Auch ich

Auch ich

Ich hatte nur wenig und schlecht geschlafen, weil irgendwo in der Nachbarschaft bis weit nach Mitternacht gefeiert worden war und jetzt klingelt auch noch der Wecker. Das hatte er schon so lange nicht mehr getan, dass ich mir nicht mal die Mühe gemacht hatte, ihn auf die Winterzeit umzustellen. Er sollte nicht klingeln, klingeln schon mal überhaupt nicht. Mein Wecker piepst. Schnauze, nuschele ich dann und bekomme noch zehn Minuten Schlaf geschenkt. Dieser Wecker klingelt und ist völlig immun gegen eine entschiedene Ansprache. Wie stellt man den ab? Ich weiß es nicht, aber meine Finger finden selbstständig einen kleinen Metallhebel und schieben ihn zur Seite.

Ruhe.

Es ist dunkel und kalt. Ich ertaste die Lampe auf dem Bettkasten am Kopfende der Schlafcouch und noch bevor das Licht angeht, weiß ich, was ich sehen werde, so sicher, wie ich es an jedem anderen, gut, an fast jedem anderen Morgen meines bisherigen Lebens gewusst habe. Nur, dass es nicht richtig ist, das zu sehen, dass es nicht sein kann. Aber sag mal der Realität ins Gesicht, das sie gerade einen Fehler macht, dass sie etwas durcheinander gebracht hat und dass du jetzt die Augen zumachst, bis drei zählst und dann hoffentlich alles wieder seine Richtigkeit hat. Nein, es sind nicht sechs Beine, die mir Sorgen machen, ich weiß, dass ich nicht Gregor Samsa und erst recht kein Käfer bin.

Still jetzt.

Jemand geht über den Flur und ich fürchte kurz, dass die Tür aufgeht und ich reinkomme. Ach, eigentlich befürchte ich sogar, dass überhaupt irgendwer reinkommen könnte.

Jetzt aber mal langsam.

Ich weiß, wo ich bin und wer ich bin. Obwohl: Da bin ich mir schon nicht mehr ganz so sicher. Es scheint eine gewisse Differenz zwischen Körper und Geist zu geben. Ich bin immer noch ich, wenn auch in einer längst überholten, völlig aus der Mode gekommenen und etwas zu klein geratenen Siebziger-Jahre-Ausgabe. Und da wir gerade dabei sind: Den Körper würde ich schon behalten wollen.

Es war nicht alles schlecht, damals.

Ich –  noch nie war ich mir so unsicher bei der Verwendung dieses Personalpronomens, gut, mein Ich des Jahres 2020, kurz mein Ich.2020, steckt im Körper des Ich.1970. Fragen Sie bloß nicht, woher ich weiß, dass es 1970 ist, denn dann müsste ich jetzt einen Radiowecker mit Datumsanzeige erfinden, den gab es in meinem Zimmer nämlich nicht. Ich weiß es einfach und überhaupt ist das nun wirklich mein kleinstes Problem.

Gleich werde ich aufstehen, denn es bringt vermutlich nichts, die Decke über den Kopf zu ziehen und abzuwarten. Ich taste nach meinem Handy. Blöde Idee. Das liegt auf einem anderen Nachttisch. Egal, hätte eh kein Netz. Schade, ich hätte die HUa, die Handelsschule Unterstufe, Klasse a, ach was, die ganze Schule damit schwer beeindruckt, denn noch ist der Kassettenrekorder das Nonplusultra.

An dieser Stelle ist es sicher angebracht, unsere Hauptperson, also mich, kurz allein zu lassen und die theoretischen Grundlagen des Zeitreisens zu erläutern. Diese Reisen beschäftigten nämlich nicht nur Stephen King, sondern auch Stephen Hawking. So gab der Astrophysiker eine Party, zu der keine Gäste erschienen, was einerseits bedauerlich, andererseits aber auch nicht wirklich überraschend war, weil Hawking die Einladung erst nach der Party aussprach. Hätten, so argumentierte er, zukünftige Menschen die Einladung gesehen, wären sie sicher zu seiner Party gekommen. Dass sie nicht kamen beweise, dass es keine Zeitreisen gäbe.

