Abschied mit Anlauf

Jordan White@unsplash

„Wir ziehen um.“

Drei Wörter, zweihundertvierzig Kilometer. Vierzehn sein war auch so schon hart genug. Und da stellten meine Ernährungsberaterin und mein Finanzdienstleister, auch als Mutti und Papa bekannt, doch tatsächlich noch in Frage, wo ich war. Dabei wusste ich nicht mal ganz genau, wer ich war. Aber das mit dem Umziehen war nicht zu diskutieren. Das heißt, diskutieren schon, bis zur totalen körperlichen und psychischen Erschöpfung. Nur änderte das nichts mehr.

„Es ist doch auch schön dort.“

Landschaftliche Schönheit, kulturelle Vielfalt und das Vorhandensein bedeutender Baudenkmäler verschiedenster Epochen gehörten zu den Argumenten, die während der Pubertät und in den darauf folgenden zehn Jahren aber auch so was von daneben waren, dass bereits ihre Erwähnung zur Aberkennung der Erziehungsberechtigung führen sollte. Fand ich.

„Und außerdem hat Papa einen besseren Arbeitsplatz gefunden. Nach den Sommerferien gehst du dann dort zur Schule.“

So gesehen reichten zweihundertvierzig Kilometer nicht aus. Wenn schon umziehen, dann doch bitte so weit, dass es keine Schulpflicht mehr gab oder wenigstens 14jährige mit der Schule fertig wären. Dann könnte ich vielleicht so etwas wie ein Abitur h.c. bekommen. Aber nein,

eine neue Schule musste es sein: eine neue Klasse, neue Lehrer. Neue Mitschülerinnen… – also das war ein Aspekt. Vor kurzem war mir nämlich aufgefallen, dass es Mädchen gab. Gut, theoretisch war das schon länger klar, aber nun hatte ich das echt bemerkt. Leider hatten die Mädchen mich bisher noch nicht bemerkt.

„Wir erledigen jetzt die Formalitäten, besorgen ein Umzugsunternehmen und du verabschiedest dich von deinen Freunden.“

Von Winnetou, Kara Ben Nemsi und Lederstrumpf? Manche Eltern rafften aber auch überhaupt nichts. Ob ich vielleicht die Leseratte war? Ob ich praktisch keine Freunde besaß? Und das praktisch auch nur zur Entschärfung in dem Satz stand? Das konnte ich meinen Eltern aber nicht sagen. Okay, später, Mitte Zwanzig, wenn ich gerade mal dabei wäre, ihnen alles vorzuwerfen, was sie je gesagt, getan oder unterlassen hatten, könnte ich es der Vollständigkeit halber mal erwähnen. Nützte nur im Hier und Jetzt gar nichts. Ich selbst verspürte sogar ein vages Bedürfnis, mich zu verabschieden. War schon doof, dass ich erst mal jemand besser kennen lernen musste, damit ich jemanden hatte, von dem ich mich verabschieden konnte.

Vielleicht sollte ich Jürgen anrufen. Nicht, dass wir Telefon gehabt hätten. Jürgen aber. Er war am Telefon ziemlich locker, auch wenn er einigermaßen überrascht klang. Eigentlich hatte ich ihn auch nicht angerufen, weil ich ihn mehr mochte, als irgendwen sonst aus meiner Klasse oder meinem Umfeld, sondern weil niemand aus der näheren Umgebung zuhause war. Alle waren verreist. Alle bis auf Jürgen. Also verabredeten wir uns.

Es machte Laune, gemeinsam mit Jürgen die Orte der Kindheit aufzusuchen, oder wenigstens die Orte, an denen andere ihre Kindheit verbracht hatten. Jürgen hörte sogar die gleiche Musik und besaß jede Menge Platten. Außerdem spielte er Gitarre in einer Band. Krass. Für die kommende Woche war ein Konzert geplant, im Gemeindehaus. Würde geil.

Ohne mich. Ich zog weg. Umziehen war eh voll blöd. Aber jetzt tat es auch noch weh.

11 Gedanken zu “Abschied mit Anlauf

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