Weihnachtswünsche (2)

Robert Seymour (1798 – 1836), Public domain, via Wikimedia Commons

Zweiter Teil und Schluß

Es klingelte bei Ella Sebener und als sie nachschaute, stand ein gut gefüllter Sack vor ihrer Tür, den sie sogleich in den kleinen Flur ihrer Wohnung zog. Irgendwo in ihrer Wohnung rumpelte es und sie hielt irritiert inne, bevor sie den Sack absetzte, da klingelte auch schon das Telefon und die nette junge Dame von der Prävention, ach, die war ja überhaupt nicht nett und auch keine Polizistin und Ella hätte ihr fast die Meinung gesagt, kündigte an, dass gleich der Kollege vorbeikäme, um ihre Wertsachen in Sicherheit zu bringen, sie möge doch bitte den Sack jetzt vor die Tür stellen. Ach ja, der Kollege sei, um die Ermittlungen nicht zu stören, als Weihnachtsmann verkleidet. Eine gute Idee, wie Ella fand, doch während sie noch den Hörer auflegte und den Sack wieder in Richtung ihrer Wohnungstür zerrte, klingelte erneut ihr Telefon. Lichte. Ihr Nachbar aus dem zweiten Stock. Ach ja. Sie erinnerte sich. An ihn.

Dritter Stock, hatte die Chefin gesagt. Bei Sebeners steht der Sack mit den Wertsachen vor der Tür. Dass die Leute immer noch auf diese Masche reinfielen, dachte Bullen-Timo, wie ihn die Kollegen nannten, weil er sonst immer in Uniform auflaufen und die Schore einsammeln musste. Unglaublich, obwohl doch in jeder Zeitung gewarnt wurde. In der Weihnachtszeit war das Risiko ertappt zu werden gleich noch mal niedriger. Mit dem Weihnachtsmannkostüm war er kaum zu identifizieren und die Maske sorgte für den Rest. Ah, da stand ja schon der Sack. Und jetzt ab.

Die Absprache, Herr Lichte? Nein, hatten sie etwas vereinbart? Nicht schlimm, der Sack mit den Geschenken für Theo? Ja, klar. Ella erinnerte sich. Es rumpelte wieder, was das wohl war. Ja, sie würde den Sack gleich reinholen und dann wieder herausgeben an den Weihnachtsmann. Ihr war etwas schwindelig, als sie auflegte. Jetzt nur nichts verwechseln, dachte sie. Der Sack, den sie gerade reingeholt hatte, musste wieder vor die Tür, den von Lichtes musste sie dafür hereinholen. Sie zerrte den Sack weiter zur Tür, öffnet sie – und da war nichts. Kein Sack. Sie schloss die Tür, öffnete sie erneut und da war immer noch kein Sack. Sie griff zum Telefon.

„Lichte“, meldete sich eine Frau. Ella musste sich erst sortieren, dann erklärte sie, dass da kein Sack war, obwohl doch Herr Lichte sie deshalb angerufen habe. Sie hörte, wie sich ein Stockwerk tiefer eine Tür öffnete, bestimmt Herr Lichte, der jetzt den Sack hochbringen wollte.

„Frohes Fest.“ Der Weihnachtsmann kam aus dem dritten Stock und der Sack, den er mit sich trug, war eindeutig der, den Theos Vater gerade nach oben getragen hatte.

„Daniel?“

„Nee, das muss ein Irrtum sein“, ertönte eine Stimme, die Theos Papa nicht kannte. Wenn das nicht Daniel war, dann versuchte gerade jemand Theos Weihnachtsgeschenke zu klauen. Aber nicht mit Theos Vater, der griff, was er gerade erwischen konnte.

„Finger weg von meiner Kapuze.“

Der Kerl ließ den Sack fallen, nachdem Theos Vater ihn am Schlafittchen packte und wand sich aus seinem roten Mantel. Die Situation drohte zu eskalieren, als plötzlich die Sirene eines Streifenwagens ertönte. Schon war der Mann, der gerade noch seine Beute mit Gewalt zu verteidigen bereit schien, auf dem Weg die Treppe hinab. Theos Vater hob den Sack mit den Geschenken auf und nahm den SEK-Truck heraus. Irgendwo musste sich der Sound doch wieder abstellen lassen.

