Da Capo

Foto: Elfie Voita

Ich sagte irgendetwas, lachte auf und gab ihm einen Stoß, nicht besonders heftig, aber es reichte, um ihn auf die Straße und vor den herannahenden Bus zu bugsieren. Was danach geschah, weiß ich nicht mehr.

Jedes Wort davon ist wahr – und zwar nicht so wahr, wie es Geschichten sind und auch nicht so wahr, wie etwas wahr ist, wovon in einer Geschichte gesagt wird, dass es wahr sei. Nein, es ist innerhalb und außerhalb dieser Geschichte wahr – und ich bereue nichts. Das heißt, etwas bereue ich schon: Das Ganze hat sich nämlich auf einer Bühne abgespielt und es kam niemand zu Schaden; ich weiß nicht einmal mehr, wer nicht zu Schaden kam. Was ich bereue, ist die Tatsache, dass ich auf dieser Bühne stand und mir gefühlt hunderte von Menschen auch noch dabei zusahen.

Es war der Tag der Schulentlassung und gemeinsam mit unserer Parallelklasse hatten wir wochenlang geprobt. Vielleicht hätte es geholfen, wenn ich wenigstens ein paar Minuten lang meinen Text gelernt hätte. Andererseits war mir klar, dass mir vor lauter Lampenfieber ohnehin kein Wort mehr einfallen würde, wozu also die vergebene Mühe?

Die Generalprobe war ein ziemliches Desaster, was ja angeblich ein gutes Zeichen ist, woran aber offenbar niemand glaubt, der an einer Generalprobe teilnimmt oder gar für das Gelingen der Veranstaltung Verantwortung trägt. Mein Klassenlehrer war nicht so leichtfertig gewesen, mir eine Hauptrolle zu übertragen, er konnte mich aber auch schlecht komplett übergehen. Möglicherweise inspirierte ihn mein Äußeres, denn als Symbol der Rebellion – vermutlich gegen die Innung der Herrenfriseure – hatte ich meine Haare wachsen lassen und sah damit in der Runde meiner rosigen oder norddeutsch hageren Mitschüler einem Studenten am wenigsten unähnlich. Wie schon gesagt, ich weiß nicht mehr, von wem das Stück stammte und wovon es handelte, doch an jenem Vormittag stand ich auf der Bühne und trug durch meine fehlende Textbeherrschung wesentlich dazu bei, das Stück, wenn nicht kurzweiliger, so doch zumindest kürzer zu gestalten.

Wie nicht anders zu erwarten, verlief meine Bühnenlaufbahn ebenso unerfreulich wie bedeutungslos und hätte es sicher verdient gehabt, nach einer angemessenen Phase des Spottes dem Vergessen anheim zu fallen. Dem war aber nicht so. Ich hatte zumindest einen Menschen mit meinen Darstellungskünsten überzeugt, eine Mitschülerin aus der Parallelklasse, die – und das ist wieder die reine Wahrheit – auch noch am Parallelweg wohnte. Ich nenne sie der Einfachheit halber Angelika, weil ich… aber das mit dem Erinnern habe ich glaube ich schon erklärt.

Angelika jedenfalls schoss, wo auch immer wir uns begegneten, auf mich zu und bettelte geradezu darum, noch einmal diese Textpassage von mir hören zu dürfen. Weil ich diesen Text wieder und wieder reproduzieren musste, ist er alles, was ich mir von der ganzen Aufführung bis heute gemerkt habe. Und hier ist er: „Ha!“

9 Gedanken zu “Da Capo

  1. War das nun das, was Du tatsächlich gesagt hast, und was wäre der eigentliche Text gewesen? Oder wäre das der eigentliche Text gewesen, und was hast Du denn stattdessen tatsächlich gesagt? … na ja, ich glauben wir lassen das 😉
    Wie auch immer, ich fühle mich wieder einmal an Loriot erinnert 😊

    Gefällt 1 Person

    • Wie das so ist mit der Vergangenheit. Eine Erinnerung zieht sich immer mehr zusammen, konzentriert sich in diesem Fall auf eine kleine Szene und einen Textfetzen. Vielleicht, weil ich darauf immer wieder angesprochen wurde. Es war der Beginn, der Höhepunkt und das Ende meiner schauspielerischen Bemühungen.

      Gefällt 1 Person

  2. Gib zu, das hast du damals abgekupfert! Schon in Goethes Faust heißt es nämlich: „Ha!“
    (Ha! welche Wonne fließt in diesem Blick).
    Trotzdem war es ein guter Anfang und ich verstehe nicht, warum aus deiner Schauspielkarriere nichts geworden ist. 😉

    Gefällt 1 Person

    • Es gibt einfach zu wenige Rollen, die sich auf dieses gekonnte Ach beschränken.
      Es wäre übrigens eine schöne Aufgabe für Germanist*innen, wahrscheinlich eher eine Masterarbeit: „Intonationsabhängige Symptoninterjektionen: Das Ach in der deutschen Literatur“

      Gefällt 1 Person

      • Du liebe Zeit, bei dir muss man googeln, um die Antwort zu verstehen. 😉
        Also um ein Empfindungswort handelt es sich beim ach so beliebten „Ach“. Wäre ich Professorin, würde ich es tatsächlich für die nächste Masterarbeit auftragen, und wehe die literarische Bedeutung würde unterschätzt!
        Aber eine noch bedeutsamere Rolle spielt das Ach freilich in der Schauspielkunst. Wie du ja weißt. 😉

        Gefällt 1 Person

      • ACH du liebe Zeit, jetzt wo du es sagst … ich habs glatt auch übersehn! Nein, bei solchem Gedächtnis eignen wir uns wohl beide nicht fürs Theater. Es ist schon alles gut, wie es ist. 😉

        Gefällt 1 Person

Das Absenden eines Kommentars gilt als Einverständnis dafür, dass Name, E-Mail- und IP-Adresse gespeichert und verarbeitet werden. Jetzt aber los:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.