Augen auf und durch

Adolfo Hohenstein (1854–1928), Public domain, via Wikimedia Commons

Sag ich’s oder sag ich’s nicht? Aber vermutlich sind die Würfel ja längst gefallen, alle Entscheidungen ohne das Zutun meines Bewusstseins getroffen und ich – also der, der nach außen verantwortlich ist für all das, was hier verzapft wird – stehe oder besser sitze nun da und muss damit fertig werden.  John-Dylan Haynes, Hirnforscher an der Charité, ja, es gibt dort nicht nur Virologen und Leute, die Nawalny behandeln, hat sich – und das wollte ich nun wirklich nicht hier ausbreiten, oder vielleicht ja doch, vielleicht ist es das, was Haynes meinte bzw. erforscht hat – also ich fange besser einen neuen Satz an.

Haynes hat sich mit der Frage des freien Willens beschäftigt, die mir im ersten Satz dieses Textes in die Quere kam. Dabei geht es nicht um so etwas wie Gedankenfreiheit, die man von einem rabiaten Despoten oder einem weisen Herrscher einfordern könnte, sondern darum, ob der Mensch tut, was er will oder ob dieser sein Wille schon vorbestimmt ist. Nicht im großen Buch des Schicksals, in dem alles, was mir widerfahren wird, schon geschrieben steht und das ich gern mal lesen möchte, oder nein, doch nicht, sondern ob das Gehirn Entscheidungen trifft, die dem Bewusstsein dann als seine eigenen Ideen verkauft werden, so wie man das mit einem Vorgesetzten auch macht, wenn man erfolgreich sein will.

Es gab dazu schon Tests, bei denen die Teilnehmer zu einem beliebigen, von ihnen frei zu wählenden Zeitpunkt den Arm heben sollten. Schaut man sich die Abläufe in ihrem Gehirn an, kann gezeigt werden, dass dort schon vor der Bewegung die Entscheidung fällt. Da gibt jemand den Startschuss und dann wird der Arm gehoben. Hayes gelang es, zu zeigen, dass Menschen diese Entscheidung sozusagen überstimmen können, wenn ihnen genügend Zeit bleibt, aber auch dann nur in etwa 40 Prozent der Fälle. Also nicht ganz so oft. Hayes sieht unseren Willen also auch nicht gerade als sonderlich frei an, sondern ist der Auffassung, dass Gene, Erfahrungen, Umwelteinflüsse und unsere eigenen, schon gedachten Gedanken, unseren Willen prägen. Mein Wille ist also das Produkt von vielen Faktoren und keineswegs das, was mir da gerade einfällt.

Also sag ich es, ist ja eh schon entschieden: Opern sind nicht meine Welt. Das ist sicher eine Frage der Erfahrung, so wie mir im Alter von 18 oder 19 ein trockener Rotwein nicht ins Glas gekommen wäre, während ich ein herbes Bier, das ich zehn Jahre zuvor nicht angerührt hätte, sehr wohl mundete. „Oliven liebt man erst später“, steht bei Christa Hartwig. Mit etwas Glück und gutem Willen hätte ich also vielleicht auch ein Opernfreund werden können. Jetzt aber: Neulich schaltete ich mich mal wieder durch die Fernsehprogramme und landete bei einer Opernaufführung. Aus mehreren Gründen, deren Erläuterung nun wirklich zu weit führen würde, hatte ich den Ton schon abgestellt und konnte ihn über die Fernbedienung auch nicht wieder aktivieren. Wozu auch, Oper ist ja nicht meine Tasse Tee, oh, das war ein Bezug zu Harry Mulischs Entdeckung des Himmels, nur für die Literaturwissenschaftler.

Es war dann aber doch sehr schön. Ein etwas übergewichtiger Mann und eine recht beleibte Dame, ich darf das hoffentlich so sagen, ich fühle mich zwar schlank, bin es aber längst nicht mehr, öffneten abwechselnd den Mund wie ein Fisch, der an Land nach Sauerstoff ringt oder was auch immer Fischen an Land fehlen mag. Die Szene wurde untertitelt, vermutlich, weil es sich um eine italienische Oper handelte, es wurde eine gewisse Tosca thematisiert und die Toskana liegt ja in Italien. Offenbar war der gesungene Text nicht gerade abwechslungsreich, denn man kam mit recht wenigen Untertiteln aus, die die spärlichen Bewegungen des nach Luft ringenden Paares ausdeuten sollten. Es war schön, es war lustig und es war sehr still. Ich glaube, ich mag Opern jetzt auch. Ein Anfang ist jedenfalls gemacht.  

 

https://www.berliner-zeitung.de/zukunft-technologie/hirnforschung-in-berlin-wie-frei-ist-der-wille-des-menschen-wirklich-li.39412

10 Gedanken zu “Augen auf und durch

    • Musik, auch klassische Musik, erreicht mich und berührt mich. Aber so, wie mich Literatur aus dem 18. oder 19. Jahrhundert selten, sehr selten erreicht und berührt, so lässt mich auch die Oper kalt. Eine Entwicklung, die gerade in den Niederlanden aufzutauchen scheint, irritiert mich allerdings. Die Oper, die lange der Inbegriff der Bürgerlichkeit war, wird dort offenbar gerade als linkes Hobby entdeckt. Ich fürchte, ich passe nicht mehr in diese Welt.

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      • Als linkes Hobby? Das verstehe ich nicht.
        Ich hatte schon immer ein Ohr für klassische Musik, aber mit der Oper nicht viel am Hut. Irgendwann habe ich dann einen Opernliebhaber kennengelernt, der wusste alles und kannte sich gut aus. Er hat mir die Oper beigebracht, wie er immer so schön sagte 😀 und mich später mit in die Stuttgarter Oper genommen, wo er im Zuschauerraum zum Inventar gehörte. Meine erste Lektion: ich sollte die Ouvertüre der Zauberflöte so oft anhören, bis ich sie auswendig unter der Dusche pfeifen konnte. Ja, und so fing alles an. Ich hatte das Klassikohr und er die Leidenschaft für die Oper. So einzigartig, dass es funktioniert hat und übergesprungen ist. 😅

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  1. Wunderbar (und nicht nur, weil Du mich erwähnt hast – Danke!). – Wie es mit dem freien Willen bestellt ist – daran beginnt man spätestens zu zweifeln, wenn man – als Laie – je mit Menschen in Berührung kam, die sich auf Grund einer psychischen Erkrankung plötzlich sehr verändert haben. Aber das ist ein weites und leidiges Thema. Da gehe ich doch lieber ins Detail: Ich glaube, es war der großartige Syd Field, der jungen oder angehenden oder auch nur werden möchtenden Drehbuchautoren empfahl, sich Filme ohne Ton anzusehen und dann oder davor (die Reihenfolge habe ich vergessen) den selben Film nur anzuhören. Eine interessante Erfahrung.
    Sehr empfehlenswert auch:

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  2. Also, ich kann nur die Zauberflöte empfehlen. Hab sie schon ein paar mal gesehen, einige Male live, dann wieder im TV. Den Papageno kann ich mittlerweile mitsingen. Nur live ist es gar kein Vergnügen und führt stets zu Auseinandersetzungen, wenn die Sitznachbarn dann doch lieber dem Original auf der Bühne lauschen möchten… 😉

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