„Hallo? Polizei?“ Irgendetwas ging doch hier vor. Säcke tauchten auf und verschwanden, es rumpelte in ihrer Wohnung und dann ging auch noch eine Sirene los. Ein Rumpeln hinter der Tür, die sie, dass hatte sie Erich schwören lassen, nie öffnen dürfe, nie. Bei ihrem Leben. Und er hatte das auch so gemeint, das hatte sie ihm angesehen. Aber nun war Erich tot. Galt da so ein Eid noch? Aber sie brauchte die Tür nicht selbst öffnen, es war ja die Polizei im Haus. Hallo, rief sie nochmals ins Treppenhaus. Ist hier jetzt noch jemand von der Polizei? Ich bräuchte nämlich mal Hilfe. Gleich schaute von oben ein rotbemützter weißbärtiger Geselle über das Treppengeländer. Weiter unten legte ein Weihnachtsmann, wenn auch ohne seinen roten Mantel, eine gänzlich unweihnachtliche Eile an den Tag. Er spurtete die Treppe hinunter, schupste einen ihm entgegenkommenden Weihnachtsmann, den Theo zum Glück auch nicht bemerkt hatte, aus dem Wege , um dann vor der Haustür von zwei hünenhaften Engeln freundlich aber bestimmt dazu aufgefordert zu werden, sie zur Feststellung seiner Personalien zur Wache zu begleiten.

Der andere Weihnachtsmann, der von oben, war unterdessen dem rätselhaften Rumpeln nachgegangen, hatte die verbotene aber auch verschlossene Tür fachgerecht geöffnet und war dem Christkind begegnet. Jedenfalls waren die Locken goldig und das Kleidchen kurz. Die junge Dame stellte sich jedoch als Gina Niebert vor, die aktuelle Lebensgefährtin Erichs, dessen untere Körperhälfte noch aus dem etwas engen Dachfenster ragte, durch das er sich, nachdem er seinen Tod offenbar überlebt hatte, einer Verfolgung wegen Versicherungsbetrugs hatte entziehen  wollen. Niebert, dachte sich Ella, war das nicht der Name des Hauptgläubigers, der die Versicherungssumme gepfändet hatte? Später, beim Verhör, erklärte Gina, dass die geplante Seereise mit dem One-Way-Ticket in die Karibik coronabedingt ausgefallen sei und ihnen als einziges Versteck noch Erichs Werkstatt geblieben wäre. Für ihre persönliche Zukunft würde sie nach dieser Erfahrung allerdings Einzelhaft vorziehen.

Ella, die nach all dem Schmerz ihren Erich wiedersah, okay, zunächst nur sein breites Gesäß und seine zappelnden Beine, stellte zu ihrer eigenen Überraschung fest, dass er offensichtlich noch lebte, für sie aber gestorben war. Die nächste Überraschung erlebte sie, als unter ihrem kleinen Weihnachtsbaum eine Visitenkarte lag. Neben dem Namen und der Telefonnummer fand sich dort ein weihnachtlicher Gruß von ihrem zuständigen Kontaktbereichsbeamten und diensthabenden Weihnachtsmann, der darum bat, in allen Lebenslagen, vor allem aber bei akuter Einsamkeit angerufen zu werden.

Während sich die Ereignisse überstürzten, hatte Theo in der Wohnung im zweiten Stock brav am Fenster gehockt und darauf gewartet, dass der Weihnachtsmann endlich käme. Geklingelt hatte der nämlich nicht, sondern war, begleitet von zwei Engeln und ohne seinen roten Mantel, mit einem Streifenwagen davon gefahren. Schließlich war Theo müde geworden, etwas, das Kindern am Heiligen Abend natürlich nicht passiert und sicher auch kein Zufall war, denn als er die Augen wieder öffnete, verwundert, dass er auf dem Stuhl vor dem Fenster eingedöst war, leuchtete und glitzerte das Zimmer und ein ganzer Haufen Geschenke, mehr als er je erhofft hatte, türmte sich in der Ecke. Als ihn dann noch das Glöckchen an die Haustür rief, wo noch ein paar Geschenke auf ihn warteten, war das Weihnachtsfest perfekt. Nur Theos Vater wunderte sich über die Rentierspuren in der Küche.

Fröhliche Weihnachten!

Manfred

 

 

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