Entfristet

Es wurde Zeit. Nein, genau das wurde es nicht. Wie auch? Hat schon mal jemand beobachtet, wie Zeit wird? Zeit vergeht, dass lässt sich beobachten, z. B. an Zügen, die gerade abgefahren sind. Also: Es wurde nicht Zeit, es verging gerade die letzte ihm verbleibende Zeit. Der richtige Moment, um den Onlineantrag auf Gewährung ewigen Lebens auszufüllen. Name, Anschrift, Geburtsdatum… das war schnell erledigt. Dann die Seite mit der Begründung, auch stichwortartig. Er zögerte. Als er zur Welt kam, hatte ihn ja auch keiner gefragt, was er vor hatte mit seiner Lebenszeit. Okay, er hätte die Frage auch nicht beantworten können. Jetzt, nach vielen Jahrzehnten auf diesem Planeten, sollte er wissen, warum er eine Entfristung anstrebte.

Es waren dann doch weniger Gründe, als er eigentlich von sich selbst erwartet hatte. Nächste Seite. Puh, warum er denn, was er in Zukunft zu tun gedächte, nicht bereits erledigt habe. Keine Zeit, wollte er spontan notieren, aber das stimmte natürlich nicht. Ja, vieles hätte er wirklich längst erledigen können, wenn er die ihm zugemessene Zeit auch nur halbwegs genutzt hätte. Zu viel Fernsehen, zu viel Computer, zu viel von allem und zu wenig Zeit für die Dinge, die ihm

doch angeblich so wichtig waren, dass er sie unbedingt noch erledigen wollte. Er rang sich ein paar Zeilen ab, glaubte selbst nicht, was er da schrieb.

Senden, drückte er. Das Programm wies ihn noch auf ein paar Kleinigkeiten hin, AGB, DSGV, Ungenauigkeiten, Widersprüche, dann erhielt er die Bestätigung: Gesendet. Ihr Antrag wird ausgewertet. Einen Moment bitte.

Die bekannte Eieruhr, dann: Ihrem Antrag ist teilweise stattgegeben worden. Sie erhalten 15 Minuten zusätzliche Lebenszeit. Die genehmigten Aktivitäten entnehmen Sie bitte dem Anhang. Dort las er: Den Nachbarn für das Blumengießen danken, die Nachzahlung an das Finanzamt überweisen und… aber etwas Diskretion sollten wir hier schon wahren.

Zwanzig Minuten später fand er sich in einem großen Saal, der ihn stark an die Eingangshalle der Agentur für Arbeit erinnerte. Es gab keine freien Sitzplätze mehr, was ihn nicht sehr störte, denn er hatte genug damit zu tun, sich zusammenzunehmen, was ganz ohne Körper nicht so leicht war. Ständig strebten seine Gedanken und Gefühle in völlig verschiedene Richtungen und was blieb denn dann von ihm übrig, so ganz ohne Gefäß, ohne diese, es schauderte ihn bei dem Wort, sterbliche Hülle. Dabei war es nun wirklich zu spät für die Angst vor dem Tod.

Er sah sich um, wenn er das so nennen konnte, denn Augen… egal, er nahm eben wahr, dass es zwei Schlangen gab, die sich gebildet hatten, eine vor einer Tür über der Jenseits stand, die andere vor einer Tür auf der Nichts stand. Auf der nicht etwa nichts stand, sondern Nichts. Vermutlich für Buddhisten oder Hindus oder wen auch immer. Die Schlange war jedenfalls deutlich länger als die vor dem Jenseits. Es beruhigte ihn, dass es keine Falltür gab, die direkt in die Hölle hinab führte.

Dann war er dran und er hatte das deutliche Gefühl, nicht wirklich gewartet zu haben, was vielleicht damit zu tun haben mochte, dass hier keine Zeit verging, es gab sie schlicht nicht. Es war immer Jetzt. Obwohl das ja eigentlich auch schon vorher, also vor zwanzig Minuten, so gewesen war.

Jenseits? Fisch und Brot, Wasser reichlich, ab und zu Wein. Falls Sie Veganer sind. Wasser und Wein sind garantiert vegan, aber Sie brauchen nichts davon, die Mahlzeiten strukturieren lediglich Ihren Aufenthalt, mehr nicht. Sagt Ihnen Hartz 4 etwas? So ist es hier nicht, Sie brauchen den Antrag nur einmal zu stellen. Sie dürfen hier alles, was Sie bisher mussten und nichts von dem, was Sie gern getan haben. Wollen Sie jetzt fortfahren mit dem Antrag auf das Jenseits? Wenn Sie sich etwas beeilen, schaffen Sie das Florian-Silbereisen-Konzert noch.

Er hörte die letzten Worte schon nicht mehr ganz, die Schlange vor dem Nichts war auch überhaupt nicht so lang, wie er erst geglaubt hatte.

6 Gedanken zu “Entfristet

    • Die Zeit, die in einem Text steckt, lässt sich kaum bemessen, weil er ja schon unter der Oberfläche, also irgendwo zwischen Bewusstsein und Unterbewusstem, vor sich hin brodelt. Gedanken, Formulierungen, ganze Sätze, alles mögliche taucht auf, wird vergessen und dann ist es plötzlich ein Text, der in ein paar Minuten geschrieben ist.

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