Form und Inhalt

Von Creator:François-Nicolas Martinet fils – Martinet, Histoire des oiseaux, peints dans tous leurs aspects, pl. 19, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=56710701

Es hatte mal wieder nicht geregnet. Unser Rasen, gut, die Grünfläche hinter dem Haus, okay, das Grün nehme ich auch zurück, also: Die Fläche hinter dem Haus, die unter günstigeren Bedingungen als Rasen bezeichnet werden könnte, zeigte sich in allen möglichen Farben, von denen uns keine gefiel.

Dunkelbraun, fast schwarz das Moos, kräftig grün der Klee, hellbraun die Erde, die wie kahle Stellen durch lichter werdendes Haar lugte und schließlich gelblich das Gras. Ich vermute ja, dass die Graspflänzchen, die zwischen all dem Kraut um einen Platz ringen, ein Gespür dafür haben, dass ich nicht voller Liebe über die Fläche schreite, dass sie meine unterschwellige Ablehnung ahnen und darauf mit Wachstumsverweigerung reagieren, dass der Rollrasen sich wieder aufrollen und dann trollen möchte, müsste er nicht befürchten, dann im Licht der Sonne zu Staub zu zerfallen wie Graf Dracula.

In solchen Fällen wird gegossen. Nicht regelmäßig, aber immer dann, wenn die Bambusblätter sich einrollen und der letzte Rest Feuchtigkeit in der Vogeltränke eine teerähnliche Konsistenz hat. Ich schritt also langsam mit einer Art Brause am Stiel über die staubige Fläche und goss.

So führte

mich der Weg zum Zaun des Nachbarn und während ich ein paar Pflanzen einweichte, tauchte jenseits des Zauns eine Amsel auf.

Ich habe das in der Fachliteratur überprüft, es war wirklich eine Amsel. Sie riss den gelben Schnabel auf und schmetterte eine Melodie. Es war nun nicht das erste Mal, dass ich einer Amsel zuhörte, wohl aber das erste Mal, dass sie weniger Schritte entfernt ihr Lied sang. Wobei ihre Körperhaltung und ihre Mimik, soweit man bei Vögeln von einer Mimik sprechen kann, nicht auf Gesang hindeuteten, mehr auf ausgeprägt schlechte Laune, ja, Aggressivität. Dieser kleine Vogel schrie die Welt an. In höchsten Tönen. Gleich stellte ich mir die Frage, ob wir den Vögeln unrecht tun, wenn wir von ihrem Gesang sprechen. 30 Strophen, so stand es im Internet, sänge so ein Amselhähnchen und baue in seine Darbietung alle möglichen aufgeschnappten Geräusche ein.

Natürlich will er damit Eindruck schinden bei den Amselhennen, die Konkurrenz aus dem Feld schlagen und einen Plattenvertrag beim NABU ergattern. Aber er will bestimmt etwas erzählen. Über den Typen, der gerade neben ihm steht und die Eiben wässert und dem Nest viel zu nah kommt zum Beispiel. Oder über die Trockenheit, die dafür verantwortlich ist, dass die Würmer, die längst keine Regenwürmer mehr sind, kross aus dem Boden kommen. Die Art der Botschaft dürfte kaum die Eleganz des Vortrags beeinflussen. Einer Serie deftiger Flüche lauschen wir ebenso verzückt, wie einem der Angebeteten gewidmetem Potpourri von Frühlingsmelodien.

Es klingt halt auch alles schöner, wenn man es auf Französisch sagt, während es sich besser auf Arabisch flucht. Oder auf Russisch. Polnisch. Türkisch. Keine Ahnung. Und so ertragen wir kaum das Krächzen der Raben, die einander vielleicht ein mittelalterliches Versepos vortragen, das Gurren der Tauben, die einander möglicherweise vom Markusplatz und den Medicis erzählen. Und ja: Ich weiß, dass die Medicis in Florenz herrschten. Aber wissen die Tauben das auch? Und so stand ich da und lauschte den Vögeln im Garten, während ich die knapp nicht vertrockneten Pflänzchen ertränkte.

10 Gedanken zu “Form und Inhalt

  1. Sie trällern dem Regenmacher Manne ein Dankeschönliedchen 🥳
    Ich staune das du dich zum Ornithologen mauserst.
    Meine Amseln fliegen momentan im Tiefflug durch den Park. Weißt du was das bedeutet? Und der Eichelhäher landet wie ein NH 90 der Bundeswehr.

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  2. Meine Begleiterin klatscht schon, wenn ich unterwegs den Zilpzalp erkenne (der hat genau zwei Töne, vielleicht heißt er deswegen so), so schlecht kann ich mir Vogelstimmen merken. Aber seit zwei, drei Jahren fliegen hier immer Stieglitze, auch unter dem Pseudonym Diestelfink bekannt, durch die Straße und zwitschern, daß es eine einzige Freude ist. Das finde ich ungewöhnlich, denn das ist eine vielbefahrene vierspurige Straße, aber das scheint ihnen nichts auszumachen, mit großen Schwüngen, ungefähr so, wie Spiderman das macht, fliegen sie zwischen den gegenüberliegenden Häusern hin und her. Und hübsch anzusehen sind sie auch. Allerliebst.

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