Der Tagedieb

Von Albert Letchford – File:Tales from the Arabic, Vol 1.djvu, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=61330156

Wieder einmal ein Beitrag aus der Reihe „Zu Recht vergessene Jugendwerke“. Es geht hier nicht um den CVJM oder die FDJ, sondern um Texte, die ich vor  vielen Jahrzehnten geschrieben habe.

Der Tagedieb

Im Morgenland erzählt man sich bis auf den heutigen Tag Märchen und Legenden, aber auch alte Wahrheiten werden so von Generation zu Generation weitergetragen. Einst wurde mir diese Geschichte erzählt, deren Echtheit mit der Erzähler beim Barte seiner Großmutter beschwor.

Meine Geschichte ist seltsam; würde sie mit Sticheln in die Augenwinkel gestichelt, sie wäre eine Warnung für einen jeden, der sich warnen ließe. Und dies ist sie:

In den Tagen des Hārūn al Raschīd lebte in Bagdad ein Weiser, der lange Jahre treue Dienste für den Kalifen und seine Wesire geleistet hatte und mit vielen Ehrengewändern  dafür belohnt worden war. Nun jedoch war er in Ungnade gefallen, weil er in den Ruch geraten war, mit Geistern Umgang zu pflegen, die nicht zu den rechtgläubigen zählten. Seiner Ämter und seines Ansehens beraubt, sann er auf Rache und fand – mit Hilfe jener frevelhafter Geister, mit denen er sich tatsächlich gemein gemacht hatte – einen Weg, der nur einem verwirrten Geist entspringen konnte.

Er stahl einen Tag aus der Woche –  und zwar den Montag. Anfänglich bemerkte niemand, was geschehen war, doch dann brach der Winter ein – um viele Wochen zu früh, denn das Jahr war um 52 Tage kürzer geworden. Kein Mensch konnte sich erklären, was geschehen war und als auch noch der Dienstag gestohlen wurde, begannen Männer und Frauen, Kinder und Greise zu zittern, denn ihre Lebenszeit verrann viel schneller, als sie erwarten durften.

Da jedoch machte der Tagedieb einen verhängnisvollen Fehler: Er wollte den Sonntag stehlen, der doch von Gott gesetzt ist. Mit seinen von Geisterkraft gestählten Armen gelang es ihm auch, den Sonntag aus seiner Verankerung zu reißen, doch er vermochte ihn nicht festzuhalten, er rollte ihm  aus den Händen und polterte durch das ganze Jahr, so dass es plötzlich an den unmöglichsten Stellen Sonntag wurde, manchmal mitten am Tag und wohl auch zweimal hintereinander. Da erschraken selbst die bösen Geister und ließen von ihrem Tun ab. Der Weise aber bereute und gab den Montag und den Dienstag beim Kalifen ab.

 Anmerkung

In der Welt, aus der dieser kleine Text stammt, gab es noch Mohammedaner und die lebten in Persien oder in Märchenbüchern, aber die saßen nicht neben einem in der Schule. Wir hatten ein Zirkuskind in der Klasse. Nein, der machte keinen Zirkus, er ging bei uns zur Schule, solange der Zirkus seine Zelte in Hagen aufgeschlagen hatte. Das war es. Exotischer wurde es nicht. Auch während des Studiums änderte sich das nicht. Nicht mal mehr Zirkuskinder hatten es an die FH geschafft.

Vielleicht war jemand katholisch, das war in Emden schon etwas Besonderes. Klar, es gab Türken, Italiener, Portugiesen und People of Color in der Stadt, aber die fanden in den Studentenkneipen nicht statt. Die arbeiteten auf der Werft oder bei VW. Trotzdem hätte ich wissen können, wusste ich bestimmt auch, dass der Sonntag nicht gerade der Ruhetag der Moslems ist. Dass die Wochentage bis auf den Freitag und Samstag im Arabischen durchnummeriert werden,  der Freitag يومُ الجمعة  Tag der Versammlung heißt, das wusste ich bis gerade nicht. Danke Google. Damals besaß ich ein einbändiges Lexikon, wie sich die Zeiten doch ändern, heute habe ich keins mehr. Ach ja, den Bindestrich verwende ich auch nicht mehr mit so großer Begeisterung.

5 Gedanken zu “Der Tagedieb

  1. Deine Erzählung gefällt mir gut, sie hebt an auf eine Weise, die an vertraute Erzählstrukturen erinnert. Dass nicht alles sachlich richtig ist, stört mich ganz und gar nicht. Besonders der durchs Jahr trudelnde Sonnntag ist eine schöne Idee. Märchenhaft, wenn es unvermittelt Sonntag werden kann.,

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    • Danke, lieber Jules. Es gibt da einen alten Ordner mit Texten. Wenn ich sie heute lese, erkenne ich, woran oder an wem ich mich orientiert habe. Fingerübungen, bei denen die Idee von mir stammt, der Ton aber, die Art des Erzählens abgelauscht, nachgebaut ist.

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