Mit Hawkings Experiment war das Thema keineswegs durch. Vor und nach ihm gab es viele, die sich Gedanken dazu machten und Zeitreisen mal für möglich, mal für völlig ausgeschlossen hielten. Die Einstein-Rose-Brücke soll hier genannt werden, aber auch der deutsche Astrologe und Sternekoch Erich von Döneken. Er war davon überzeugt, dass ungewollte Schlafunterbrechungen dazu führen können, dass man nicht nur unausgeschlafen, sondern in der falschen Zeit aufwacht. Manchmal, so von Döneken, stehe man dann einfach nur um vier Uhr nachts auf dem Bahnsteig, ein andermal aber mit Napoleon vor Moskau, weil man sich beim Träumen heftig vergaloppiert habe. In solchen Fällen riet von Döneken, den Abstand zur eigenen Zeit nicht zu groß werden zu lassen und möglichst schon in der folgenden Nacht die Rückkehr zu versuchen. Doch zurück in die Vergangenheit.

1970 ist das Jahr, in dem Hendrix auf Fehmarn spielt, vielleicht kann ich noch eine Karte kriegen. Ich.1970 hat sich darum nicht gekümmert, wozu auch. Irgendwann würde Hendrix ja sicher auch in Oldenburg spielen oder in Groningen oder in der Aula der Berufsbildenden Schulen auf der Blinke, dort, wo ich schon die Lords gesehen hatte. Allerdings gibt es ein entscheidendes Hindernis: Taschengeld. Das reicht gerade mal für ein Bier am Wochenende, nicht für eine Reise, eine Eintrittskarte und ein Minimum an Shit. Am Morgen ein Joint und der Tag ist dein Freund, so steht es irgendwo an der Wand meines Zimmers. Kein Handy, aber Blättchen und Tabak. 

Ich setze einen Fuß auf den Boden. So wie die Bettcouch steht, bin ich wohl jahrelang mit dem linken Bein zuerst aufgestanden. Das erklärt einiges. Das Bein bestimmt das Bewusstsein. Jetzt stehe ich hier, auf dem kalten Fußboden meines heißgeliebten Zimmers. Wo ist er, falls man von sich selbst in der dritten Person denken kann. Also wo ist Ich.1970? Es sieht so aus, als sei Ich.2020  mit interstellarem Speed in meine eigene Vergangenheit hineingeplumpst, da ist es kaum verwunderlich, dass mein Ich.1970 schlicht verdrängt und sonst wohin katapultiert wurde. Hoffentlich nicht in mein Schlafzimmer des Jahres 2020. Die Verwicklungen wären überhaupt nicht auszudenken. Einen Moment lang grübele ich über Eifersucht nach, aber das wird alles viel zu kompliziert.

Ich ziehe an, was so da ist: eine schwarze, knallenge, auf den Oberschenkeln bis zur Fadenscheinigkeit verschlissene und ziemlich kurze Cordhose, dreiviertel nennt man das vielleicht später, ein weit geschnittenes weißes Hemd und einen noch größeren, weil ziemlich ausgeleierten lila Pullover. Dazu riesige Boots. Meinen Parka, der alles andere als ein Bundeswehrparka ist, nur halb so lang und dafür mit einem Pelzrand an der Kapuze. So ein Mädchenteil,  fehlte nur noch, dass er pink ist. Kommt davon, wenn Mütter einkaufen. Ich stürme aus dem Haus ohne jemanden anzusehen. Red‘ nicht mit den Toten, sonst heulst du gleich.

Gegen den Wind, immer gegen den Wind mit meinem alten Fahrrad. Schule. Augenblicklich ist wieder die Routine da. Langeweile, Lustlosigkeit und gelegentlich aufblitzendes Interesse an den Mitschülerinnen. Immerhin habe ich den Unterrichtsstoff jetzt locker drauf und halte deshalb wohl besser die Klappe. In der Pause fragt mich Onno Harms, was denn heute mit mir los sei, ich würde doch sonst keine Vorträge halten. So viel zum Thema gute Vorsätze. Wir verabreden uns für den Abend, um nach Norddeich zu trampen.

70 Kilometer. Zu Meta, zur einzigen Diskothek in Ostfriesland, in der gesamten uns bekannten Welt, die zugegeben nicht sehr groß ist, in der nur progressive Musik aufgelegt wird. Von Diskjockeys, die kein Wort sprechen und ganze LP-Seiten durchlaufen lassen, während Meta, die Chefin, einen Kinderwagen voller Flaschen durch ihren Laden schiebt und jeden dazu verdonnert, mindestens einmal am Abend etwas zu konsumieren. Sex and Drugs and Rock’n Roll geht irgendwie anders. Alte Sofas und Sessel, über der Tanzfläche ein Fischernetz. Alle haben lange Haare. Wir sind jung und es ist laut und die Frauen sind schön und wir sind stoned und die Musik ist geil und es wird spät.

