Keiner da

Photo by Apostolos Vamvouras on Unsplash

Da hätte ich mich fast vergessen, sagte der Mann. Was für eine interessante Idee, mal nicht den Schirm oder den Schal zu vergessen, sondern gleich sich selbst. Nach ein paar Stunden auf der Parkbank oder in der Bahn fällt es mir auf. Ich habe mich vergessen. Jetzt bin ich gedanklich längst zuhause, habe mich aber irgendwo vergessen. Vielleicht spricht mich jemand an, fragt mich, was ich denn bei Regen auf der Bank mache, aber ich reagiere nicht. Ich bin ja abwesend, also schon da, aber eben vergessen. Man sammelt mich ein, obwohl, nein, ich bin ja nicht zerstreut, das wäre noch viel schlimmer, ich habe mich ja nur vergessen.

Das soll es ja geben, natürlich nicht ständig, die meisten vergessen sich ja nur fast, also die kehren noch mal um, tun gedanklich einen Schritt zurück ins Restaurant und nehmen die Jacke von der Garderobe und den vergessenen Menschen von Tisch 12 wieder mit. Mir ist das leider nicht passiert. Ich habe mich vergessen. Möglicherweise nimmt mich jemand mit, für das  Sofa. Ein sehr einsamer Mensch, dem es nichts ausmacht, dass ich nur dasitze und nicht mal knurre, wenn Donald Trump oder Bernd Höcke auf dem Bildschirm erscheinen. Dann sitze ich da in Zukunft auf der Eckbank und schaue auf den Parkplatz, den Kalernder von der Sparkasse und die Geburtstagsgrüße von der Adler-Apotheke.

Vielleicht bringt mich auch jemand ins Krankenhaus, aber ich habe ja nichts, wie man schnell feststellen wird, falls man einen Totalausfall als „nichts haben“ bezeichnen kann. Aber organisch ist alles okay. Das wäre andererseits schon schlimm, wenn die mich testeten und feststellten, das mir was fehlt.

Aber es fehlt mir doch auch was? Ich bin ja vergessen worden, da fehlt mir doch was! Ich fehle mir. Aber da ist das Krankenhaus nicht zuständig. Es stimmt nämlich gar nicht, dass mir etwas fehlt, denn wenn einem etwas fehlt, dann sind der Arzt, das Krankenhaus oder das Fundbüro die richtigen Adressen. Aber mir fehlt ja jemand. Ich fehle mir. Ob das vielleicht sogar oft vorkommt? Morgens früh oder abends, nach Feierabend im Zug oder im Bus, da sitzen glaube ich ganz viele, die sich vergessen haben. Die aber nicht durchfahren bis zur Endstation und dann wieder zurück bis nach Wien-Ostbahnhof oder Ostbevern-Brock. Die schon aussteigen und irgendwohin gehen. Auf Autopilot.

Wie ich mich wohl wiederfinden kann? „Er kommt wieder zu sich!“ sagt die Schwester in einer Krankenhausserie oder der Pfleger im Aufwachraum. Aber ich glaube, das ist nicht die Lösung, um wieder ganz bei mir zu sein. Vielleicht muss ich einfach besser auf mich achten, damit ich mich gar nicht erst vergesse.

6 Gedanken zu “Keiner da

  1. Interessante Bedeutungsverschiebung von „sich vergessen.“ Spontan dachte ich an einen Wutausbruch im Sinne von die Beherrschung verlieren, was Selbstbeherrschung verlieren meint. „Selbstvergessen“ zu sein, geschieht im Zustand, der Flow genannt wird. Dein Protagonist fehlt sich. Es erinnert mich an eine Wendung aus dem Aachener Sprachraum: Wenn der Aachener irgendwo fremd ist, dann „kennt der sich nicht.“

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