Ohne Worte

Von Ferdinand Georg Waldmüller – dorotheum.com (Heruntergeladen am 9. Oktober 2013), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28936180

1967 blickte die Welt auf den summer of love in San Fransisco, auf Leer in Ostfriesland schaute keiner, aber da lebte ich nun mal. Auf Beschluss meiner Eltern und ohne Rücksicht auf die Wut und Tränen, die meine Schwester und ich investierten, war der große Möbelwagen angerollt und da saß ich nun.

Nicht, dass ich dort niemanden gekannt hätte. Oh nein, da war zunächst einmal meine Oma, dann meine Onkel und Tanten… also genau die Menschen, die jemand, der unter akuter Pubertät litt, dringend um sich zu sehen wünschte. Und in meiner neuen Klasse fühlte ich mich auch noch nicht so richtig heimisch. Probleme mit der interkulturellen Kommunikation oder schlichter: ich verstand kein Platt und die fanden vermutlich, dass ich ein eingebildeter Städter sei. Während der großen Pausen stand ich zitternd in der ewig steifen Brise, die außer mir keinem mehr auffiel, sah den robusten Naturburschen zu und fragte mich, wie es mit mir weitergehen sollte.

Dann war da auf einmal dieses Mädchen. Blondes, leicht gelocktes Haar, eine modische Kurzhaarfrisur, mitten im Gedränge und Lärm des Schulhofs, eine unter vielen und zack, hatte sich etwas verändert. Wenn ich mich auch noch längst nicht eingelebt hatte, weg wollte ich jetzt nicht mehr. Die nächsten Pausen verbrachte ich damit, sie aus der Ferne anzuhimmeln oder ihr unauffällig zu begegnen. Kein Kunststück, denn sie drehte am Arm ihrer Freundin Runde auf Runde um den Schulhof. Zuhause hörte ich nur noch bei offenem Fenster Musik, saß auch gern mal auf der Fensterbank und kontrollierte erwartungsvoll die kleine, ungepflasterte Straße vor dem Haus, aber außer dem Bäcker, dem Milchmann, dem Postboten und dem Fischhändler kam eigentlich nie jemand vorbei. Doch, die Müllabfuhr.

Bald war mir klar, dass mein Zustand, den ich gewiss nicht als Verliebtheit benannt hätte, eher als eine emotionale Beeinträchtigung, deren langfristige Auswirkungen noch nicht abzuschätzen waren, sich nicht ganz von selbst verändern würde. Immerhin war ich fest davon überzeugt, dass „sie“ nichts von meiner heimlichen Schwärmerei mitbekommen hatte. Als langjähriger Ehemann und Vater von zwei Töchtern weiß ich inzwischen natürlich, dass weibliche Wesen eine Art drittes Auge besitzen, das ihnen jeden Bewunderer wie einen leuchtenden Punkt auf einem Radarschirm erscheinen lässt.

Plötzlich stand in der Pause ihre Freundin vor mir und – was noch schlimmer war – sprach mich an. „Redete mit mir“, wäre eine unzutreffende Beschreibung der Situation gewesen, weil das implizierte, dass ich geantwortet hätte, was ich ganz gewiss nicht tat. Sie fragte mich nämlich, ob ich ein Schulbuch, das ich nicht mehr brauchte, an ihre Freundin verkaufen könne und legte, nachdem ich genickt hatte, auch noch den Treffpunkt und die Uhrzeit für die Übergabe fest. Ich nickte wahrscheinlich immer noch, als sie längst wieder in ihrer Klasse war.

Stille Schwärmerei ist eine Sache, ein Date eine ganz andere. War das ein Date? Wollte sie mich treffen oder wollte sie wirklich nur das Buch? Himmel, war das alles kompliziert. Vermutlich würde mir in ihrer Anwesenheit die Stimme wegbleiben und wenn nicht, was sollte ich sagen? Nein, so ging das nicht. Ich musste ihr schreiben, etwas schreiben… einen Liebesbrief? Quatsch, zu kompliziert, was schrieb man da überhaupt? Und wie übergeben? Klar, in dem Buch… oder, noch besser, gleich ins Buch hinein schreiben! Ich setzte mich an meinen Tisch und formulierte mein Geständnis. Der Wortlaut ist mir entfallen, es wird kaum mehr als ein „ich mag dich sehr“ oder etwas ähnlich Originelles gewesen sein.

Wir trafen uns am Bahnübergang. Passenderweise waren die Schranken geschlossen und so konnte ich sie, während wir auf den Zug warteten, auf der anderen Seite der Gleise stehen sehen und einigermaßen unverhohlen betrachten. Leider kam der Zug dann irgendwann, wir gingen aufeinander zu, grüßten uns, ich gab ihr das Buch, sie mir das Geld, wir verabschiedeten uns wieder und ich ging nach Hause. Meinen Text hatte ich vorher natürlich sorgfältig wieder ausradiert.

9 Gedanken zu “Ohne Worte

  1. Heute scheint das alles viel unkomplizierter. Da reicht ein Zettel: Willst Du mit mir gehen: ja – nein – vielleicht?
    Wobei das Du heute natürlich auch klein geschrieben wird…
    Aber die Stimmung, die Du beschreibst, hat mein affektives Gedächtnis sehr wohl gespeichert. Wer weiss, wo ich heute wäre, wenn ich damals nicht so ein gehemmter Angsthase gewesen wäre 😉

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  2. Ja, der Summer of Love, 67, ich war sieben Jahre alt und Georg vom Nachbarshof machte mich platt in der Pause in der Zwergschule auffem Dorf. Zehn Jahre später hieß „akute Pubertät“: Kannst Du mir mal Dein Fahrrad leihen, ich bin auch gleich wieder da. Schwarze Haare, enge Jeans, Top, spätere Ehefrau. (!)

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