Lauter Leise

Es ist stiller geworden. Das ist vermutlich nicht nur mir aufgefallen. Ich sitze am Rechner und höre Männer, die sich draußen unterhalten. Es dürfte noch stiller sein, denke ich, weil ich, nachdem ich die Stimmen gehört habe, sie nicht mehr nicht hören kann. Als hätte ich meine Ohren wie eine Satellitenschüssel in ihre Richtung gedreht.

Wie still muss es sein, damit ich mich konzentrieren kann? Arno Schmidt war Bargfeld zu laut. Irgendwo habe ich gelesen, er sei bereits um 1 Uhr aufgestanden, um zu arbeiten. Das stimmt so wohl nicht, es war ihm dort, in der Heide, da, wo die Straße aufhörte, tagsüber einfach zu laut.

Jetzt habe ich doch gerade nichts mehr von all den Stimmen draußen gehört, weil ich mich konzentriert habe. Wie ist das nun, kann ich mich nicht konzentrieren, weil da die Stimmen sind, oder sind die Stimmen weg, wenn ich mich konzentriere? Ach, vermutlich gilt mal wieder beides. Es ist nicht der leise Lärm, der mich stört, ich brauche die innere Ruhe und die lässt sich nicht herstellen, indem ich um Ruhe bitte.

Schmidt brauchte Kaffee und Schnaps und Tabletten, um an den Ort zu gelangen, an dem die Wörter sind. Die richtigen Wörter. Ich will da auch hin, auch wenn ich fürchte, dass Schmidt einen Ort kannte, den ich nicht finden werde. Sätze finde ich, gern auch bei dem alltäglichen Sound der Welt, aber Wörter verstecken sich manchmal  vor mir, dann muss es leise sein, dann ist es, als müsse ich sie hören.

Wie wäre es wohl, wenn der größte Erzähler, der bedeutendste Dichter, der, den alle lesen und hören wollen, an seinem größten Werk säße und nein, ich meine nicht George R. R. Martin, der versucht, Game of Thrones doch noch zu einem Ende zu bringen, oder meinetwegen, wenn wir uns auf keinen anderen einigen können: Also Martin sitzt da und spürt, wie sich die Inspiration heranschleicht, wie die Muse die Lippen spitzt und ihn gleich küssen wird und die Fernsehkameras sind auf das Haus gerichtet und der Papst betet für ihn und CNN hat Reporter in seinem Garten und der Flugverkehr ist eingestellt und jetzt hören wir in der allertiefsten Stille, wie sich der Stift auf das Papier senkt, das leichte Kratzen der goldenen Feder auf dem handgeschöpften Büttenpapier und dann, gerade bevor das erste Wort, der erste Satz eines genialen Finales sich manifestieren kann, grölt Malte aus Pagelsdorf „Shit, mein Akku ist alle“ und der Zauber ist verflogen.

15 Gedanken zu “Lauter Leise

  1. Die „Stille, wie sich der Stift auf das Papier senkt, das leichte Kratzen der goldenen Feder auf dem handgeschöpften Büttenpapier“ endlich mal was Bergisches produziert, diese produktive goldene Stille suche ich demnächst in Wuppertal:

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  2. Moin! Ja, es ist stiller geworden. Wir sind sogar an einen noch stilleren Ort gezogen, als zuvor. Habe ich früher in meinem, meist gut besuchten, Stammcafe in Kiel einen halben Roman niedergeschrieben und gegenüber den mich umgebenden Geräuschen eine Art abrufbare Taubheit entwickelt, sitze ich jetzt in einer Siedlung mit Kleingärten und in einem Zimmer für mich allein, in dem ich theoretisch ein schnelles kreatives Ende finden könnte, also mein Roman. Aber nun fühlt es sich eher so an, als würde ich das bunte Rauschen der Grossstadt vermissen und jeder Nachbar, der einen Gruss über den Zaun wirft und jedes Automobil, dass über das nett anzusehende Katzenkopfpflaster brettert, erschüttert meine Suche, die sie so schön treffend beschrieben haben, bis in seine Grundfesten. Die Frage lautet: Kann man etwas an einem anderen Ort zuende schreiben? Gibt es Orte, die sich fürs Schreiben besonders gut eignen? Mir kommt es so vor, dass ich mich bisher an verschiedenen Orten auch ganz verschieden textlich ausgedrückt habe. Gruss aus Ostfriesland

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    • Danke für das Teilen der persönlichen Schreiberfahrungen. Ja, ich denke, das ist gut beobachtet. Vermutlich ließe es sich wissenschaftlich nicht messen, aber ich denke auch, dass der Ort, an dem ein Text entsteht, auf den Text wirkt. Alles andere würde ja bedeuten, dass wir uns gegen alle Einflüsse abkapseln könnten und der Text völlig unabhängig von Zeit und Raum und Ort und überhaupt der ganzen Welt nur ins uns entstehen würde. Nur wie zeigt sich das? Meine Texte entstehen fast immer hier an meinem Schreibtisch. Vielleicht sollte ich es auch mal mit einem Strandhaus in die Dünen versuchen.

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      • Ja, bis zu einem gewissen Punkt scheint das mit dem Abkapseln zu funktionieren. Eine zeitlang habe ich eine Schreibwerkstatt besucht und dort bemerkt, dass ich in der Lage bin einen mehr oder manchmal weniger brauchbaren Text unter Zeitdruck auf das Papier zu bringen. Sie sind da wohl eher der Spezialist als ich als Laie. Ausserdem beherrschen Sie es, eine Leichtigkeit in Ihre Texte zu bringen, um die ich ziemlich ringen muss. Eine eigene Sprache, einen Klang, die einen Text ausmacht unter anderen Bedingungen, einer Stimmung oder einem Ort, zuende zu schreiben, scheint mir ein ganzes Stück Arbeit zu werden. Die Idee mit der Hütte am Strand klingt verlockend;-)!

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      • Ja! Ein Text aus einem Guss, angefangen und zuende gebracht, ohne den Stift aus der Hand zu legen, ist ganz klar die beste Lösung. Überarbeiten kann man dann immer noch. Bei längeren Texten geht das nicht, da ist es wohl wirklich Arbeit. Ich muss dann lesen, Formulierungen überdenken, etwas ändern, um dann fast unmerklich wieder im Text zu sein. Und ich brauche dafür Zeit, zumindest das Gefühl, viel Zeit zu haben, damit ich keine Ausrede habe.

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      • Stimmt, so geht’s mir auch. Und ich bin gut darin, Ausreden zu finden. Deshalb liegen auch so viele Texte bei mir herum, die nochmal überarbeitet werden sollten und die ich schon seit Jahren an Verlage schicken wollte. Ich bleibe wohl ungelesen;-). Und das mit dem Haus am Meer ist auch so eine Sache. Steine oder Seeglas dürfte da nicht herumliegen. Ich würde Sie suchen, statt nach Worten…Grüsse aus Ostfriesland.

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