Arbeit & Vergnügen

Meine Frau hat Urlaub, das bedeutet, dass ich endlich zu den Dingen komme, die ich sonst immer vermieden habe. Nein, es ist nicht so, dass sie mir Aufgaben zuteilt, die ich dann unter Aufsicht zu erledigen hätte, sie fragt nur: „Und, was willst du denn nun machen?“

Mir fällt da gerade Loriot ein.  „Nichts“ oder „Sitzen.“ wären einfach keine adäquaten Antworten. Ich nehme an, dass sie sie akzeptieren würde, aber ich probiere es nicht aus. Nicht, dass ich mich fürchten würde oder mit Konsequenzen rechnen müsste. Es geht nur eben nicht. Also kündige ich an, die Raffstores zu reinigen. Die korrekt Raffstoren heißen, habe ich gerade festgestellt, aber wenn eh keiner weiß, wovon ich rede, wozu mache ich mir dann die Mühe, dass überhaupt zu überprüfen? Jedenfalls gebe ich Essigreiniger in einen Eimer, fülle heißes Wasser, nicht ganz so heiß, kann ja keiner reingreifen, dazu und beginne.

Also nicht jetzt gleich, sondern erst muss ich für geeignete Beschallung sorgen. Musik, das stellt man auf jeder Baustelle fest, gehört offenbar zu den leistungssteigernden Substanzen, also keine Musik. Die ARD-Audiothek wollte ich schon immer mal ausprobieren. Da ich unten im Zimmer meiner Frau anfangen will, werfe ich ihren Rechner an, das dauert immer ein bisschen, suche und finde die… nein, nicht Mediathek, das war falsch, Audiothek und da… da ist ein Hörspiel nach einem Roman von Maarten t‘ Hart.

Ein Schwarm Regenbrachvögel. Habe ich irgendwann mal gelesen, vermutlich auch die Verfilmung gesehen. Aber in meinem Alter ist man ja dankbar, wenn man sich daran erinnert, etwas gelesen zu haben, da erwartet man nicht mehr, irgendwelche Inhalte präsent zu haben. Also starte ich das Hörspiel und nein, ich beginne nicht mit den Raffstoren, sondern putze erst mal das Fenster von innen. Das geht schnell mit entsprechender akustischer Untermalung.

Nun stehe ich vor einem Dilemma: Das Fenster ist sauber, das Hörspiel aber noch nicht zu Ende. Die andere Seite des Fensters befindet sich leider außerhalb des Raums. Draußen sozusagen. Da kann ich aber das Hörspiel nicht mehr hören, denn um das Fenster zu putzen, müsste ich es schließen. Aber bevor das Fenster geputzt werden kann, müssen ja die Raffstoren gereinigt werden. Die sich allerdings ebenfalls draußen befinden. Also höre ich erstmal das Hörspiel zu Ende. Eine gute Stunde. Danach brauche ich eine Pause.

12 Gedanken zu “Arbeit & Vergnügen

  1. Meine Mutter sorgt sich derzeit, dass meinem Vater langweilig sein könnte. Grundlos wie er ihr seit Wochen, Monaten und Jahren, seit Rentenbeginn vor ca 12 Jahren also versichert.
    Gestern machte sie sich besondere Sorgen und versuchte ihm das Reinigen der Rollolamellen schmackhaft zu machen. Ich schick ihm den Link zu dir. Bis er es schafft die Audiothek in Gang zu bringen, hat meine Mutter den Auftrag vielleicht wieder vergessen.

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    • Die Frage „Und, was machst du heute?“, wie sie den Beziehern von Renten oder Pensionen gern mal gestellt wird, ist ja auch irgendwo zwischen Kontrolle, Neugier, Vorwurf und echter Sorge angesiedelt. Der Tag liegt vor mir und es gibt keinerleich Verpflichtung, ihn mit Arbeit zu füllen, es sei denn, sie ist notwendig als Teil der häuslichen Arbeitsteilung oder sie macht Spaß, aber dann ist es für mich keine Arbeit. Schreiben zum Beispiel. Der das Eichhörnchen beobachten. Oder die Blätter der Eiche. Ich hab zu tun.

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      • Viel Freude dabei – es gibt schlechteren Zeitvertreib.
        Jetzt wo du es schreibst, da ist was dran und ich fühle mich ein wenig ertappt. All das klingt in der Frage, wenn ich sie meinen Eltern stelle mit. Nicht immer, aber manchmal. Zum Beispiel zur Zeit (geh NICHT einkaufen – was bei meinem Vater natürlich sinnlos ist)

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    • Danke. Ich mag es, wenn ich die Uhren ticken höre, die Vögel singen und ich dann den langsam aufsteigenden Wunsch verspüre, jetzt gleich etwas zu tun, aber dann doch erst einen Kaffee trinke. Das alles gehört zum Anlauf nehmen für die ganz große Anstrengung, die, an die ich mich gerade nicht erinnern kann.

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  2. Hat mich an meine Schulzeit im 17. oder 18. Jh. erinnert, Schreibtisch am Fenster (Mutti putzte es freilich) und immer akustische Untermalung, auch bei Latein-Hausaufgaben. Audi: ich höre!

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