Zeug

Zeug

Vermutlich sagen die Rummelschublade und der Werkzeugkasten mehr über einen Haushalt, als der Bücherschrank und die Plattensammlung. Okay, die Plattensammlung verrät schon mal das Alter, denn wer eine Plattensammlung sein eigen nennt, ist entweder Hipster oder… äh… alt. Eine Rummelschublade und ein Werkzeugkasten gehören aber zu jedem Haushalt, so zu jedem Haushalt, dass sie eigentlich bei Ikea im Angebot sein sollten. Und damit meine ich nicht die Schublade, die man natürlich im Möbelladen bekommt und den Werkzeugkasten, den man vermutlich auch im Möbelladen, aber ganz bestimmt im Baumarkt kaufen kann.

Die Rummelschublade darf sicher mit der Wundertüte verglichen werden, von der ich allerdings nicht weiß, ob es sie noch gibt. Ihr Name versprach keineswegs, was wir zu finden hofften, nämlich etwas Wunderbares, sondern lediglich, dass ihr Inhalt Verwunderung auslöste. Enttäuschung wäre vielleicht eine zutreffendere Bezeichnung. Aber wer hätte von seinem mageren Taschengeld schon eine Enttäuschungstüte gekauft?

Dass hier die Rummelschublade und der Werkzeugkasten in einem Text, schlimmer, in einem Kontext aufgeräumt – nein, natürlich nicht auf-, sondern abgeräumt werden, spricht allerdings Bände. Und für die Jüngeren unter den Leser*innen: Nein, Bände ist kein falscher Plural von Band im Sinne von gemeinschaftlich musizierenden Menschen, sondern bezieht sich auf Bücher, die, so war das früher, manchmal sogar in mehreren Exemplaren in einem Haushalt vorkamen. Mehrbändig waren zum Beispiel Lexika. Daraus ist aber nicht abzuleiten, dass ein einzelnes Buch als Einband bezeichnet wird. Damit wäre in all dem Durcheinander dieses Textes immerhin auch noch ein Bildungsauftrag erfüllt.

Unser orangefarbener Werkzeugkasten, übrigens ein Geschenk meines Vaters, ist so etwas 40 Jahre alt. Er ist von beeindruckender Größe, jedenfalls für Menschen, die außer einem Hammer, einer Zange und ein paar Schraubendrehern eigentlich kein Werkzeug benötigen. Er ist sogar so groß, dass wir, was wir gerade suchen, nicht finden.

Okay, das hängt vielleicht nicht so sehr von der Größe des Kastens, sondern mehr von unserem Ordnungssystem ab. Dieses System besteht darin, dass wir alles, was einmal gebraucht werden könnte oder was uns so fremd ist, dass wir uns nicht trauen, es einfach wegzuwerfen, im Werkzeugkasten aufzubewahren versuchen.

Bei manchen… Sachen?.. wussten wir zum Zeitpunkt der Einlagerung eventuell auch noch, wozu sie dienen sollten, inzwischen sind sie aber zu mysteriösen Artefakten menschlichen Erfindungsreichtums geworden. Kunststoff- und Metallteile in seltsamen Formen und Maßen, mit und ohne Löcher, gern in altersmilden Farben. Zwischen Schraubenziehern mit rundgedrehten Spitzen und krummen Nägeln, keine Ahnung, wer die in den Kasten geworfen hat, Schrauben und Dübel, Muttern und Unterlegscheiben. Gern auch mal ein Reißbrettstift, der sich schmerzhaft unter den Fingernagel bohrt, wenn gerade wieder einmal etwas gesucht wird. Und natürlich Staub und Flusen. Natürlich nicht aus den letzten vierzig Jahren. Manches davon muss älter sein. Heute habe ich  aufgeräumt. Also von rechts nach links und von oben nach unten. Von einigen krummen Nägeln konnten wir uns trennen. Von Staub und Flusen natürlich auch.

Die rätselhaften Teile, hmm, vielleicht in die Rummelschublade?

13 Gedanken zu “Zeug

  1. Ich habe in diesem Sommer beim Räumen unseres Hauses auch so eine Kiste gefunden, sogar noch abgeschlossen mit einem Vorhängeschloss. Offenbar war eine Werkzeugtruhe vor ein paar Jahrzehnten doch noch eine Schatzkiste, die man schützen musste. Unser Hauswart hat die Truhe aufgebrochen und mit Freude mitgenommen. Hauswarte nehmen alles an Werkzeug, was sie kriegen können, egal wieviel sie in ihrem Kellerabteil schon herumliegen haben 😉

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    • Ein Handwerker legt ja auch großen Wert auf sein Werkzeug, besitzt ja oft auch privates Werkzeug, dass er auch beruflich nutzt. Aus meiner Erfahrung ist es eher so, dass man von allem viel zu viel hat und doch nichts davon brauchbar ist.

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  2. Wohl in jedem Haushalt ist eine Wundertüte anarchischer Wuselvermehrung vorhanden. Die Rückführung auf einen einzigen Einband insofern vollverstehbar. Mit einer Unterlegscheibe sollte das auch überall klappen. – Inspirierter Gruß aus Münster!

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  3. Wundertüten gibt es noch. Hab vor etwa drei Jahren welche für meine Enkel gekauft. Kramladen wären was für Familienhistoriker, wenn man sich bei Gegenständen noch an Anschaffung, deren Grund und Verwendung erinnern würde. In deiner Lade erstaunt mich die Vielzahl der Schraubenschlüssel. Man wünscht sich, die zusammenzutragen und zu ordnen. An derlei Ästhetik kann ich mich erfreuen. Als ich kürzlich bei einem Freund, einem bildenden Künstler, zu Besuch war, fand ich einige Hämmer säuberlich aufeinandergestapelt. Darauf angesprochen, sagte er: „Wenn ich zum Arbeiten erst etwas suchen muss, habe ich direkt keine Lust mehr.“

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    • Die Vielzahl der Schraubenschlüssel erklärt sich aus der dummen Gewohnheit, nicht viel Geld für ein Werkzeug ausgeben zu wollen, das man vermeintlich nicht oft braucht. Dann taugt es nichts und wird durch ein ähnlich untaugliches Teil ersetzt, ohne dass allerdings der glücklose Vorgänger entsorgt würde. Ich ordne auch ganz gern mal, aber das läuft dann aus dem Ruder und ich müsste Kästchen und Kisten und Regale anschaffen, um meiner Vorstellung von Ordnung genüge zu tun. Meistens lege ich den Kram nur ordentlicher in den Werkzeugkasten, das Zeug fliegt dann natürlich gleich wieder durcheinander, wenn dich den Kasten wegstelle. Wer wirklich ernsthaft etwas mit Werkzeug tun will, kann so nicht arbeiten.

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