Mit anderen Augen

Von Michielverbeek – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5129016

Maarten t’ Hart, der niederländische Schriftsteller, der vor nicht allzu langer Zeit seinen 75. Geburtstag feierte, na, sagen wir: dessen 75. Geburtstag vor kurzem gefeiert wurde, er selbst ist wohl kein Mensch, der Feierlichkeiten schätzt, hat, was sollte ein Schriftsteller auch sonst tun, ein Buch geschrieben und seinen Leser*innen damit ein Geschenk gemacht. De Nachtstemmer heißt es und ist wohl noch nicht auf Deutsch erschienen. Es handelt von einem Mann, der Orgeln stimmt. Es handelt auch von einer Frau und ihrer Tochter. Es spielt, und das ist für mich der Anlass, diesen Text zu verfassen, in Maassluis.

Na und, wird fragen, wer weiß, dass Maarten t‘ Hart aus Maassluis stammt und gefühlt 90 Prozent seiner Romane und Kurzgeschichten dort angesiedelt sind. Wer weder Maarten t‘ Hart noch Maassluis kennt, darf trotzdem weiterlesen, denn es geht mir nicht um Maarten t‘ Hart und auch nicht um Maassluis. Es geht um den literarischen Kunstgriff, mit dem der Autor in diesem neuen Buch ein ganz anderes Maassluis kreiert.

Gabriel Pottjewijd, so heißt der Nachtstimmer, stammt nämlich

nicht aus Maassluis, sondern lebt in Heiligerlee, einem kleinen Ort in der Provinz Groningen, noch genauer im Oldambt. Heiligerlee, dachte ich mir, da klingelt doch etwas. Aber es klingelte nichts, ich hatte keine Ahnung. Den 23. Mai 1568 hatte ich nicht auf dem Schirm, obwohl an diesem Tag die Schlacht von Heiligerlee stattfand, die erste Schlacht des achtzigjährigen Krieges, der erst mit dem Frieden von Münster und Osnabrück endete. „Unser“ dreißigjähriger Krieg war nämlich nur eine Art Zugabe zu dem längst tobenden Konflikt zwischen Spanien und den Niederlanden.

Nachdem auch das geklärt wäre, obwohl es selbstverständlich keinerlei Bedeutung für diesen Text hat, zurück zu dem angekündigten Kunstgriff: Pottjewijd kommt aus Heiligerlee und sucht Maassluis als Fremder auf. Das führt zu einem völlig anderen Blick auf die Stadt, auf die Straßen, den Hafen und die Menschen. Muss man ein begnadeter Autor wie Maarten t‘ Hart sein, um den Kopf so frei zu bekommen, dass man die eigene Heimat mit den Augen des Fremden betrachten kann? Es wäre ein spannendes Experiment, das ich leider nicht durchführen kann. Meine Geburtsstadt ist mir völlig fremd geworden, die kann ich wie jede andere fremde Stadt betrachten. Darum geht es aber nicht. Es geht ja gerade darum, das Vertraute neu zu sehen, auch die Hässlichkeit und Enge, das Verdruckste und Unangenehme aufzudecken und nicht blind vor lauter Kindheits- und Jugenderinnerungen immer mitzudenken, was man weiß, was man fühlt und was man kennt. Jede andere Stadt, in der ich später gelebt habe, hat vielleicht einen emotionalen Wert, ja, zugegeben, hat sie, aber ist nicht Heimat, nicht vertraut genug.

Schade.

Ein Gedanke zu “Mit anderen Augen

  1. Von Martin Hart habe ich tatsächlich ein Buch gelesen, als Übersetzung ins Deutsche freilich.
    Ich empfehle: Heimat. Schöne Fremde, von Hermann Peter Piwitt, Wallstein Verlag 2010.

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