann meinte, dass sie schon lange nicht mehr mit ihm gefahren wäre, weil er so schlecht sah, aber dann hat er sich die Augen lasern lassen oder was man mit Augen so tut und er sah wieder wie ein Adler und meinte, er würde auch wieder Auto fahren wollen, aber damit hat er dann doch nicht wieder angefangen, was mich an einen anderen alten Herren erinnert, der, auch schon hoch betagt, mit seinem Auto in der Ausfahrt seines Grundstücks darauf wartete, dass sich eine Lücke im Verkehr auf der Straße vor dem Haus auftun würde und irgendwann die Geduld verlor und einfach losfuhr und das ging immer gut, aber irgendwann verkündete er zur Freude seiner Angehörigen, dass er das Auto verkaufen wollte und wie sie ihm alle zu diesem weisen Beschluss gratulierten, erzählte er ihnen, dass er nun ein Motorrad kaufen wolle, aber das war zum Glück nur ein Scherz, aber vielleicht hat er auch nur so lange in der Ausfahrt gestanden und immer wieder ein wenig Gas gegeben, weil er nicht mehr so gut sehen konnte und das ist ja auch mein Problem, nicht gerade jetzt, bei diesem Text, den schreibe ich mit meiner Lesebrille, aber ansonsten fast ununterbrochen, weil ich nämlich gestern meine Brille verloren habe und ich weiß nicht, wo das passiert ist, okay, das ist wohl die Regel beim Verlieren, sonst ist das Finden ja auch zu einfach, aber wir haben schon überall gesucht, was natürlich nicht stimmt, weil überall, das kann ja keiner schaffen, da wäre eine neue Brille ja viel schneller fertig, aber die Erfahrung lehrt uns ja, dass wir da suchen müssen, wo wir etwas nicht vermuten, aber das leuchtet mir auch nicht ein, denn wenn ich jetzt nach China fahre, denn da vermute ich meine Brille nun wirklich nicht, dann wird sie dort auch nicht sein, während sie bestimmt irgendwo ist, wo ich sie vermute, nur, dass sie sich böswillig vor mir versteckt hält, falls Brillen das können, nein, eigentlich glaube ich das nicht, aber wenn ich nicht gut aufpasse, dann denke ich es doch gleich wieder, dass sie irgendwo liegt und sich absichtlich so gedreht hat, dass sie kein Sonnenstrahl aufblitzen lässt, obwohl, es ist meine Brille, die blitzt nicht so leicht, jedenfalls, wenn man katholisch wäre, könnte man einen zuständigen Heiligen anrufen, Antonius ist das glaube ich, was man hier im Münsterland gern mal zu Tönnes macht und wir haben sogar einen Ort, der Tönneshäuschen heißt, also eigentlich Isendorf, aber nur wegen der Kapelle des heiligen Antonius seinen Namen bekam, eine Skulptur von ihm, nee, mit ihm gibt es dort auch, vielleicht sollte ich ihn doch mal anrufen, oder checken die vorher in einer Art Kartei die Vereinszugehörigkeit und man bekommt einen Ablehnungsbescheid wegen fehlender Zuständigkeit und muss dann den evangelischen Landesbischof anrufen und der steht vermutlich im Telefonbuch und sagt in salbungsvollem Ton, dass ich besser auf meine Plörren aufpassen und dafür nicht Erde und Himmel in Bewegung setzen solle, aber das brächte ja auch nichts, während der Antonius, falls er es denn war, in Brasilien, wenn er trotz Anrufung nicht dafür gesorgt hat, dass, was verloren war, sich wiedereinfindet, in den Kühlschrank kommt und das ist nicht nett gemeint, obwohl es in Brasilien ja schon mal sehr heiß werden kann, aber wenn man nicht dran glaubt, dann wäre es irgendwie unfair, einen Antonius in den Kühlschrank zu stecken, obwohl ich vermutlich den Antonius, wenn ich denn einen besessen hätte, inzwischen auch verbummelt hätte und dann einen neuen bräuchte und so ginge es dann weiter, bis ich einen Devotionalienhandel aufmachen könnte, der aber schnell insolvent wäre, weil ich ja nicht richtig sehen könnte, was die Sachen kosten und ob die verehrte Kundschaft auch ehrlich bezahlt, da ist es so schon besser, obwohl, gut ist es ohne Brille auch nicht.

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Ein Gedanke zu “Unsichtbar

  1. Wenn ich einen Text schreibe, ich gebe aber zu, dies gilt nur für das Smartphone, nicht für Texte auf dem Laptop geschrieben, wenn ich also einen Text auf dem Smartphone schreibe, dann schreibe ich ohne Brille, jawohl, ganz ohne Brille, weil ich das Smartphone mit den Händen vor meinen Augen so justiere, dass ich keine Brille benötige, um einen Text zu schreiben, es, das Smartphone, exakt in der für meine Sehschwäche richtigen Entfernung vor den Augen halte und einen Text verfasse, der, weil auf dem Smartphone geschrieben (und schon des umständlichen Tippens wegen) immer viel kürzer ausfällt, nein, ausfallen muss, als beispielsweise einer, den ich auf dem Laptop verfasse, nicht nur, weil ich am Laptop stets eine, nämlich meine Brille trage, sondern, sobald ich eine physische Tastatur unter den Händen weiß, meine Texte, egal wovon sie handeln, automatisch, dank der physischen Tastatur wie gesagt, länger werden als die auf dem Smartphone getippten, welche ich, weil sie so kurz sind, gern mit Smilies aller Art versehe, sprich aufpeppe, was leider nicht immer den Geschmack meiner Adressaten trifft, die, genau wie viele, Schwierigkeiten mit und ohne Brille beim Lesen haben und meine Smilies, ob zu Recht oder Unrecht, das sei dahingestellt, falsch interpretieren… 😉

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