Plötzlich schießt mir ein Märchen durch den Kopf. Aschenbrödel, die immer vor Mitternacht wieder zuhause sein muss, weil dann der Zauber verfliegt. Vor Mitternacht gilt nur für Minderjährige, aber verdammt, ich bin auch erst siebzehn. Nach Hause sollte ich trotzdem, denn da gibt es diese Theorie von Erich von Döneken, die gerade durch alle Medien geht und plötzlich weiß ich, dass ich, wenn ich wieder in meinem Leben 2020 aufwachen will, vorher zumindest geschlafen haben sollte.

Onno und ich gehen durch die Nacht, es regnet und da ist einfach niemand außer uns. Zu spät für die, die am nächsten Morgen wieder zur Arbeit müssen, zu früh für die, die noch Stunden Spaß haben wollen.  Kaum einmal ein Auto, das in unsere Richtung fährt. In einer Telefonzelle stellen wir uns unter, bis der Regen etwas nachlässt, dann trotten wir weiter, gegen den Wind. Immer gegen den Wind. Onnos Flasche mit Teufelszeug, extra für die Tour abgefüllt, eine wilde Mischung quer durch die Hausbar seines Vaters, ist längst leer, Leer aber noch längst nicht in Sicht.

Ein Auto nähert sich und es fühlt sich an wie ein Deja-vu, aber es ist eine Erinnerung. Ich erinnere mich an diese Nacht und diese Fahrt. An den Betrunkenen, den voll Breiten, der die Straße ständig in voller Breite ausnutzte und erst auf das panische Hupen der entgegenkommenden Fahrzeuge reagierte und auf die eigene Spur auswich, wir auf dem Rücksitz in Todesangst. Der Wagen hält, die Tür geht auf und ich winke ab. Danke. Haben es uns gerade anders überlegt. Onno ist sprachlos, bleibt es aber leider nicht. Es sind immer noch 68 Kilometer bis nach Leer.

Eine oder zwei Ewigkeiten später stellen wir uns bei einer Tankstelle unter, die erst in einigen Stunden wieder öffnen wird. Ich wringe gerade meine Socken aus, als ein großer schwarzer Mercedes direkt neben uns anhält. Erich von Döneken öffnet die Beifahrertür, sieht mich kopfschüttelnd an und sagt dann: „Steigt ein. Ich bring euch nach Hause.“

Das Knistern einer Brötchentüte und der Duft frisch gebrühten Kaffees wecken mich und ich weiß, dass ich es geschafft habe. 2020 hat mich wieder. Neben mir im Bett schnarcht Onno Harms.

7 Gedanken zu “Auch ich

  1. Schön, den Begriff „fadenscheinig“ mal in seiner Ursprungsbedeutung zu lesen, vielen Dank dafür.

    „Alle haben lange Haare. Wir sind jung und es ist laut und die Frauen sind schön und wir sind stoned und die Musik ist geil und es wird spät.“ bringt die Vibes ganz gut auf den Punkt, da sitzt viel Identifikationspotential dran.

    Und das mit dem Wind kann ich aus langer, eigener, leidvoller Radfahrung nur bestätigen – „Gegen den Wind, immer gegen den Wind“, Klassiker.

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  2. Ich bin nicht sicher, dass es KEINE Zeitreisen gibt. Der Wecker klingelt nicht und ich werde trotzdem wach. Hendrix, denke ich, das war doch gestern. Das Datum zeigt 1970 an. Da muss ein Wurm drinnen sein, Loch hin oder her. Den Döneken wurmt, weil weit und breit kein Außerirdischer in Sicht. Noch nicht in Sicht. Ich döse weg. Dann, später, ein Klingeln. Der Wecker. Das Datum zeigt nun 2020 an. Ich weiß sofort: jetzt bin ich im falschen Film…

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  3. Phantastische Zeitreise in deine Jugend. Dein Text lässt fragen, ob man diese Rückführung in die eigene Jugend auf Dauer wollte. Wenn man das Bewusstsein des älteren Ichs mitnimmt, würde man die Jugend anders verleben, wäre also kein authentischer Jugendlicher. Ohne die ältere Ichidentität und wissend, dass man ein ganzes Leben mit all seinen Höhen und Tiefen nochmals leben müsste – ich wollte das nicht, nicht um den Preis wieder jung zu sein.

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    • In seinem Roman Zeitbeben, sicher nicht sein bester, hat Kurt Vonnegut durchgespielt, wie es wäre, eine bestimmte Zeitspanne erneut zu durchleben, allerdings auf Autopilot, also ohne die Möglichkeit, irgendetwas zu verändern. So, wie du es nennst: alle Höhen und Tiefen nochmals erleben. Nein, klingt nicht gut. Aber ein Ausflug, ach, auch gern öfter mal ein Ausflug in ein anderes Lebensjahr, doch, das wäre schon reizvoll.

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