Papa

Ephraim Moses Lilien / Public domain

Ist das Verlieren eine Augenblickssache, etwas, das in einem Moment passiert, oder ist es auch ein Prozess, der andauert und dessen Ergebnis nicht darin besteht, nicht immer darin bestehen muss, das etwas gänzlich weg ist, sondern das da noch ein wenig, ein kleiner Rest, übrig bleibt, einer, der den Verlust markiert?

Erinnerungen, die wie Live-Fotos wirken, die nicht nur den Augenblick festhalten, in dem der Auslöser gedrückt wurde, sondern 1,5 Sekunden davor und danach. So erinnere ich mich an meinen Vater Franz Willibald Voita. Eine Reihe, nicht viele, dieser kurzen Sequenzen. Eine Art Fotoalbum, dessen einzelne Bilder vertraut sind, die aber auch längst an Farbe verloren haben und zwischen denen keine Beziehungen bestehen, die keine Geschichte miteinander verbindet und die ich auch nicht mehr zu verknüpfen vermag.

Da muss doch mehr sein, viel mehr, aus gemeinsamen Jahrzehnten, mehr als dieses Fragment eines Spaziergangs an der Ubbo-Emmius-Straße in Leer. Ohne Ton, mein Vater einen Kopf kleiner als ich, rechts oder links neben mir. Ich weiß es nicht mehr. Müsste ich das wissen? Noch wissen?

Andere Spaziergänge, ähnlich kurze Szenen.

Manche Bilder, typische Bilder, mein Vater im Esszimmer, die Arme zum Radiogerät erhoben, das oben auf einem Schrank stand, sind so ikonisch, dass sie keinen konkreten zeitlichen Bezug mehr haben, sind mehr eine Geste, wie Robert Lembke sie bei „Was bin ich“ einforderte. Ich kann mich ihm annähern, kann fremde Erinnerungen abfragen, mir Anekdoten erzählen lassen, kenne das „Ach du Scheiße“ mit dem er unerwartete Besucher einmal begrüßte.

Ich kenne Orte, die wichtig für ihn waren, kenne aber seine Heimat nicht, irgendwo in Tschechien, in Nordböhmen, im einstigen Sudetenland, und als wir dort waren, nicht in Kostenblatt, nicht in Stürbitz, sondern einfach nur in Tschechien auf dem Weg nach Prag, auf unbestimmte Weise seiner Heimat näher, war da nur Fremde, war da kein Wiedererkennen, kein Déjà-vu, wie ich es in Wales erlebte, als ich auf einem fremden Bahnhof in einer fremden Stadt in einem fremden Land nachhause zu kommen glaubte.

Seine Verwandten… da ist nur seine Cousine, eine alte Ordensfrau, die ihn kaum kannte, die aber die Brücke zu seiner Herkunft schlägt mit Erinnerungen an meine Urgroßeltern, bei denen er aufwuchs. Seine Eltern kannte sie nicht. Auch da klafft eine Lücke. Nur Namen, keine Gesichter.

Ich könnte in Kirchenbüchern nach den Spuren der Familie suchen, bis ins 17. oder vielleicht auch nur ins 18. Jahrhundert Vorfahren identifizieren und wäre beschäftigt. Ja, es würde mich interessieren, aber käme ich ihm näher? Was hilft es zu wissen, dass Anton Vojta, ein Mann, der Mitte des 19. Jahrhunderts lebte, Maurer und Musiker war? Gäbe es eine Familienähnlichkeit, Charakterzüge, die mich mit dieser langen Reihe von Menschen verbänden?

Ich erinnere mich an sein plötzliches Verstummen, das Ringen nach Worten als Folge eines Schocks, den er erlitt, weil er als kleiner Junge mit dem Schlitten durchs Eis brach. Ich erinnere mich an seine Hände, rau und rissig, sein Gesicht, das sommers wie winters braun gegerbt war von der Arbeit in der Steinfabrik.

Und dann ist da plötzlich die Erinnerung an die Küche in Hagen, in der meine Schlafcouch stand. Früh am Morgen, wenn er zur Schicht musste, betrat er leise den Raum, vielleicht um seine Schnitten zu holen, den Henkelmann und die Thermoskanne für den Tag und dann, ganz beiläufig, zog er mir die Bettdecke über die kalten Füße.

7 Gedanken zu “Papa

  1. Die Frage nach den Ursprüngen hat immer etwas faszinierendes. Einerseits machen die Antworten einem bewusst, dass man tatsächlich nicht der erste (oder die erste) ist, die einmal so etwas wie Leben bewältigen musste, und dann ist da vielleicht ja trotzdem noch eine Antwort auf die Frage, warum ich ausgerechnet so bin, wie ich bin.
    Danke für Deinen persönlichen Einblick!

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    • Danke für deinen Kommentar. Schreiben ist ja auch eine Möglichkeit, das eigene Leben nicht nur zu erzählen, sondern an der ein oder anderen Stellen auch noch einmal nachzufühlen und festzustellen, dass die Zeit die Wunden nicht heilt, sondern nur unter einem dicken Verband verbirgt.

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    • Danke. Eigentlich eher dein Metier, du machst das immer mit leichter Hand und mit einem unverschämt guten Gespür für die Stimmung und den Ton. Das wird nie kitschig, auch wenn da mal die Träne aufblitzt. Für mich war das ein Text, für den ich ein bisschen leiden musste.

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      • Vielleicht sind das die besten Texte. Die, die nicht leicht fallen.
        Danke für das wirklich schöne Kompliment. Es freut mich. Gerade von Eingang bei dem ich selbst so gerne lese.

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